Spektakulärer Absturz
Kampfflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt

Ein vergleichbares Kampfflugzeug des Typs Ju 88 G-6 zerschellte in der Nacht vom 3. auf den 4. März 1945 in der Nähe von Weiden auf einem bewaldeten Höhenrücken. Bild: Bundesarchiv
 
Entdecker Josef Frischholz präsentiert mit den Zeitzeugen Max Burger und Norbert Zötzl (von rechts) einen Brocken Gummi aus den Tanks. Die Überreste des Kampfflugzeugs finden sich Nahe an der Erdoberfläche. Der Wald birgt offenbar noch zahlreiche Wrack-Trümmer. Bild: Fütterer

Die Spuren des spektakulären Absturzes lassen sich heute höchstens noch aus der Luft schemenhaft erahnen. Ansonsten deckt die Natur gnädig ihren grünen Mantel über jene Bresche, die vor sieben Jahrzehnten ein Kampfflugzeug in den Wald südwestlich von Weiden geschlagen hat. Ein Heimatforscher lokalisierte nun die genaue Absturzstelle

Nichts, aber rein gar nichts deutet an diesem sonnigen Frühlingstag auf jenes Grauen hin, das sich vor 71 Jahren auf dem Höhenrücken zwischen Neunkirchen und Mallersricht bei Weiden abspielte. Hätte ihm nicht der Waldbesitzer einen vertraulichen Tipp gegeben, Josef Frischholz hätte nie und nimmer inmitten des Waldgebiets jenen Fleck entdeckt, in den damals das Flugzeug der Reichsluftwaffe eine bis zu 100 Meter lange und fast 15 Meter breite Schneise schlug: Und dabei die etwa 20 bis 30 Jahre alten Fichten und Föhren regelrecht abrasierte. Die heutige Waldidylle, die Spaziergänger, Radler und Reiter unbeschwert genießen, verbirgt ein Geheimnis: Nämlich den Absturz des Nachtjägers vom Typ Ju 88 G-6 vom 3. auf den 4. März 1945.

Wenige Zentimeter unter Moos und Laub erinnern die in weitem Umkreis verstreuten Einzelteile an das Drama. Benzinleitungen, Tankdeckel, dicke Splitter aus der mächtigen Glaskanzel, winzige Wrackstücke aus Aluminium oder recht große Brocken aus den Gummi-Tanks, die wie moderne Reifen - schon vor 71 Jahren - automatisch abdichteten (vor allem gegen Beschuss).

Gemeinsam mit einem Freund schulterte Josef Frischholz vor einem Jahr erstmals den Spaten, um die völlig in Vergessenheit geratene Vergangenheit auszugraben. Früher widmete sich der Religionslehrer passioniert der mittelalterlichen Forschung, suchte die wehrhaften "Burgställe" im Raum Weiden ab. Eine "messerscharfe", rund 8000 Jahre alte steinzeitliche Pfeilspitze krönt die fast 5000 Fundstücke. Seit 2015 nimmt er sich mit Akribie und Leidenschaft der jüngeren Zeitgeschichte an. Im Umkreis von 100 Metern der Absturzstelle sicherten Frischholz und sein Kumpel Verstrebungen, Bleche, Abdichtungen unter anderem der verunglückten zweimotorigen Maschine. Sie reinigten alle Teile und verpackten sie geschützt in dunkle Folie.

Bastelmaterial für Buben


Unmittelbar in den Tagen nach dem Absturz hatten Leute aus den umliegenden Dörfern das Wrack geplündert. Es herrschte eine Zeit der Not. "Alles, was nicht niet- und nagelfest und für den Alltag einigermaßen zu gebrauchen war, wurde verwendet", sagt Frischholz. So kam ein Landwirt über ein Stück Titan zu einer leichten Titan-Schaufel und die robusten Niederdruckreifen des Kampfflugzeugs taten bei diversen landwirtschaftlichen Fahrzeugen bis in die 60er Jahre hinein ihre Dienste. Ein Wink das Waldbesitzers weckte die Neugierde von Josef Frischholz. "Ich hätte nie im Traum daran gedacht, nach zwei Generationen an der Aufschlagstelle so leicht etwas zu finden." Tief im Waldboden vermutet er die wirklich schweren Teile der Maschine. Als Buben mit acht und zehn Jahren waren Max Burger (79) aus Trippach und Norbert Zötzl (81) aus Rothenstadt an den Unglücksort geeilt. Ihnen ist auch nach sieben Jahrzehnten noch der eigenartige Geruch des geborstenen Metalls und der verschmorten Elektroleitungen gegenwärtig. Sie haben die gesplitterten Baumstümpfe vor Augen und erinnern sich an die "Gardinenpredigt" und die Schimpfe ihrer Eltern, welche die Gefahr durch die herumliegende scharfe Munition erahnten. Nur wenige Zeitzeugen von damals leben noch. Fritz Heiß aus Maierhof berichtet in seiner Chronik, wie Weidener Buben in dem Flugzeugwrack erfolgreich nach Wechselrichtern, Funkgeräten, kleinen Elektromotoren und "sonstigem Bastelmaterial" suchten. Aus diesem Fundus bauten sie ein ferngesteuertes Schiffsmodell ("Bismarck"), das später am Süßlohweiher bei Altenstadt/WN kreuzte.

"Operation Gisela"


Die Ursache des Absturzes gibt bis heute Rätsel auf. "Wäre das Kampfflugzeug betankt gewesen, hätte der ganze Wald gebrannt", meint Frischholz. Führten Spritmangel oder ein technischer Defekt zum Crash? Wenige 1000 Meter nahe liegt der einstige Flugplatz Maierhof. Ob die Ju 88 G-6 hier notlanden wollte? Die Bäume des Höhenrückens mussten für sie wie eine Barriere gewirkt haben. Die Maschine befand sich auf dem Rückflug von einer "Fernnacht-Jagdmission" über England, "Operation Gisela" genannt, schreibt Professor Dr. Harald Dill in seinem Buch "Luftkrieg über Nordostbayern" (2011). "Der Nachtjäger wollte wahrscheinlich noch den Fliegerhorst Pocking erreichen." Bevor das Kampfflugzeug zerschellte, konnten sich zwei Besatzungsmitglieder mit dem Fallschirm retten; der Flugzeugführer und der Bordschütze kamen ums Leben.

Jedenfalls brodelten im Frühjahr 1945 die Gerüchte. So wollten Einheimische einen der Überlebenden mit einem "schwarzen Koffer" gesehen haben. Sie stellten einen Zusammenhang mit dem in Ullersricht bei Weiden lebenden Physik-Nobelpreisträger Johannes Stark her. Der Judenhasser und bedeutende Wissenschaftler ("Stark-Effekt": Verschiebung und Aufspaltung von atomaren bzw. molekularen Spektrallinien) galt als enger Vertrauter Adolf Hitlers und fanatischer Anhänger der Nazi-Ideologie (Rassenlehre).

Mit seinen Ausgrabungen sieben Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg sorgt Josef Frischholz jedenfalls dafür, dass über dieses Kapitel Zeitgeschichte nicht so schnell wieder Gras (dito Moos) wächst.

Info Ju 88Die bei Mallersricht/Weiden zerschellte Ju 88 G-6 (Werksnummer 620654) gehörte zur 3. Staffel des Nachtjägergeschwaders 2. Die Ju 88 wurde als mittlerer Bomber und taktisches Kampfflugzeug eingesetzt. Von der 15 Meter langen, zweimotorigen Maschine (Zwölfzylinder) wurden insgesamt fast 15 000 Exemplare gefertigt. Bei der G-Reihe handelt es sich um die Nachtjäger-Version mit einer speziellen Funkausrüstung und Bewaffnung.

Der Wissenschaftler Professor Dr. Harald G. Dill schreibt, dass die Häftlinge der KZ-Außenlager Flossenbürg "in immer stärkeren Maße" zur Zwangsarbeit (für die Flugzeugindustrie) herangezogen wurden.
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