Sechs Damen über 60 helfen in Kenia
140 Kilo Spenden im Gepäck

Drei von sechs Frauen aus Weiden und Umgebung, die im November nach Kenia gereist sind: (von links) Rosi Weidlich (68), Marianne Succhi (82) und Hannelore Schmidt (72). Jede hatte einen zweiten Koffer dabei, der mit Schuhen, Blusen, Hemden, Hosen und Kuscheltieren für die Bedürftigen in dem Land gefüllt war. Bild: Hartl
 
Geduldig stehen die Frauen Schlange, bis sie sich ein Kleidungsstück aussuchen dürfen, das die Gäste aus der Oberpfalz mitgebracht haben. In dem Projekt "Engel für Afrika" - gegründet von der aus Eschenbach stammenden Christine Rottland - häkeln die Frauen unermüdlich kleine bunte Baumwoll-Engel. Die sichern nicht nur ihr Einkommen, sondern auch das Mittagessen der Schulkinder, das für die Jungen und Mädchen ungeheuer wichtig ist.

Reiseziel Kenia: Sechs abenteuerlustige Damen im Alter von 68 und 82 Jahren, zwölf Koffer voller Kleidung, Schuhe und Kuscheltiere und eine ehemalige Schulkameradin, die nahe Mombasa Hilfsprojekte für Kinder und Mütter betreibt. Klingt spannend? Ist es auch.

Den Anstoß gibt Kursteilnehmerin Elisabeth. In einer von Marianne Succhis Englisch-Stunden erzählt sie, dass sie demnächst zum 18. Mal nach Kenia fliegt. Sie liebt das Land. "Kenia, Nairobi, da möchte ich auch mal wieder hin", sagt Marianne Succhi. Von 1977 bis 1985 hat die ehemalige Pan-Am-Stewardess mit ihrem Mann dort gelebt. Er war als Generaldirektor der Fluggesellschaft für ganz Ostafrika zuständig.

Lange Anreise


Doch zurück zum Kurs: "An diesem Tag waren wir zu zweit, einen Tag später schon zu sechst." Sechs Frauen aus den Englisch-Kursen der 82-Jährigen am Maria-Seltmann-Haus machen sich im November gemeinsam auf die Reise nach Ostafrika. Ihr Gepäck ist gewaltig: Turkish Airlines erlaubt 45 Kilo pro Person. Jeweils die Hälfte davon füllt das hilfsbereite Sextett mit Kleidung und anderen Spenden, die es eifrig bei Verwandten und Bekannten einsammelt. Mit einem Kleinbus und zwölf Koffern geht es zum Flughafen Nürnberg. Der Anflug zieht sich: viereinhalb Stunden Aufenthalt in Istanbul, Zwischenlandung am Fuße des Kilimandscharo und dann noch mit dem Bus weiter ins Hotel.

Zwei Tage zuvor hat Hannelore Schmidt ihre Kontakte zu ihrer ehemaligen Schulfreundin Christina neu belebt, die seit 20 Jahren in Kenia lebt und dort Hilfsprojekte betreibt. In Tiwi, 15 Kilometer von Mombasa: Das Projekt "Engel für Afrika" sichert den Frauen mit 70 Euro im Monat ein für dortige Verhältnisse gutes Gehalt. Und eine Schule für Kinder, die seit kurzem offiziell anerkannt ist und mittlerweile von der Vorschul- bis zur achten Klasse reicht. "Ich war wie erschlagen, was für ein großes Projekt das ist. Eine tolle Sache", sagt Reiseteilnehmerin Hannelore Schmidt (72), frühere Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Neustadt. "Kristina bringt die Kinder von der Straße, vermittelt Patenschaften", fügt Marianne Succhi hinzu. Sie bewundert den Eifer der Kenianerinnen: "Sie sitzen acht Stunden am Tag kerzengerade auf dem Boden und häkeln Engel. Dabei wissen sie ihre Kinder in der Schule gut versorgt. Für den Heimweg brauchen manche zwei Stunden."

Genau die richtige Anlaufstelle also, um einen Großteil der Spenden aus Weiden und Umgebung unter die Menschen zu bringen. "Die Frauen haben uns singend empfangen, wir mussten mit ihnen tanzen." Die Augen der 82-Jährigen leuchten in der Erinnerung. "Sie haben sich so gefreut über die Sachen, die wir dabei hatten." Und eine Disziplin bewiesen, die ihre Gäste aus Deutschland erstaunt hat. Alle sind geduldig in einer Reihe angestanden, um sich eines der Kleidungsstücke auszusuchen, die im Hof ausgebreitet waren. "Nur eine hat zwei Teile genommen", erzählt Marianne Succhi. Das zweite Teil war für eine Kollegin, die an diesem Tag fehlte.

Kuscheltiere für die Kleinen


Für die Schulkinder gab es Kuscheltiere. Sie erhalten in der Schule nicht nur die für ihre Zukunft so wichtige Bildung. "Education is the key: Bildung ist der Schlüssel, hat ein Junge immer wieder gesagt", erzählt Hannelore Schmidt. Die Mädchen und Jungen bekommen dort auch Frühstück und Mittagessen. Es gibt keine Unterernährung. Was die 72-Jährige besonders beeindruckt hat: "Christen und Moslems gehen alle in eine Klasse. Sie gehen respektvoll miteinander um. Es gibt keine Schwierigkeiten." Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Frauen hebt Marianne Succhi besonders hervor. "Sie helfen einander und wenn eine etwas mehr verdient, nimmt sie sogar Kinder von der Straße auf. Dabei haben sie selbst alle mehrere Kinder."

Auch die Bediensteten im Hotel und andere Kenianer wurden von den Oberpfälzerinnen beschenkt. Ein Hotelangestellter brach sogar in Tränen aus. Warum? Marianne Succhi hatte einen Koffer mit weißen Hemden geöffnet, den ihr eine Freundin mitgegeben hatte. "Er war überglücklich: Jetzt kann ich endlich heiraten, hat er gesagt."

Dabei ist in Kenia durchaus nicht alles eitel Sonnenschein. "Man spürt die Gewalt", sagt Hannelore Schmidt. "Direkt vor unserem Hotel ist ein Taxifahrer erschossen worden", berichtet Rosi Weidlich. Die ehemalige NT-Angestellte ist ebenfalls mit von der Partie. Für Fahrten nach Mombasa wurden nach einer Warnung keine Tickets verkauft. Und Marianne Succhi verzichtete auf einen Besuch in Nairobi, obwohl sie ihr ehemaliges Haus gerne wieder gesehen hätte. "Aber da gab es Unruhen."

Überhaupt hat sich seit den 70er und 80er Jahren, als sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann dort lebte, einiges verändert. "Das Land ist verarmt", bedauert sie. "Es gibt viel Korruption, und dem Regierungschef sind die Menschen egal. Aber das Land ist schön, und die Menschen sind genauso freundlich wie früher." Ein Grund, um sich 2016 erneut auf den Weg zu machen? "Mal sehen", sagt die 82-Jährige. "Wir können ja schon mal anfangen, Spenden zu sammeln." Zumindest Elisabeth dürfte wieder mit gefüllten Koffern die Reise antreten.
Der Hotelangestellte war überglücklich, als er ein weißes Hemd bekam: Jetzt kann ich endlich heiraten, hat er gesagt.Marianne Succhi
Weitere Beiträge zu den Themen: Marianne Succhis (1)Mombasa (1)Hilfsprojekte (1)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.