Serie "Weiden in Zahlen": Das Märchen vom alternden Sportverein
Immer noch gut in Form

Nicht nur im Wasserball bietet der SV Weiden Sport auf höchstem Niveau. Trotzdem hat der Verein in den vergangenen Jahren eine Menge Mitglieder verloren. Zu große Sorgen über den Zustand des SV und des Weidener Vereinssports muss sich dennoch keiner machen. Archivbild: af
 

Beim Schwimmverein (SV) hüpfte er ins Wasser. In Rio tauchte er wieder auf: Ausnahmetalente wie Olympionik Philipp Wolf zeigen, was der Weidener Vereinssport leisten kann. Nur, wie steht es um die Vereine selbst? Wer in die Zahlen eintaucht, entdeckt Überraschendes.

Immer älter. Und sowieso kurz vor dem Aussterben. Wenige vermeintliche Gewissheiten halten sich so fest wie die über die Sportvereine. Unter dramatischem Mitgliederverlust sollen sie leiden. Und der Nachwuchs soll ihnen wegbrechen. Bloß: Das stimmt nur teils.

Beispiel Altersstruktur. Hier gibt es sogar eine gegenteilige Entwicklung, wie Zahlen der statistischen Homepage über die Mitglieder der Schützen- und Sportvereine im Stadtverband für Leibesübungen verdeutlichen (www.weiden.info). Es ist zwar richtig, dass die Generation Ü60 zwischen 2000 und 2016 ihren Anteil erhöhte - von rund 13 auf 17 Prozent. Gleichzeitig stieg aber auch der Anteil der Mitglieder unter 27 Jahren: Im Jahr 2000 machten sie rund 27 Prozent aus. Stand Anfang 2016 sind es 41 Prozent. Was dagegen rapide abgenommen hat, ist die Gruppe der 27- bis unter 41-Jährigen. Zur Jahrtausendwende stellten sie 20 Prozent. Nun sind es 13.

Wo der Turnschuh drückt


Hier drückt in erster Linie der Turnschuh. Die Menschen in diesem Alter gingen eher ins Fitnessstudio oder in VHS-Sportkurse, erklärt Stadtverbandvorsitzender Herbert Tischler. Für die Vereine ist auch das freilich ein Problem. Denn das sei nunmal die Generation, aus der sich viele Ehrenamtliche rekrutieren. Sei es als Übungsleiter oder als Vorstandsmitglied. Aussichtslos sei die Lage aber nicht. Schließlich seien das die Eltern der jungen Leute, die durchaus noch in Vereine gehen, sagt Tischler. Und über die Kinder ließen sie sich vielleicht doch noch einbinden.

Allerdings: Bei allen positiven Werten im Nachwuchsbereich bleibt eine Einschränkung. In absoluten Zahlen sind die jungen Mitglieder weniger sind als noch vor zehn Jahren. Denn in der Tat haben die derzeit 62 Vereine in den vergangenen zehn Jahren in fast allen Altersgruppen verloren. 2006 waren es insgesamt 22 635 Mitglieder in 60 Vereinen, zu Beginn dieses Jahres 18 582. Ein deutliches Minus. Wobei auch das relativ ist.

Denn es erklärt sich zu einem großen Teil mit einem Sondereffekt. Allein der SV verlor in diesen zehn Jahren 2337 Mitglieder. Vor allem ab 2013 sank die Zahl rapide, heute gibt es 2364 SVler. Das war aber durchaus so gewollt. Die damals neue SV-Spitze bat die Mitglieder, die nichts mit Vereinssport zu tun hatten, sondern nur günstiger ins Schätzlerbad wollten, auszutreten. Stattdessen sollten sie in den Förderverein wechseln. Grund: Der SV wollte so Abgaben an den Landessportverband sparen. In der Folge traten Mitglieder in Scharen aus dem SV aus, allerdings nur eine kleinere Zahl in den Förderverein ein.

Für Verein "alles getan"


Neben diesem Hauptgrund gebe es noch andere Besonderheiten, ergänzt Tischler. Fusionen etwa. Dabei lasse sich oft beobachten, wie Mitglieder, die eh nur noch aus Gewohnheit dabei waren, austreten statt in den fusionierten Verein zu wechseln. Unterm Strich, das räumt Tischler ein, bleibe auch ohne solche Effekte ein Minus. Aber: "Es ist nicht so schlimm, wie es immer heißt."

Wobei die Veränderungen im Einzelfall durchaus drastisch sein können. Am deutlichsten spürt das der 1. Judoclub. Er verlor von 490 Mitgliedern im Jahr 2006 mehr als die Hälfte und zählt nun nur noch 214. Der Grund liegt für Vorsitzenden Josef Schörner auf der Hand: Sein Vorgänger Karl Ertel, der für den Verein "alles getan hat, immer da war", hatte sich 2010 aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen müssen. Der Verein war sein Lebenswerk. In der Folge verließen auch viele Mitglieder den JC.

Inzwischen ist der Schwund gestoppt, die Mitgliederzahl pendelt sich auf niedrigerem Niveau ein. Wieder steigen dürfte sie vorerst nicht. Es gebe nunmal in und um Weiden inzwischen ein Kampfsportangebot, das seinesgleichen suche, sagt Schörner. Hinzu komme: "Die Leute haben kaum mehr Zeit." Weil die Arbeitszeiten immer unregelmäßiger würden, werde es immer schwerer, zu festen Trainingszeiten zu erscheinen. Sei es als reiner Sportler, sei es als Übungsleiter für den Nachwuchs.

Das mag einen weiteren Teil der Mitgliederverluste erklären. Aber es gibt ja auch andere Beispiele. Das Gegenstück zum Judoclub ist der VC Corona. Der Radsportverein hat 223 Mitglieder, das sind 128 mehr als noch 2007. Natürlich liege der Sport im Trend, sagt Vorsitzender Ernst Ehl. Wichtig sei aber auch, dass der Club die Eintiegshürden niedrig halte. Es gebe Angebote mit hohem Niveau, aber eben auch Gruppen, die nicht rein auf Leistung ausgerichtet sind. Gerade hier habe ihn der Zuspruch "aus den Socken" gehauen. Daneben biete der Verein Rundumunterstützung, also auch bei technischen Fragen, und achte zudem auf das Gesellschaftliche. Und dann sei da sei da noch etwas Grundsätzliches, das aber für alle Vereine gilt: "In der Gruppe macht's mehr Spaß."

Sportvereine: Zuwächse und AbgängeFolgende beim Stadtverband angeschlossene Vereine haben in den vergangenen zehn Jahren besonders viele Mitglieder gewonnen: VC Corona (+128 auf 223), AMC im ADAC (+102 auf 1210), ATC im AvD (+98 auf 851) und Hundefreunde (+82 auf 216). Daneben gibt es auch einige kleinere Vereine, die verhältnismäßig deutlich zulegen konnten. Das größte Wachstum verzeichnet das recht junge La-Face-Team (von 36 auf 90 Mitglieder). Aber beispielsweise auch der Justizsportverein steigerte sich - von 102 auf 134. Am meisten Mitglieder verloren haben der Schwimmverein (-2337 auf 2364), der Turnerbund (-455 auf 1412) und der 1. Judoclub (-276 auf 214). Rund ein Drittel weniger Mitglieder haben außerdem der Reiterclub (-120 auf 263), der TC am Postkeller (-116 auf 257) und der VfB Weiden (-138 auf 245).

Außerdem gibt es Vereine, die nicht im Zehnjahresvergleich auftauchen, weil sie noch gar nicht so lange existieren, aber trotzdem bereits viele Mitglieder haben. Dazu gehören nicht zuletzt die Zusammenschlüsse, die sich nach dem Aus der alten SpVgg gegründet haben. Etwa der TC Am Langen Steg (110 Mitglieder) und natürlich die neue SpVgg SV (668). Ebenfalls noch jung, aber schon groß ist das Team Oberpfalz (372). Zu den ganz Großen in der Stadt zählt es aber nicht. Denn der Schwimmverein mag zwar eingebüßt haben. Trotzdem bleibt er mit 2364 Mitgliedern der größte unter Weidens Schützen- und Sportvereinen. Auf dem Treppchen folgen die DJK (2255) und der Turnerbund (1412). Auf der anderen Seite der Skala sind als kleinste Vereine im Stadtverband der Boxclub Olympia (13 Mitglieder), Karate Dojo Neunkirchen (13) und der EC Ullersricht (15). (fku)
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