Selbstversuch: Im Burkini ins Schätzlerbad
Blickfang Burkini

Im Burkini auf die Liegewiese. An diesem Tag ist unsere Kollegin die Einzige, die im Schätzlerbad im Ganzkörperanzug badet. Bilder: Luber

Langärmlig, weit geschnitten, eng anliegende Kopfbedeckung. Kaum ein Kleidungsstück wird so diskutiert wie der Burkini. Doch wie fühlt es sich an, damit in ein Freibad zu gehen? Unsere Mitarbeiterin hat den Ganzkörperanzug im Selbstversuch angezogen.

Ich bin nervös, als ich das Schätzlerbad in Weiden betrete. Noch habe ich meine Alltags-Kleidung an - lange Jeans und Trägertop. Das wird sich in wenigen Minuten ändern. Ich möchte wissen, wie die Weidener Badegäste auf eines der derzeit umstrittensten Kleidungsstücke reagieren.

Vor zwei Tagen habe ich den Burkini - eine Zusammensetzung aus Burka und Bikini - im Internet bestellt. Regionale Sportgeschäfte bieten den Dreiteiler nicht an, muslimische Geschäfte gibt es nicht. Ich bin überrascht, wie gut sich der Stoff anfühlt, als ich das Paket einen Tag später öffne. Weich, dünn, elastisch - ein typisches Badeanzug-Material.

Familien, Paare und Senioren


Im Freibad tummeln sich etliche Familien auf den Liegewiesen, junge Paare bräunen sich in der Sonne, Senioren legen eine dicke Schicht Sonnencreme auf, bevor sie es sich auf ihren Liegestühlen bequem machen. Ich beobachte die Menschen genau auf dem Weg in die Umkleide, überlege, wer wie auf meinen Burkini reagieren könnte.

Bewusst suche ich mir eine Einzelkabine - ich möchte noch einen Moment für mich sein, bevor ich mich unter die Menge mische. Unsicher ziehe ich mir die eng anliegende schwarze Kapuze mit dem türkisen Streifen über den Kopf. Es ist ungewohnt, nur einen runden Ausschnitt meines Gesichtes zu sehen. Mit meiner Handykamera kontrolliere ich, ob wirklich alle Haare unter der Kapuze verschwunden sind, dann verlasse ich die Kabine, halte mein blaues Handtuch eng an mich gepresst vor mir. Aber keine Reaktionen. Nur kurz nehmen mich die Damen in der Gemeinschaftsdusche wahr, blicken schnell wieder weg. Es geht nach draußen.

Verwundert und skeptisch


Ich begegne einer Gruppe älterer Frauen, die sich angeregt unterhalten. Als sie mich bemerken, verstummen sie einen Moment, schauen mich überrascht an. Wie lange sie mich betrachten, weiß ich nicht. Ich gehe weiter, ohne darauf zu reagieren. Es ist etwa 15 Uhr, die Liegewiese ist gut belegt. Ich bahne mir meinen Weg durch die Badegäste auf ihren Handtüchern. Zahlreiche Blicke treffen mich - verwunderte, neugierige, aber auch skeptische. Eine Frau Mitte 40 flüstert ihrem Mann etwas ins Ohr, während sich ihr Blick auf meinem Burkini fixiert. "Das geht uns alles gar nichts an. Jeder wie er will", antwortet er ihr. Persönlich spricht mich niemand an - das wird auch bis zum Ende des Versuchs so bleiben. Ich suche mir einen Liegeplatz inmitten einer Gruppe älterer Badegäste. Etwas weiter weg liegen fünf Jugendliche, daneben ein Paar mit drei Kindern. Niemand stört sich daran, dass ich mich dazu lege. Nach einem kurzen Mustern scheint es die Badegäste nicht mehr zu interessieren, dass ich einen Burkini trage.




Es ist heiß. Das liegt aber nicht an meinem Outfit. Der Stoff ist überraschend winddurchlässig. Die meisten Bedenken habe ich davor, ins Wasser zu gehen. Wie werden die Bademeister und Gäste reagieren? Doch auch hier - nur verwunderte Blicke. "Bei uns ist das erlaubt. Sie sind nicht die Erste im Burkini. Für mich macht so etwas das Bad bunt", erklärt Bademeister Nico Cintea später. Es fühlt sich merkwürdig an, ins Wasser einzutauchen - fast so, als hätte man "normale" Kleidung an.

Ich mache die ersten Schwimmzüge. Es fällt schwer, denn das Oberteil, das ich an die Hose gebunden habe, saugt sich schnell voll. Nach ein paar Metern bemerke ich das nicht mehr. Zwei Frauen schwimmen auf mich zu. Auch sie unterbrechen ihr Gespräch abrupt, als sie mich sehen. Als ich sie anlächle, nicken sie mir zu. Hinter mir ruft ein Junge lautstark: "Mama, was hat denn die Frau an?" Sie erklärt ihm: "Das ist ein Burkini, das tragen muslimische Frauen." Langsam gewöhne ich mich an den Burkini - die Reaktionen der Leute helfen mir dabei. Unangenehm ist es, als ich aus dem Wasser komme. Der nasse Stoff klebt an mir, ich friere.

Wind in den Haaren


In der Nähe der Gaststätte lege ich mich in die Sonne, um mich aufzuwärmen. Um mich herum sind spielende Kinder. Ein Geschwisterpaar lächelt mich an und winkt mir. Die anderen bemerken mich nicht. Ich denke sie wissen nicht, was es mit dem Burkini auf sich hat. Es scheint sie auch nicht zu interessieren. Nach etwa zwei Stunden nehme ich die Kapuze ab. Ich stehe neben dem Schwimmerbecken. Auch, wenn ich mich an den Burkini gewöhnt habe, fühlt es sich gut an, den Wind in meinen Haaren zu spüren.

Auf einer Bank sitzen zwei junge Frauen. Ihre Söhne planschen im Wasser. Schon seit einigen Minuten beobachten sie mich, unterhalten sich angeregt. Als ich meine Kopfbedeckung abnehme, sprechen sie mich mit Akzent an. "Wie fühlt es sich an? Ist es nicht unglaublich heiß?" Zögernd fassen sie den Burkini an, sind erstaunt, wie weich der Stoff ist. "Ich finde das toll, solange es die eigene Entscheidung ist", betont die Mutter im weinroten Bikini. Eine Alternative für sie wäre es aber nicht.

Ich ziehe mich um und beende damit mein Experiment. Zurück in die "Normalität". Mit einem guten Gefühl verlasse ich das Schätzlerbad. Meine Sorgen waren unbegründet.


Nur ein Stück Stoff - Angemerkt von Beate-Josefine LuberEin bestimmtes Textilstück sorgt für viel Aufregung in Europa: Es wird zum Symbol für Fundamentalismus und Unterdrückung hochstilisiert. Frankreich ging soweit, den Burkini aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Das Land mit der laizistischen Tradition zwang Muslima am Strand dazu, das Gewand auszuziehen. Welche Reaktionen ruft das umstrittene Kleidungsstück in der Oberpfalz hervor? Neugier war der Auslöser für den Selbstversuch im Weidener Schätzlerbad: "Wie fühlt sich eine Frau, die hier im Burkini ins öffentliche Freibad geht?"

Das Ergebnis: Alle Badegäste starrten. Natürlich. Doch irgendwann reagierten die Menschen so, wie sie seit Jahrtausenden reagieren, was sie sicher durch alles Neue manövriert: Sie gewöhnten sich daran. Hatte die Burkini-Trägerin anfangs wie ein Fremdkörper zwischen den "normalen" Menschen gesessen, verschwand sie nach einiger Zeit in der Menge. Die Badegäste widmeten sich wieder den Angelegenheiten, die wirklich wichtig sind: Der Entspannung, der Sonne und sich selbst. So wird der Burkini wieder zum dem, was er eigentlich ist: Nur ein Haufen Stoff.

Das sagen andere Bäderbetriebe:


Hockermühlbad Amberg: "Burkinis sind nicht verboten. Wir hatten sogar schon ein paar Anfragen. Ja, warum denn nicht? Die Leute sollen vernünftige Badekleidung tragen. Und das ist ein Burkini für mich definitiv", informiert Betriebsleiter Günter Schwarzer. Es hänge jedoch nirgends explizit ein Zettel aus, dass der Ganzkörperbadeanzug erlaubt sei. Soweit Schwarzer weiß, war bis jetzt eine Burkini-Trägerin im "Hocko".

Naturerlebnisbad Immenreuth: In diesem Bad sind die Ganzkörperanzüge nicht gern gesehen. Ins Wasser würde der Bademeister hier keine Burkini-Trägerin lassen. Aus hygienischen Gründen, wie er argumentiert. "Unser Wasser ist nicht gechlort - und ich weiß ja nicht, wo die vorher getragen wurden." Bei Bikinis und Badehosen sehe er das Problem nicht: "Da ist die Stofffläche ja viel kleiner." Im Erlebnisbad sei "entsprechende Badekleidung" erlaubt - "und das ist ein Burkini meiner Meinung nach nicht", urteilt der Bademeister. Solch ein besonderes Kleidungsstück habe er aber auch noch nicht gesehen: "Unsere Gäste wissen, wie sie sich zu kleiden haben."

Waldbad Grafenwöhr: Auch dieses Bad besuchte in der laufenden Saison eine Burkini-Trägerin. "Da gab es keine Probleme, das war kein Thema", informiert Grafenwöhrs zweite Bürgermeistern Anita Stauber. Eine Art Ganzkörperbadeanzug trügen auch immer mehr Kinder, da das ein guter Sonnenschutz sei. (blu)

Umfrage: Was halten Sie vom Burkini im Schätzlerbad?



Michael Kreutzmeier, Schirmitz: "Ungewöhnlich ist das schon. Das kennt man halt bei uns nicht. Ich finde das weder positiv, noch negativ. Solange das andere nicht beeinträchtigt, ist das okay - und solange die Frau nicht gezwungen wird.


Martin Söllner, Trebsau: „Burkini-Trägerinnen habe ich auch schon in Pleystein gesehen. Bei Nonnen sieht man auch nur das Gesicht. Vollverschleierung ist aber nicht okay. Als meine Kinder im Österreich-Urlaub eine Frau mit Burka gesehen haben, hatten sie Angst.“


Veronika Binner, Weiden: „Beim Burkini sehe ich das Gesicht und die Mimik. Deshalb finde ich das vollkommen in Ordnung. Wenn das Gesicht verdeckt ist, ist das schon befremdlich. Denn da erkenne ich nicht, ob die Person lächelt oder wohlgesonnen ist oder nicht.“


Josef Kredler, Vilseck: „Weg mit dem Ding. Das gehört in die Türkei, aber nicht zu uns. Das passt einfach nicht wirklich in unseren Kulturkreis. Jeder kann machen, was er will. Aber: Wenn ich entscheiden dürfte, hätte das in Deutschland nichts zu suchen.“


Michael Angerer, Weiden: „Ich dachte ja erst, das ist ein Neopren-Anzug. Das sieht schon sehr ungewöhnlich aus. Man sieht, die Leute reagieren. Wir haben auch reagiert. Aber eine Frau kann sich kleiden, wie sie will – auf dem Catwalk oder eben im Burkini.“





6 Kommentare
11
Christine Damiani aus Mitterteich | 02.09.2016 | 08:24  
33
C. Schmitz aus Regensburg | 02.09.2016 | 11:04  
12
Norbert Gleißner aus Tirschenreuth | 02.09.2016 | 11:51  
16
Rene Kinderlein aus Sulzbach-Rosenberg | 03.09.2016 | 18:42  
12
Norbert Gleißner aus Tirschenreuth | 04.09.2016 | 00:16  
40
Stefan Kreuzeck aus Pfreimd | 06.09.2016 | 14:29  
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