Schulpsychologin spricht über Noten, Scham und Zwischenzeugnisse
Schlechte Schüler schämen sich

Wer schlechte Noten hat, schämt sich oft dafür. Das weiß Schulpsychologin Dagmar Mortler aus fast 30 Jahren Berufserfahrung. "Denn seit jeher ist der Wunsch da, gut abzuschneiden." Bilder: dpa/Schönberger
 
Wer schlechte Noten hat, schämt sich oft dafür. Das weiß Schulpsychologin Dagmar Mortler (rechts) aus fast 30 Jahren Berufserfahrung. "Denn seit jeher ist der Wunsch da, gut abzuschneiden." Bilder: dpa/Schönberger

Wer ein mieses Zeugnis bekommen hat, kann sich melden. So lautete das Angebot des "Neuen Tags" kurz vor der Ausgabe der Zwischenzeugnisse Mitte Februar. Gemeldet hat sich keiner. Also drängt sich der Schluss auf, es gibt keine schlechten Schüler in Weiden und der Region. Die staatliche Schulpsychologin widerspricht.

Ein Gespräch mit Dagmar Mortler über Leistungen, Scham und eine Schule, an der es Zwischenzeugnisse gar nicht mehr gibt.

Hand aufs Herz: Gibt es keine schlechten Schüler bei uns?

Dagmar Mortler: Doch. Natürlich.

Warum meldet sich dann keiner?

Mortler: Mit guten Noten zeigt man sich gern nach außen. Aber eben nur mit den guten Noten. Mit schlechten Leistungen geht man nicht hausieren. Das zeigt sich schon im Klassenzimmer.

Was passiert im Klassenzimmer?

Mortler: Die Schülerinnen reagieren ganz unterschiedlich. Ich selbst teile Schulaufgaben immer sehr diskret aus. Dabei beobachte ich, wie manchmal die Hand von Schülerinnen gleich auf die Note wandert. Wer bereit ist, schaut sich das Ergebnis an, für sich, in seinem Tempo - und dann verschwindet die Schulaufgabe in der Tasche. Höchstens die beste Freundin erfährt die Note.

Und dann gibt es da das Zwischenzeugnis. Jeder weiß, wann. Viele fragen ganz konkret danach. Wie sollte ein Schüler reagieren?

Mortler: Er muss nicht lügen. Er kann sagen, es hätte besser sein können. Oder er reagiert schlicht gar nicht auf die Frage. Schließlich soll man sich nicht aushorchen lassen. Noten gehen niemanden was an.

Außer den Schüler selbst, seine Eltern und die Schule. Was können sie alle bei miesen Leistungen tun?

Mortler: Der Schüler sollte sich hinterfragen: Woran liegt die schlechte Note? Bin ich zu faul, habe ich Verständnisprobleme oder Lücken und deshalb kumulierte Schwierigkeiten? Je nachdem, wie die Antworten ausfallen, sollen Eltern ihr Kind unterstützen - und Hilfe suchen.

Etwa bei den Schulen?

Mortler: Zum Beispiel. Das Beratungssystem an Schulen ist wirklich gut. Man ist dran an den Schülern. Gymnasien etwa bieten zahlreiche Stützmaßnahmen an wie individuelle Lernzeit oder Intensivierungsstunden in den Problemfächern. Am Elly-Heuss-Gymnasium gibt es seit heuer etwa gar kein Zwischenzeugnis mehr.

Wie bitte? Das Zwischenzeugnis ist abgeschafft?

Mortler: Genau. Drei Zwischenberichte ersetzen es. Die Schulordnung sieht mindestens zwei vor. Der Elternbeirat wünschte sich drei. So machen wir das jetzt.

Was beinhalten diese Berichte?

Mortler: Alle - und ich betone: wirklich alle - beinhalten die Einzelnoten in den jeweiligen Fächern und die Endnote mit Kommastelle. Ergänzt werden die Berichte mit Empfehlungen und Sprechstundenhinweisen. Den ersten Zwischenbericht gibt es Anfang Dezember, den zweiten zum Zwischenzeugnis und den dritten im April. Da geht nichts mehr mit Mogeln daheim. Doppeltes Netz, doppelter Boden für alle. Ich find's gut.

Entsprechend gibt es keine Überraschungen am Zeugnistag?

Mortler: Überraschungen hat es noch nie gegeben. Außer Eltern nehmen keine Briefe an, Schüler fälschen die Unterschriften unter den Schulaufgaben und so weiter. Aber diese Kombination ist mehr als selten. Entsprechend ist es immer um die Zeugniszeit relativ ruhig bei mir im Büro.
Nicht aushorchen lassen.Schulpsychologin Dagmar Mortler über die lästigen Fragen zum Zeugnis


Zur PersonDagmar Mortler arbeitet seit fast 30 Jahren als Schulpsychologin. Zwischenzeitlich war die Studiendirektorin für sieben Gymnasien zuständig. Aktuell ist die Psychologin, die am Elly-Heuss-Gymnasium auch Deutsch unterrichtet, Ansprechpartnerin für die Schüler des "Elly" und des Neustädter Gymnasiums. Mit 110 Fällen, von Prüfungsangst über familiäre Probleme und Krankheiten bis hin zu Motivationsschwierigkeiten, beschäftigte sie sich vergangenes Schuljahr. Aktuell liegt die Zahl bei 60 - Tendenz steigend. (mte)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.