Stadtarchiv entschlüsselt Rätsel um Funde von Munitionsschrott
Schießplatz mitten im Wald

Dr. Sebastian Schott durchforstete auf Bitte des NT die historischen Unterlagen zum Schießplatz in der Schustermooslohe. Bild: Wilck

Der Waldspielplatz liegt auf gefährlichem Terrain. Dr. Sebastian Schott vom Stadtarchiv bestätigt, dass sich von 1936 bis 1945 der Schulgefechtsschießstand der Garnison Weiden "vor der Schustermooslohe" befand. Doch das ist nicht die einzige Überraschung, die seine Recherchen nach dem Fund einer Stabbrandbombe ergaben.

(wd) Mit diesem Blick in die Historie des Areals sind die zahlreichen Funde von Munitionsschrott im Wald an der Parksteiner Straße erklärt, ebenso die Stahlbetonfundamente, Bunker, Mauerreste sowie ein etwa zwei Meter hoher Hügel, der vermutlich als "Kugelfang" diente. Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Stadtarchivs, der auf Bitte des Medienhauses auf Spurensuche ging, berichtet, dass auch SS, SA und Polizei den "ungewöhnlich groß dimensionierten Schießplatz mitten im Wald" nutzten.

Für die notwendige Erweiterung des Schießplatzes (ab 1939) gebe es durchaus Hinweise, dass die ursprünglichen Eigentümer der angrenzenden Waldparzellen enteignet wurden, bzw. nur unter Druck einem verkauf ihrer Grundstücke an die Stadt zustimmten, die das Land dann der Wehrmacht zur Verfügung stellte. Die Einrichtung sei aber nicht, wie immer wieder zu hören ist, der eigentliche Schießplatz von SS und SA gewesen, stellt Dr. Schott klar. Deren Anlage für Kleinkaliber und Pistole befand sich auf einer Privatfläche in Weiden-West, die wohl schon kurz nach 1933 eingerichtet wurde und seit 1935 verbürgt ist.

Mit englischer Ausrüstung


Der Betrieb als Schulgefechtsschießstand an der Parksteiner Straße begründe jedoch nicht die Annahme eines gezielten Luftangriffes. Es handele sich bei der in der vergangenen Woche gefundenen Stabbrandbombe vermutlich um einen Fehlwurf. Obwohl die Brandbombe aus englischer Produktion stamme, habe sie kein Lancester-Bomber über die Stadt Weiden getragen. "In den sorgsam geführten Angrifflisten der britischen Royal Air Force auf Deutschland findet sich kein Bombenabwurf auf Weiden", betont Dr. Sebastian Schott. Es sei wohl nicht unüblich gewesen, dass die in England (später in Belgien) stationierten US-Bomber mit britischem Material (Bomben ebenso wie Teile der Bewaffnung) ausgerüstet wurden.

470 Mal Fliegeralarm


Vielen Weidenern ist nur der verheerende Tiefflieger-Angriff auf dem Munitionszug vom 16. April 1945 im Gedächtnis. Dabei fürchteten die Bürger schon seit dem Herbst des zweiten Kriegsjahres, dass insbesondere das Reichsbahnausbesserungswerk in das Visier der Alliierten Bomber geraten könnte. Der deutsche Luftschutz löste vom 5. Oktober 1940 bis zum 21. April 1945 nicht weniger als 470 Mal Fliegeralarm in der Stadt aus. Die US-Air-Force bombardierte die Stadt am 14. Februar 1945 sowie am 5. und 15. April. Vom 16. bis 21. April mussten die Weidener täglich, teilweise mehrmals innerhalb weniger Stunden, in die Luftschutzräume. Am 16. April beschossen Tiefflieger den Munitionszug, der dann auf Höhe Seltmann explodierte. 45 Menschen starben dabei. Am 22. April wurde Weiden von den aus Altenstadt anrückenden US-Bodentruppen befreit.

Für den Abwurf der 57 Zentimeter langen Stabbrandbombe kämen nur zwei Tage in Frage. Am 5. April 1945 warf die US Air Force neben Explosiv-Bomben auch rund 1000 Stabbrandbomben auf die Stadt. Bereits für den 14. Februar notiert der Luftschutz den Abwurf von etwa 50 Stabbrandbomben. Beide Angriffe erfolgten jeweils kurz vor Mittag. Die gefährliche Fracht landete jedoch nicht im Stadtzentrum oder im anvisierten Reichsausbesserungswerk, sondern entlang Waldnaab, Flutkanal und am Wasserwerk. Obwohl ein Großteil der zahlreichen Blindgänger relativ schnell geräumt wurde, finden sich immer wieder gefährliche Relikte aus dem 2. Weltkrieg im Stadtgebiet.

In den Unterlagen der US-Aufklärung, die im April 1945 das Stadtgebiet fotografierte, fehlen Aufnahmen des Schustermooslohgebietes. Offensichtlich war den Amerikanern die Lage des Schulgefechtsschießstandes nicht bekannt, oder sie hielten ihn schlichtweg für unbedeutend. Und das ist wohl wahrscheinlicher.
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