Serie: Hasskommentare als Herausforderung für Nutzer, Plattformbetreiber und Moderatoren
"Ich bin ja kein Rassist, aber..."

Plakat bei einer Gegendemonstration in Dresden. (Foto: dpa)

"Ich bin ja kein Rassist, aber..." Vermutlich hat jeder Facebook-Nutzer diese Aussage schon einmal gelesen. Menschen, die eigentlich nicht der rechten Ecke angehören, rutschen mit ihren Kommentaren in gefährliche Nähe zu dieser Ideologie. Die organisierten Rechten ködern unbedarfte Nutzer gezielt und so subtil, dass man ihre versteckte Botschaft kaum erkennt. Rassismus bekommt einen alltagstauglichen Anstrich. Nutzer der sozialen Medien, Moderatoren, Plattformbetreiber und nicht zuletzt die Justiz stehen vor einer großen Herausforderung. Diese gilt es nicht zu unterschätzen. Wir starten hiermit eine Serie zum Thema.

Von Sonja Kaute, Christian de Vries und Alexander Unger

"Die Möglichkeiten für Rechtsextreme, mit geringen Mitteln multimedial ein jugendliches Massenpublikum zu erreichen, sind durch das Social Web so groß wie nie zuvor", heißt es im Bericht "Rechtsextremismus online beobachten und nachhaltig bekämpfen" von 2014 von Jugendschutz.net. Im Jahr 2014 sind demnach über 6.000 rechtsextreme Websites und Inhalte aus den sozialen Medien wie etwa Facebook und Twitter gesichtet worden. 27 Prozent davon wurden als unzulässig eingestuft. Auffällig sei, dass die Rolle von Websites bei der Verbreitung rechter Ideologie gesunken ist: Von den knapp 1.700 unzulässigen Inhalten waren nur 125 Websites. Knapp 1.600 dagegen waren Inhalte aus den sozialen Medien. Jugendschutz.net bezeichnet sie daher als "Rekrutierungsplattformen".

Straftaten und Jugendgefährdung


Wir nehmen dieses Thema ernstDie Online-Redaktion betreut nicht nur das Oberpfalznetz, sondern auch die dazugehörigen Social-Media-Kanäle. Als Moderatoren dieser Plattformen stehen wir vor einer großen Herausforderung. Die Frage: Wo hört Meinungsfreiheit auf, wo fängt Hetze an?

Wir wollen das Thema "Hetze bei Facebook" in einer Serie behandeln, denn es ist wichtig. Dies ist der erste Teil. Er ordnet die Problematik ein und zeigt auf, was Experten dazu sagen. In kursiver Schrift skizzieren wir unsere eigenen Erfahrungen. Diesen Beitrag können Sie auch als PDF herunterladen und / oder ausdrucken, um ihn zum Beispiel als Lehrmaterial zu nutzen.

In Teil zwei geht es um konkrete Taktiken der Rechten und Tipps, wie man damit umgehen kann.
Um den Ernst der Lage zu erkennen, muss man sich folgende Zahlen ansehen: Von den unzulässigen Inhalten waren 89 Prozent Straftatbestände. Also nicht "ein bisschen Hetze", sondern Verbreitung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Volksverhetzung, Leugnung des Holocaust. Bei den restlichen 11 Prozent handelte es sich Jugendschutz.net zufolge um jugendgefährdende Angebote. Nur einen Klick von seriösen Angeboten entfernt werden diese Inhalte gepostet, geliket, geteilt, direkt in die Timelines der Menschen gespült. 58 Prozent dieser Inhalte wurde nach Prüfung durch Jugendschutz.net gelöscht. Der Rest steht womöglich noch heute da. Sie gehen uns alle etwas an.

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Auch auf der Facebook-Seite von Oberpfalznetzmit rund 28.000 "Fans" beobachten wir seit geraumer Zeit eine Häufung von auffälligen Kommentaren und Kommentatoren. Der Aufwand, die Kommentare insbesondere zu lokalen Flüchtlingsthemen zu moderieren und die dahinter steckenden Profile zu prüfen, ist wesentlich größer geworden.

Wir wollen als Nachrichtenseite eine offene, sachliche und konstruktive Diskussion zu aktuellen Themen. Aber sie muss in bestimmten Grenzen verlaufen, die wir in unserer Netiquette festgehalten haben.



Warum gleich so herablassend und verallgemeinernd? (Screenshot von unserer Facebook-Seite)


Kein Profilbild, aber unwahre Gerüchte gegen Flüchtlinge verbreiten. (Screenshot von unserer Facebook-Seite)


Verallgemeinerung, Droh-Szenario, Gut gegen Böse: Eine sachliche Diskussion wird durch solche Kommentare erschwert. (Screenshot von unserer Facebook-Seite)


"Kapern" von Themen, die nichts mit Flüchtlingen zu tun haben. (Screenshot)
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Kommentare mehr unter Beobachtung


Nach Erkenntnis von Johannes Baldauf, Projektleiter der Plattform no-nazi.net, hat sich die Zahl der Hasskommentare allein in 2015 nicht wesentlich erhöht. „Diese gibt es seit vielen Jahren“, erklärt er am Telefon. Zugenommen hat nach seiner Einschätzung die Wahrnehmung. „Mittlerweile schauen mehr als vorher auf diese Kommentare, zunehmend auch Medien. Dadurch erhält es erklärlicherweise mehr Aufmerksamkeit“, so der Projektleiter. „Einige Parteien oder auch prominente Politiker erhalten seit vielen Jahren schon eine Menge an Hass-E-Mails“, weiß er.

Nach seinen Erkenntnissen gibt es innerhalb der rechten Szene keine Organisation der Hetze im Netz. „Dazu gibt es unseres Wissens nach keine Klausurtagungen, in denen etwa Kampagnen besprochen werden“, so Baldauf. Er sieht die zunehmende Herausforderung auch auf der Seite der Foren-Betreiber und Community-Manager. Es sei durchaus sinnvoll, dass etwa Facebook-Seiten durch gut ausgebildete Mitarbeiter betreut werden.

Offen radikal oder modern und subtil


Bei Jugendschutz.net beobachtet man zwei Entwicklungen bei rechtsextremen Hassbotschaften. Die eine ist offensichtlich, die andere spielt mit der Unbedarftheit und den Ängsten vieler Menschen:

  • Es gibt immer mehr "aggressive und brutale Hassäußerungen", die zur Gewalt gegen bestimmte Personengruppen wie Flüchtlinge, Muslime, Juden oder Homosexuelle anstacheln.

  • Drohszenarien, Verallgemeinerung und falsche Zusammenhänge: Dieser Kommentar wurde von einem vermutlich gefälschten Profil aus unsere Seite gepostet - und entfernt. (Screenshot)

  • Rechte ködern vor allem junge Nutzer "subtil und mit modernen, lebensweltnahen Angeboten". Kochkurse von Neonazis, stylische Websites mit auf den zweiten oder dritten Blick äußerst fragwürdigen Inhalten, Seiten gegen Kinderschänder von rechtsorientierten Gruppierungen, Tierschutz-Aktionen von Rechten, vermeintlich harmlose Kommentare, die Ängste bedienen und einfache Lösungen anbieten: Auf den ersten Blick ist hier kaum zu erkennen, mit wem man es zu tun hat. Durch solche Inhalte werden gezielt Menschen angesprochen, die eigentlich gar nichts mit einschlägigen Parteien oder Organisationen zu tun haben.

Ideologie, die sich hinter gesellschaftsfähigen Themen versteckt


Über Jugendschutz.netJugendschutz.net ist nach eigener Aussage "das Kompetenzzentrum für den Jugendschutz im Internet". Jugendschutz.net analysiert kontinuierlich, mit welchen Mitteln Rechtsextreme im Internet junge Nutzer ködern und wird gegen Angebote aktiv, die sie gefährden oder beeinträchtigen können. Nutzer können solche Angebote sowie entsprechende Postings und Kommentare bei Jugendschutz.net melden. Darüber hinaus entwickelt das Team Präventionsansätze, um Jugendliche für die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus im Internet zu stärken.
Das ist eine durchaus besorgniserregende Entwicklung. Vor allem die versteckt übermittelten Botschaften machen eine Einschätzung von Angeboten und Kommentaren schwierig - sowohl für andere Kommentatoren, als auch für Administratoren von beispielsweise Nachrichtenseiten.

Wenn sich rechte Ideologie hinter gesellschaftsfähigen Themen versteckt, denen sich Menschen gerne anschließen - Kampf gegen Kindesmissbrauch, Natur- und Tierschutz, gesunde Lebensweise etwa - dann steigt die Wahrscheinlichkeit, das entsprechende Inhalte geliket und geteilt werden. Welcher durchschnittliche Nutzer kann da noch durchblicken?

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Wer diesen Text liest, hat vielleicht schon im eigenen virtuellen oder echten Freundeskreis beobachtet, dass Menschen plötzlich mehr als fragwürdige Inhalte posten. Wie geht man damit um? Ignorieren? Die betreffende Person ansprechen? Das ist gar nicht so einfach zu entscheiden.

Auf unserer Facebook-Seite beobachten wir seit Monaten, wie einschlägige Kommentatoren immer subtiler vorgehen. Direkte, offene Hetze lässt sich leicht moderieren. Das wissen auch die Hetzer, werden daher immer indirekter, verstecken ihre Botschaften geschickt. Die Grenze zu finden zwischen freier Meinungsäußerung und Hetze ist nicht einfach. Wir wollen jedoch rechter Ideologie auf unseren Plattformen keinen Raum bieten.


Original und Fälschung: So veränderte Pegida einen Artikel von Spiegel Online (mit dem weißen Schieber in der Mitte können Sie die Posts vergleichen):



Lesenswertes zu diesem Pegida-Post und dem Original steht im Blog von Stefan Niggemeier.
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"Mit stylischen und provozierenden Inhalten sprechen Rechtsextreme gezielt Jugendliche an", wird die Leiterin des Bereichs politischer Extremismus bei Jugendschutz.net, Christiane Schneider auf der Internetseite der Kommission für Jugendmedienschutz zitiert. Und weiter heißt es: "Beiträge im Social Web, die an Vorurteile und Ängste anknüpfen, erzielen große Reichweite. Auch über Szenekreise hinaus." Es geht um blanken Hass gegen Minderheiten. Flüchtlinge, Juden, Muslime, Homosexuelle oder Sinti und Roma, mit denen die Organisation täglich bei ihrer Arbeit konfrontiert wird.

Was offline strafbar ist, ist auch online strafbar


Entdeckt jugendschutz.net im Internet Verstöße gegen Jugendschutzbestimmungen, werden die Mitarbeiter aktiv. Die Organisation ist zwar eingebunden in das Geflecht der Medienaufsicht, hat aber bei der Umsetzung ihrer Aktionen keine hoheitlichen Befugnisse. Die Mitarbeiter leiten die Fälle an die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) weiter. Diese leitet gegebenenfalls rechtliche Verfahren ein.


Verallgemeinerung, unangebrachter Sarkasmus, herablassende Bewertung: Sachliche Kritik findet man in diesen Kommentaren nicht. (Screenshot von unserer Facebook-Seite)

"Abschlachten das Viehzeug, es sind keine Menschen", "lasst Sie doch verhungern, dann gibt es ein Problem weniger", "die gehören vergast": Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) bezeichnet solche Postings, die ihr gemeldet werden, als schockierende Reaktion mancher Menschen auf den stetig steigenden Flüchtlingsstrom. Vielen Nutzern scheine nicht bewusst zu sein, dass volksverhetzende Inhalte in Deutschland strafbar oder nach dem Medienrecht ahnbar sind. "Auch im globalen und vermeintlich anonymen Medium Internet sind Urheber nicht vor der Verfolgung von Verstößen geschützt." Es gelte das Motto "was im Offline-Leben strafbar ist, ist es auch online".

Verstöße gegen die Vorschriften können medienrechtlich mit hohen Bußgeldern gegen die Dienstanbieter geahndet werden. Zudem gibt die Kommission auch Fälle an die Staatsanwaltschaft zu weiteren Ermittlungen und einer eventuellen Strafverfolgung weiter. Bei einer Verurteilung drohen den Autoren Haftstrafen von bis zu fünf Jahren. Die Prüfung der Fälle sei allerdings sehr komplex, betont Petra Pfannes von der Gemeinsamen Geschäftsstelle der Medienanstalten. Es brauche ein hohes Maß an fachlicher Expertise und Sorgfalt um festzustellen, ob ein Beitrag durch die Meinungsfreiheit gedeckt oder strafrechtlich relevant sei.

Jugendschutz.net kontaktiert auch Provider im In- und Ausland und bittet um Löschung unzulässiger Inhalte. Dies bezeichnet die Organisation als "effektivste Maßnahme". 95 Prozent der verzeichneten Erfolge von Jugendschutz.net kommen laut eigener Aussage durch den direkten Kontakt mit den Diensteanbietern.

Der Bundesverband Community Management zum ThemaFür den Bundesverband Community Management sind die Themen Rechtsradikalismus und Hetze auf den Plattformen wie Facebook und Twitter mittlerweile dringlich. Vivian Pein, Vorstandsmitglied des in 2008 gegründeten Verbandes, weist auf die aktuellen Pläne hin, möglichst kurzfristig ein Themenpapier anzubieten. „Mittlerweile erleben selbst Unternehmen etwa auf ihren Facebook-Seiten, wie unterschwellige Hetze in den Kommentaren stattfindet“, berichtet sie im Gespräch. Als Beispiel nennt sie einen Facebook-Post zum Thema „Kindergeld“. Mit wenigen Kommentaren war das eigentliche Thema abgelenkt. Eins der Ziele sei es, Ängste zu schüren.

Immer mehr Community-Manager, also jene Fachkräfte, die etwa die Facebook-Seiten administrieren und betreuen, nehmen nach ihren Erfahrungen die zunehmende Hetze wahr. Viele fragen sich, so Pein, wie sie damit umgehen müssen. „Wichtig ist für diese Auseinandersetzung die möglichst tiefe Erfahrung mit der Kommunikation“, so Vivian Pein. „Da zählt jedes Wort, es erfordert viel Fingerspitzengefühl und Übung, sowie Kenntnisse über die Kommunikationsmethoden von Rechts“, sagt sie, für sie damit keine Frage des Alters.

Wichtig sei besonders für Unternehmen, das Community-Management insbesondere im Hinblick auf die zunehmende Hetze mit professionellen Mitarbeitern zu betreiben. Ein Umstand, dem sich der Verband mit derzeit etwa 230 Mitgliedern seit seiner Gründung widmet. „Wir werden das Thema Professionalisierung der digitalen Berufsbilder weiter voran treiben“, erklärt Vivian Pein.

Erst Rekrutierung, dann Mobilisierung


Jugendschutz.net in der Broschüre "Humor als Deckmantel für Rassismus und Diskriminierung": "Viele neigen dazu, provozierende Beiträge unreflektiert im Freundeskreis oder gar öffentlich zu teilen. User können so zu Unterstützern rechtsextremer Kampagnen werden oder Zuspruch aus rechtsextremen Kreisen erhalten, ohne bislang Kontakt dorthin gehabt zu haben." Am Beispiel der Debatten um Flüchtlingsheime und wachsenden Islamismus zeige sich die "Anschlussfähigkeit neonazistischer Parolen an gesellschaftliche Protestbewegungen. Wenn Beiträge an Ängsten oder Vorurteilen ansetzen und gezielt Unzufriedenheit ansprechen, erhalten sie viele Likes und werden weiterverbreitet", heißt es im Jugendschutz.net-Bericht von 2014.


Bei der Anti-Pegida-Demonstration in Schirnding Anfang November 2015. (Bild: dpa)

Bei virtueller Unterstützung soll es allerdings nicht bleiben. Das Problem ist viel größer: Junge Menschen "sollen durch die sozialen Netzwerke rekrutiert und – einmal erfolgreich angesprochen – auch mobilisiert werden", schreibt die Amadeu Antonio Stiftung in ihrem Dokument "Viraler Hass - Rechtsextreme Kommunikationsstrategien im Web 2.0".

Das wirft Fragen auf:

  • Wie weit dürfen Provokationen gehen? Wo hören Meinungs-, Kunst- und Satirefreiheit auf?

  • Kann ein einzelner hetzerischer Kommentar zu Hass oder gar Gewalt anstacheln, wenn andere Kommentatoren zahlreich und fundiert widersprechen?

  • Welche Taktiken werden von einschlägigen Kommentatoren genutzt, um unbedarfte User zu ködern?

  • Wie geht man mit solchen Inhalten um, als Nutzer oder als Moderator?

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Darf man gegen die Flüchtlingspolitik unserer Regierung sein? Oder gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in Turnhallen vor Ort? Natürlich darf man. Und natürlich darf man das auch laut sagen. Wir wollen, dass die Menschen in der Region ihre Themen bei und mit uns diskutieren. Werden solche Themen aber von Rechten "gekapert", die Diskussion ausgenutzt, um ideologische oder rassistische Botschaften zu verbreiten, die Menschenrechte missachten und die Demokratie gefährden, hört Toleranz auf - nicht nur im Kopf solcher Kommentatoren, sondern auch bei den Moderatoren.


Schockierend: Dieses Bild mit Kommentar wurde auf unserer Seite als Reaktion auf die Nachricht gepostet, dass die Mehrzweckhalle in Weiden vorübergehend gesperrt wird, weil sie Asylbewerbern Unterkunft bieten soll. (Screenshot)
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Medienkompetenz gegen Unsicherheit im Umgang mit Rechtsextremismus


Über die Amadeu Antonio StiftungDie Amadeu Antonio Stiftung beschäftigt sich mit der rechtsextremen Alltagskultur und entsprechenden Aktivitäten in den neuen und alten Bundesländern. Sie möchte den Diskurs darüber in die Öffentlichkeit und die Medien bringen und damit auf die Gefahren des Rechtsextremismus aufmerksam machen. "Das Ziel der Stiftung ist es, eine zivile Gesellschaft zu stärken, die dem Problem entschieden entgegentritt", heißt es auf der Website. Deshalb werden entsprechende Projekte und lokale Akteure unterstützt und Eigeninitiative gestärkt.
Im Umgang mit rechtsextremen, rassistischen oder antisemitischen Postings sei Unsicherheit zu bemerken, bei Userinnen und Usern wie Betreibern, heißt es in der Broschüre "Neonazis im Web 2.0" der Amadeu Antonio Stiftung: "Sind sie Teil der Meinungsfreiheit, müssen sie toleriert werden? Soll man den Beitrag löschen? Oder gleich das ganze Nutzerprofil? Wann lohnt es sich zu diskutieren?"

Wer den Durchblick behalten will, wer die Seriosität von Seiten und Profilen bewerten will, wer prüfen möchte, ob eine Quelle vertrauensvoll ist oder ob eine bestimmte Botschaft übermittelt werden soll, der braucht vor allem eines: Medienkompetenz.

Dienste wie Facebook oder Youtube bieten ihren Nutzern Inhalte aktiv an. Dieses Angebot ist keine redaktionelle Auswahl, sondern entsteht aufgrund eines Algorithmus. Dieser automatische Rechenvorgang bewertet keine Inhalte. Eine mathematische Formel vergleicht Vorlieben und Interessen der Nutzer mit Inhalten und bringt User und Inhalt zusammen. Bei der Bewertung und Überprüfung der Quelle bleiben die Nutzer auf sich gestellt.

Nicht selten entsteht so eine "Filterblase" nach dem Motto "Gleich und Gleich gesellt sich gern". Jugendschutz.net schreibt dazu: "Der Sogwirkung müssen Plattformbetreiber präventiv entgegenwirken und ihre automatischen Prozesse so programmieren, dass das Risiko der Konfrontation minimiert wird."

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Früher liefen fast alle das gesellschaftliche Leben betreffenden Informationen und Nachrichten über Journalisten. Diese waren und sind ausgebildet, Themen nach Relevanz zu gewichten, dafür seriöse Ansprechpartner zu finden und Quellen nach Glaubwürdigkeit einzuordnen. Heute ist viel dieser Verantwortung übergangen auf den einzelnen Nutzer.

Die Menschen publizieren selbst (auch diejenigen, die nicht seriös und glaubwürdig sind) und ihnen steht eine schier unendliche Menge an Informationen und Quellen zur Verfügung. Manch einer mag damit überfordert sein und sich auf der Suche nach Orientierung verirren. Und wenn sich die Informationen von unseriösen Quellen nicht mit denen der seriösen Quellen decken, gibt es eine einfache Lösung, um Zweifel auszuräumen: Die seriösen Quellen werden als "Lügenpresse" bezeichnet, wie es die Pegida-Bewegung gerne tut. Problem gelöst, von rechts.

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Widerspruch, damit rechte Hetze nicht salonfähig wird


Sowohl die Amadeu Antonio Stiftung als auch Jugendschutz.net plädieren für Gegenrede als in vielen Fällen wirksames Mittel gegen rechte Hetze. Es sei wichtig, zu widersprechen: "Ohne Gegenwind haben Neonazis das Gefühl, eine stille Unterstützerschaft hinter sich zu wissen, verbreiten auch online ein Gefühl der Angst und bringen nicht-rechte Stimmen zum Verschweigen", schreibt die Amadeu Antonio Stiftung.


Auch eine Form von Gegenrede: Frage nach der Quelle für Behauptungen. (Screenshot von unserer Facebook-Seite)

"Nur mit dem gemeinsamen Engagement nicht-rechter Nutzerinnen und Nutzer kann das Internet ein demokratischer Ort ohne Hass und Menschenverachtung sein." Breite Gegenrede verhindere, dass "rassistische Ressentiments, die Abwertung bestimmter Menschengruppen oder die Verhöhnung von Opfern des Nationalsozialismus salonfähig werden", so Jugendschutz.net dazu.

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Wir halten Gegenrede ebenfalls für ein wichtiges Mittel. Nicht in jedem Fall wird sie sinnvoll sein oder helfen (dazu mehr im zweiten Teil dieser Serie), aber wir freuen uns über jeden sachlichen und fundierten Kommentar und Kommentatoren, die sich konstruktiv an der Diskussion beteiligen.
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Die einen verstecken ihre ideologischen Botschaften hinter gesellschaftsfähigen Themen, die anderen äußern sie ganz direkt, in der Öffentlichkeit oder in von außen nicht sichtbaren Facebook-Gruppen, in denen offen gehetzt wird (solche Gruppen gibt es auch in der Region). Wie zu Beginn dieses Beitrags erwähnt, steigen sowohl direkt als auch subtile Formen der Hetze an. "Nicht alle rechtsextremen Argumente im Netz haben eine Tarnkappe auf: Nicht selten posten Neonazis offen rassistische Parolen, hetzen munter gegen Flüchtlinge oder posten unverhohlen islamfeindliche Bilder", schreibt die Amadeu Antonio Stiftung in der bereits genannten Broschüre "Viraler Hass".

Staatsanwaltschaft geht gegen Kommentatoren vor


Dabei wird nicht selten eine rechtliche Grenze überschritten. Betreiber von Profilen und Plattformen sind dann aufgefordert, solche Inhalte oder Profile zu löschen. Und in solchen Fällen kann auch die Justiz ins Spiel kommen. Dann nämlich, wenn es sich um strafrechtlich relevante Inhalte wie beispielsweise Aufrufe zu Gewalt handelt. Auch in Deutschland wurden Kommentatoren wegen strafrechtlich relevanter Äußerungen bereits zu vierstelligen Geldstrafen oder Haft verurteilt.


Kommentar zur vorübergehenden Nutzung der Mehrzweckhalle in Weiden als Unterkunft für Asylbewerber. Kommentare wie diese sind strafrechtlich relevant, weil sie zu einer Straftat aufrufen. (Screenshot)
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Der Nordbayerische Kurier hat einen Kommentatoren angezeigt, der einen hetzerischen Kommentar abgegeben hatte.Verurteilt wurde der Mann wegen Volksverhetzung, zu 1.200 Geldstrafe, die er lieber als Haftstrafe absitzen möchte. Auch in Koblenz wurde ein Hetzer von der Staatsanwaltschaft gestoppt. Und in Berlin hat Mitte November eine Razzia gegen Hasspropaganda im Netz stattgefunden, bei der 60 Polizisten im Einsatz waren und in mehreren Wohnungen Smartphones und Computer beschlagnahmten.
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Hassrede (englisch "Hate Speech") sei "das motivierende Hintergrundrauschen zum gelebten Gewaltexzess. Die Aussage 'Es sind doch nur Worte!' verharmlost so die Funktion von Hate Speech und leugnet die Verbindung zu Pogromen, Übergriffen und Ermordungen an Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Genders oder ihrer Sexualität", schreibt die Amadeu Antonio Stiftung in "'Geh sterben!' - Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet".

Rechte Taktiken kennen, um bewusst damit umzugehen


Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, schreibt in einem der Papiere der Stiftung: "Die digitalisierte Welt darf nicht Hass und Vorurteil überlassen werden. Sich dagegen klug zu wehren, ist der Kulturkampf der Gegenwart." Auch Heiko Maas, Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz, äußert sich dort zum Thema: "Angriffe auf die Würde eines Menschen beginnen im Kopf, beginnen mit Worten. Wer in seinen Reden oder Tweets, in Kommentaren oder Blogs andere Menschen attackiert, wer ganze Bevölkerungsgruppen pauschal abwertet, etwa wegen ihrer Herkunft oder Hautfarbe, ihres Glaubens oder ihrer sexueller Identität, der greift ihre Würde und damit auch den Grundkonsens unserer Gesellschaft an. Häufig bleibt es nicht bei Hassreden, oft sind Worte die Vorstufe von Taten." Dass aus "geistiger Brandstiftung" viel zu oft Gewalt wird, zeige der sprunghafte Anstieg von Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte.

Das macht deutlich, wie wichtig es ist, die Taktiken von Hetzkommentatoren und Rechtsextremisten zu kennen und bewusst damit umzugehen.

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Im zweiten Beitrag zu diesem Thema beschäftigen wir uns mit den Methoden rechter Hetzer und geben Tipps, wie man damit umgehen kann.

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Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat und sie ihn beispielsweisezur Nutzung als Lehrmaterial ausdrucken möchten, können Sie dies unter diesem Link tun (PDF). Teil zwei der Serie finden Sie hier.

Quellen und Informationsmaterial zum Herunterladen


Amadeu Antonio Stiftung: Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet

Amadeu Antonio Stiftung: Viraler Hass - Rechtsextreme Kommunikationsstrategien im Web 2.0

Amadeu Antonio Stiftung: Neonazis im Web 2.0

Jugendschutz.net: Rechtsextremismus online - Jahresbericht 2014

Jugendschutz.net: Humor als Deckmantel für Rassismus und Diskriminierung

Bundesamt für Verfassungsschutz: Rechtextremisten und ihr Auftritt im Internet

Linktipps


Artikel 5, Grundgesetz: Meinungsfreiheit und ihre Grenzen

Bundeszentrale für politische Bildung: Definition Fremdenfeindlichkeit

Bento.de: Was ist ein Rassist? Was ist ein Nazi?

Kommission für Jugendmedienschutz: Hass gegen Fremde alltägliche Realität

Bayern gegen Rechtsextremismus: Rechtsextremismus in der Oberpfalz

Bento.de: Wie die Rechten ungestört auf Facebook wüten

Spiegel Online: Besuch in der Facebook-Europazentrale zu Hass-Posts

Zeit.de: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Facebook-Manager

Mimikama:Falschmeldungen bei Facebook erkennen

Internetseite "Dangerous Speech Projekt" (Englisch)

Mund aufmachen, Haltung zeigen! Kommentar von Anja Reschke, NDR

Sascha Lobo bei Spiegel Online: Wie aus Netzhass Gewalt wird und was dagegen hilft