Spannende Diskussion über "Taxi Teheran" bei den Filmgespräche
Toleranter als gedacht

"Jeder darf selbst entscheiden, zu welcher Religion er gehören will", sagte Seyed Naser Seddighi. So stehe es jedenfalls im Koran. Seddighi war als einer von drei Experten zu den Weidener Filmgesprächen geladen, die erstmals im Capitol-Kinocenter stattfanden.

Seddighi ist Iraner und betreibt seit zwei Jahren sein Asylverfahren. Er wohnt in Altenstadt. Neben ihm saßen am Donnerstag Alt-Landrat Simon Wittmann, der im März zum ersten Mal mit einer Reisegruppe den Iran besuchte, und Gabriele Hagemann. Sie war als Touristin schon dreimal dort gewesen. Die Cineasten schauten sich eine Dokufiktion des Regisseurs Jafar Panahi an: "Taxi Teheran". Im Film fährt ein Taxi durch die Straßen Teherans und nimmt Fahrgäste auf, um sie zu ihren Bestimmungsorten zu bringen. Der Regisseur sitzt selbst am Steuer. Eine Kamera zeichnet die Unterhaltung mit den Fahrgästen auf.

Englisch wird unterrichtet


Teilweise stimme es schon, was im Film gezeigt werde, unterstrich Seddighi. Wenngleich der Inhalt natürlich überzogen sei. "Ich habe einen ganz anderen Staat kennengelernt, als ich ihn mir vorgestellt habe", meinte Wittmann. Was Gabriele Hagemann bestätigte. "Ich glaube, die Menschen wollen sich dem Westen gegenüber öffnen." Das iranische Volk habe keine Probleme mit Amerika oder Israel, sagte Seddighi. Auch nicht mit den Arabern im eigenen Land, wie es Wittmann von seinem Reiseleiter erfahren haben will. Englisch werde auch nicht als die Sprache des Feindes angesehen, sondern werde an den Schulen unterrichtet. Auf Wittmanns Frage, warum sich das Volk nicht gegen die Regierung erhebe, meinte Seddighi: "Die Leute haben Angst. Wer verhaftet wird, riskiert Gehirnwäsche."

Pfarrer Herbert Sörgel, der die Runde leitete, wollte wissen, ob es in Teheran möglich sei, eine öffentliche Diskussion wie diese zu führen, ohne dass gleich die Polizei den Saal stürme. Seddighi: "Da gäbe es keine Probleme." Ein Besucher im Publikum: "Es ist doch in Teheran unmöglich, mit einer Freundin auszugehen." Wittmann erinnerte hier an die jüngsten Parlamentswahlen. Von 18 gewählten Frauen durften nur 17 einziehen. Einer wurde sittenwidriges Verhalten angelastet, nur weil sie sich händchenhaltend in der Öffentlichkeit gezeigt hatte.

Erst am 19. April seien 7000 zusätzliche Sittenwächter allein dafür eingestellt worden, darauf zu achten, dass die Kopftücher richtig sitzen. Dennoch sei es möglich, sich zu verlieben. Und das passiere nicht anders als in Europa. Man lerne sich kennen, entweder in der Schule oder im Café. Dann gehe man aus, und irgendwann heirate man, sagte Seddighi, dessen Beiträge seine Tochter Sayed Razieh Seddighi übersetzte.

Sicher kontrolliere die Polizei auf den Straßen schon mal Paare, ob sie verheiratet seien. Aber das geschehe meist vor bedeutenden Gebäuden, nicht ständig und nicht überall. Es sei auch falsch zu glauben, dass iranische Frauen ihren Beruf nicht ausüben dürften. Vorausgesetzt, der Mann sei einverstanden, könne sie natürlich arbeiten. Sörgel: "Das war ja bei uns bis 1978 faktisch genauso." Wie eine Juristin im Publikum bestätigte, können Frauen sogar Anwältin werden. Richterin nicht. Dieses Amt bleibe Männern vorbehalten.

Keine Spitzenämter


Seddighi widersprach auch der Meinung, dass Christen unterdrückt würden. Die könnten die Karriereleiter genauso hochklettern wie jeder Muslim. Nur politische Spitzenämter blieben ihnen versagt. Keiner stoße sich daran, wenn Christen ihre Religion ausübten.
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