Strategien rechter Hetze und Tipps im Umgang damit - Teil zwei zur Serie
Der “nette Rechte von nebenan”

Rechte Hetze im Internet

Sie teilen die Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Sie bauen Drohszenarien auf, verallgemeinern, bieten vermeintlich einfache Lösungen. Und sie kommen manchmal im hippen Tarnmantel daher: Rechtsextremisten und Rassisten gehen in sozialen Medien wie Facebook gezielt auf Stimmenfang. Welche Taktiken sie verwenden, zeigen wir in Teil zwei unserer Serie zu Hassinhalten im Internet. Am Ende des Beitrags finden Sie Tipps, wie Sie persönlich dagegen vorgehen können.

Von Sonja Kaute und Alexander Unger

Taktiken? Fällt “das bisschen Hetze” nicht unter die freie Meinungsäußerung? “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen” - oder? Während der eine Bürger sich in seinen Kommentaren “nur” besorgt zeigt, driftet der andere ab nach rechts. Und wird dort allzu bereitwillig in Empfang genommen. Viele rechte Angebote im Internet und vor allem in den sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Youtube geben sich einen gesellschaftsfähigen Anstrich. Andere Angebote sind offen rassistisch, hetzen, bis die Inhalte von höheren Instanzen gelöscht werden.

Und ja, man muss von Taktik sprechen, die zum Beispiel über Leitfäden verbreitet wird. Diese rieten beispielsweise zu “einer ‘vorsichtigen’ Kommunikation, die weder strafrechtlich relevante Äußerungen noch genaue Hinweise auf bevorstehende Aktionen oder Demonstrationen enthält", heißt es im Papier “Rechtsextremisten und ihr Auftreten im Internet” vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Das Ergebnis: "Die wahre Identität und Zielrichtung ihrer Internetpräsentationen werden verschleiert, so dass sich dem flüchtigen und unvoreingenommenen Betrachter zunächst kaum Anhaltspunkte für eine rechtsextremistische Ausrichtung bieten."

Wir nehmen dieses Thema ernstDie Online-Redaktion betreut nicht nur das Oberpfalznetz, sondern auch die dazugehörigen Social-Media-Kanäle. Als Moderatoren dieser Plattformen stehen wir vor einer großen Herausforderung. Die Frage: Wo hört Meinungsfreiheit auf, wo fängt Hetze an? Wir widmen dem Thema "Hetze bei Facebook" eine Serie (hier geht es zu Teil eins). Dies hier ist der zweite Teil. Er zeigt auf, welche Taktiken die Rechten anwenden und gibt unseren Nutzern Tipps, wie sie damit umgehen können.

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Nur wer die Strategien kennt und durchschaut, kann damit kompetent umgehen - eine Herausforderung für Kommentatoren, Plattformbetreiber, Moderatoren und die Justiz. Man solle nicht unterschätzen, “dass rhetorisch wie ideologisch geschulte rechtsextreme Kader durchaus überzeugend agieren können, wenn es um Desinformation und Verunsicherung geht”, schreibt die Amadeu Antonio Stiftung in “Neonazis im Web 2.0 - Erscheinungsformen und Gegenstrategien”. Entlarve man aber die dahinterliegende Strategie der Rechtsextremen, bestehe die “Chance, öffentlichen Raum im Internet zurückzugewinnen beziehungsweise zu verteidigen. So muss es darum gehen, anderen Internetnutzerinnen und -nutzern die rechtsextremen Diskussionsstrategien und Vorgehensweisen aufzuzeigen."

Strategien rechter Hetze


1. Radikalisierung: Unverhohlene Aufrufe zu Hass und Gewalt

Wie bereits in Teil eins unserer Serie (Link zum Artikel) beschrieben, gibt es zwei Entwicklungen bei Hassbotschaften: Erstens ködern Rechte vor allem junge Nutzer auf eine sehr subtile Art mit modernen und alltagstauglichen Angeboten (darum wird es in den folgenden Punkten gehen) und zweitens gibt es immer mehr direkte, aggressive Äußerungen und Inhalte: Gewaltfantasien, Aufrufe zu Ausschreitungen und Forderungen wie “die Öfen anheizen”, “Fremde erschießen”, “Ausländergewalt stoppen”, “Flüchtlingsunterkünfte anzünden”, “Fachkräfte entsorgen”.


In diesem Post ist nicht nur die Quelle der "Nachrichten" nicht glaubwürdig, sondern es wird auch ganz direkt zu Gewalt gegenüber Asylbewerbern aufgerufen, im Text über dem angekündigten Artikel. (Screenshot)

Laut Jugendschutz.net handelt es sich bei Protesten gegen Flüchtlingsunterkünfte derzeit häufig um einen Bezug zum Rechtsextremismus. Die Amadeu Antonio Stiftung hält das in “Viraler Hass” für gefährlich, denn “nicht jeder dieser ‘besorgten Bürger’, wie es im Duktus der rechten Initiativen gerne heißt, ist rechtsextrem.

Durch die offene Propaganda politisch klar einzuordnender Diskutierender verschärft sich jedoch schnell das Diskussionsklima – Solidarisierungseffekte treten ein. So lassen sich auch nicht-rechte Nutzerinnen und Nutzer leicht mit in den Strudel aus Aggression, Vorurteilen und Hass hineinziehen."


Wenn in diesem Facebook-Kommentar nicht zu Gewalt gegen Menschen aufgerufen wird, wo dann?


Definitiv keine freie Meinungsäußerung, sondern Extremismus und ein offener Aufruf zur Gewalt.

2. Der “nette Rechte von nebenan”: Rekrutierung über anschlussfähige Themen

Auch die Rechten müssen netzwerken: Wer eine Botschaft zu verbreiten hat, braucht Übermittler. Diese werden gezielt unter nicht-rechten Bürgern gesucht. Ausführlich werde in einer rechtsorientierten Publikation “die Einrichtung von Profilen beschrieben, die einen ‘möglichst offenen Menschen’ beschreiben sollen, ‘nicht bissig, klischeehaft oder wortkarg’”, schreibt die Amadeu Antonio Stiftung in “Neonazis im Web 2.0”. Man wolle sich als der “nette Rechte von nebenan” präsentieren, um nicht-rechte Menschen zu erreichen. Rechte Parteien werden wählbar, ihre Themen salonfähig.

Rechtsextreme "kapern" daher auch Themen wie Kampagnen gegen Kindesmissbrauch. Bei Facebook gibt es Seiten, die sich dieses Themas annehmen, in Wahrheit aber eine andere Botschaft vermitteln wollen - geschickt getarnt und erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennbar. Bei diesem Thema reagiert so ziemlich jeder Mensch emotional und das macht es leichter, radikale Lösungsansätze zu platzieren. Schon rutscht die Debatte in eine ideologische Ecke ab und macht Platz für Propaganda.

Wie das Bundesamt für Verfassungsschutz in “Rechtsextremisten und ihr Auftreten im Internet” schreibt, gab es bei Facebook bis 2011 die Kampagnen-Seite “Keine Gnade für Kinderschänder”. Sie machte allerdings auch Werbung für die NPD. “Dennoch erkannten viele Nutzer anfangs nicht die wahre Intention der Kampagne beziehungsweise bekundeten ihre Zustimmung”, so das Bundesamt. 2011 wurde die Seite durch Facebook gelöscht. Es sieht allerdings nicht so aus, als sei das Thema damit erledigt. Heute gibt es eine Seite bei Facebook “Deutschland gegen Kindesmissbrauch” mit über 37.000 Gefällt-mir-Angaben. Gepostet werden externe Internetseiten, darunter auch namhafte, nicht-extremistische Nachrichtenseiten wie Zeit.de. Die Seite wirkt auf den ersten Blick seriös, auch der Blick zum Info-Bereich der Seite lässt erst einmal nichts Böses vermuten: “Wir arbeiten weder im Auftrag irgendwelcher Organisationen, noch im Auftrag von Parteien. (...) Wir nehmen keine Rücksicht auf nationale, ethnische, religiöse oder kulturelle Befindlichkeiten (...). Wir unterscheiden nicht zwischen deutschen und ausländischen Tätern.”


Die Verpackung der Seite lädt zur Unterstützung ein, nur: Was haben Asylbewerber-Themen auf der Seite zu suchen und warum werden Links aus rechten Quellen gepostet? Knapp 38.000 Menschen finden das gut - oder wissen nicht, welche Intention die Seite hat.

Allerdings gibt es keinerlei Information darüber, wer “wir” überhaupt sind. “Eure Admins” steht da am Ende, ohne weitere Angaben. Gepostet werden auffällig häufig Nachrichten, die sich negativ mit Asylbewerbern beschäftigen. Die Aufmachung, die Mehrheit der Kommentare, die Verweise auf andere Internetseiten ließen “keinen direkten Rückschluss auf eine rechtsextremistische Ausrichtung mehr zu”, so das Bundesamt für Verfassungsschutz. “Dennoch greifen Nutzer in unregelmäßigen Zeitabständen und mit unterschiedlicher Intensität Themen mit erkennbar rechtsextremistischem Bezug auf”, so das Bundesamt für Verfassungsschutz. Es könne “von der Beteiligung einer NPD-Aktivistin ausgegangen werden" und es lägen Hinweise auf eine Administratoren-Tätigkeit der genannten Person vor.

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für die Vereinnahmung von gesellschaftsfähigen Themen, darunter die sogenannte Balaclava-Küche (Balaclava bedeutet Sturmhaube). In selbst gedrehten Videos werden vegane Gerichte gekocht und Tipps für gesunde Ernährung gegeben. Allerdings sind die Akteure mit Sturmhauben vermummt und auf der Kleidung, in der Hintergrundmusik oder in Slogans findet sich nationalsozialistische Ideologie. Das Spektrum von gekaperten Themen reicht bis hin zu Kinderpornografie, Natur- und Tierschutz.


Kochkurs bei Youtube mit vermummten Rechtsextremisten. Ihre Handzeichen sind eindeutig der rechten Szene zuzuordnen, Kleidung, Musik und Logo geben subtile Hinweise auf die Intention der Videos.

3. Feindbilder schüren durch Verallgemeinerungen, Abgrenzung, Vereinfachung

Verallgemeinerung, Abgrenzung, Vereinfachung: Diese “Diskussionsmittel” sind typisch für rechte Hetze. Es werden Ängste vor einer “drohenden Islamisierung” geschürt, Nachrichten über Straftaten bestimmter Personengruppen sollen einen “natürlichen Hang zur Gewalt” belegen, Menschen werden pauschal und allumfassend diffamiert.


Pfandsammler - die Guten. Asylbewerber - die Bösen. Alle. So einfach kann man sich die Welt zurecht erklären

“Wir gegen die” lautet die Devise, die Welt wird in Gut und Böse aufgeteilt. Dabei sind “wir” die Norm, die “anderen” sind minderwertig. Es werden Feindbilder erschaffen, die nur mit “Schwarz-Weiß-Denke” konstruierbar sind: “Systempresse”, “Systemparteien”, “linke Meinungsmafia”, "Multikulti-Extremisten", "Gutmenschen", "Asylbetrüger".

Das ist “praktisch”: Die Vereinfachung macht das Anbieten von Lösungen für gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen einfach (“alle abschieben”, “Bedrohung stoppen”, “wir sagen als Einzige die Wahrheit”, “Lügenpresse ignorieren”).


Abgrenzung, angebliche Benachteiligung von deutschen Kindern ohne Quellenangabe, gleichzeitig der Versuch, Nazis und ihre Ideologie salonfähig zu machen. Hier werden gleich mehrere Taktiken vermischt.

Bei entsprechenden Postings und Kommentaren ist es oft nicht möglich, sie in den richtigen zeitlichen oder inhaltlichen Kontext einzuordnen. Dieser wird häufig absichtlich verschleiert oder verfälscht, um die eigene Meinung zu bestätigen.

4. Verschwörungstheorien und Prophezeiungen

Die Einteilung der Welt in Gut und Böse kann bis hin zu Verschwörungstheorien gehen: “Selbsterklärte ‘alternative Medien’ präsentieren sich als Rebellen, die – gegen alle Widerstände und jedem Risiko zum Trotz – die vermeintliche Wahrheit erzählen. In vielen Fällen werden dabei volksverhetzende Inhalte veröffentlicht", so Jugendschutz.net.

Um die selbst gebastelten Theorien zu belegen und Glaubwürdigkeit vorzugaukeln, werden gegenteilige Informationen als Teil der Verschwörung zurückgewiesen, Nachrichten gefälscht oder die Beiträge aus seriösen Quellen in einen falschen Zusammenhang gesetzt.

Ein von der Pegida-Bewegung genutztes Beispiel dafür ist der “Lügenpresse-Vorwurf”. "Auf diese sprachlich sehr simple Weise versuchen Rechtsextreme so, sich von den ihrer Meinung nach ‘manipulierten’ und ‘manipulierenden’ (sprich: etablierten) Medien abzugrenzen”, so die Amadeu Antonio Stiftung in “Viraler Hass”. Wer sich gegen dieses angebliche Verschwörungssystem stellt, sei mutig, weil er sich traue, trotz “linksfaschistischer Politik”, “linken Krawallmachern” und “zensierter Presse” die einzig wahre Wahrheit auszusprechen.


Wer sich gegen Rechts aufstellt, gehört zur linksextremistischen Antifa - und die Presse vertuscht es. So die wirre Botschaft dieser Zeichnung.

Verschwörungstheorien sind häufig verbunden mit finsteren Prophezeiungen: Sollte die gute Seite nicht gewinnen, stünde ein Untergang bevor. Deshalb müsse schnell gehandelt werden - ein gefährlicher Aspekt, weil er einen Aufruf zur aktiven Gegenwehr bis hin zur Radikalisierung beinhaltet.

Es scheint überhaupt keinen Mittelweg zu geben: Wer für eine Willkommenskultur ist, kann sich nicht gleichzeitig Sorgen zum Thema machen. Wer gegen eine weitere Zuwanderung von Flüchtlingen ist, kann nicht gleichzeitig im Asylbewerberheim arbeiten. Als gäbe es nur "ganz dafür" oder "ganz dagegen". Auf manch einen wirkt eine so einfache Welt vielleicht beruhigend.


Irgendjemand prophezeit, dass die bösen, schwachen Anderen sich irgendwann hinter dem guten, starken Wir verstecken. Warum, wovor und mit welchem Ergebnis, muss man raten.

5. Ablenkungsmanöver

Das Ziel rechter Hetze ist nicht nur die Rekrutierung neuer Anhänger, sondern auch die Störung von sachlichen Diskussionen. Dies geschieht unter anderem durch Ablenkungsmanöver. Dann wird zum Beispiel linksextreme oder islamistische Gewalt herangezogen, um rechtsextreme Gewalt zu relativieren. Nach dem Motto: “Aber die sind noch viel schlimmer.” Klingt kindisch, ist aber ein viel genutztes Mittel.


Links die Linken, rechts Pegida. Klare Einteilung in Gut und Böse und ein Bild, das in Diskussionen geeignet ist, von der eigentlichen Problematik abzulenken.

Dazu gehört auch, andere Diskutanten “lahmzulegen” und stille Mitleser zu verunsichern. Falsche Zusammenhänge, Gegenfragen, schnelle Wechsel von einem Thema zum nächsten helfen, vom eigentlichen Thema abzulenken. Allein aufgrund der Menge der angesprochenen Inhalte ist es dann schwierig, die Diskussion sinnvoll weiterzuführen. Geben andere Kommentatoren auf, haben die Rechten ihr Ziel erreicht.

6. Botschaften auf Bildern

Bilder und Fotos funktionieren generell gut in den sozialen Netzwerken, das wissen auch Rechtsextremisten. Sie nutzen sie daher als Mittel, um ihre Botschaften zu transportieren. Hier wird allerdings besonders häufig der Kontext verschleiert, unter dem die Bilder entstanden sind - bis hin zu Urheberrechtsverstößen, Manipulationen, Fälschungen von Fotos oder dem Herstellen eines völlig neuen Zusammenhangs. Für den Nutzer ist dann kaum mehr nachvollziehbar, woher das Bild eigentlich stammt und in welchem Zusammenhang es entstanden ist.


In diesen Bildern auf rechtsextremen Seiten sind gleich mehrere Kommunikationsstrategien zu sehen: Verallgemeinerung, Vereinfachung, Herabsetzung, Feindbilder, gesellschaftstaugliche Themen (Mr. Bean), Behauptungen ohne Quellenangabe. (Vier Screenshots)

7. Humor und Satire

Rechte Hetze wird auch gerne in vermeintlichem Humor verpackt. Bewusst wird mit Überspitzung gespielt, um Botschaften rüberzubringen. “Die Erfahrung zeigt: Je anstößiger, provokanter und umstrittener ein Witz ist, desto eher verbreitet er sich schneeballartig. Viele Beiträge transportieren dabei Hassbotschaften und kursieren unter dem Deckmantel der Satire im Netz”, so Jugendschutz.net in “Humor als Deckmantel für Rassismus und Diskriminierung”.

Die Bilder und Texte enthielten oft “klare rassistische und diskriminierende Botschaften, auch mit Bezug zum Nationalsozialismus". Vor allem jugendliche Nutzer neigten dazu, “provozierende Beiträge unreflektiert im Freundeskreis oder gar öffentlich zu teilen”. So werden sie zu Unterstützern von Kampagnen und Kreisen, zu denen sie bis dahin noch nie Kontakt hatten.

“Mit jedem Holocaust-Witz nimmt die Hemmschwelle ab, bis es normal erscheint, sich darüber lustig zu machen”, schreibt die Amadeu Antonio Stiftung in “Viraler Hass - Rechtsextreme Kommunikationsstrategien im Web 2.0”. Eine klare Abgrenzung zwischen bloßer Satire und rechtsextremer Ideologie sei schwierig, aber es gebe Orientierungshilfe: “Satire verfolgt meist den Zweck, großen wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Institutionen den Spiegel vorzuhalten, um eine kritische Auseinandersetzung über bestehende Machtverhältnisse anzuregen. Wenn aber ausschließlich rechtsextreme und menschenfeindliche Hetze verbreitet wird, ist das kein Humor, sondern Ideologie." Meinungsfreiheit ja, Menschenverachtung nein.

Jugendschutz.net dazu: “Durch mehrere rassistische Aussagen auf einem Facebook-Profil kann sich beispielsweise ein entsprechender Grundtenor ergeben, so dass das Angebot insgesamt als jugendgefährdend einzustufen ist.” Grundlage für die Bewertung, ob ein Humorangebot als jugendgefährdend oder rechtsextremistisch einzustufen ist, seien gesetzliche Jugendschutzbestimmungen sowie Beurteilungskriterien der Kommission für Jugendmedienschutz http://www.kjm-online.de/und der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien http://www.bundespruefstelle.de/.

8. Falsche Statistiken, falsche Experten und fragwürdige oder gar keine Quellen

Wenn man keine etablierten Quellen hat, die die eigenen Behauptungen belegen, werden Statistiken aus dem Zusammenhang gerissen, fiktive Experten, Institutionen oder Quellen mit eindeutig ideologischem Hintergrund herangezogen. "Verweise auf (teils fiktive) Berichte – 'Wie Prof. Dr. hc. Schultze im März 1997 im Spiegel schrieb...', 'Wie die Zeit unlängst vermeldete...' – sollen den Eindruck erwecken, der oder die Schreibende verfüge über ein umfangreiches Wissen. In ähnlicher Weise wird sich auf seriös klingende Quellen berufen, die sich bei näherer Betrachtung als eindeutig rechtsextrem erweisen. Der Bezug auf 'eine Studie der Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung vermittelt zunächst den Eindruck von Wissenschaftlichkeit, stellt sich jedoch als rassentheoretische Ausarbeitung eines rechtsextremen Vereins unter selbigem Namen heraus", schreibt die Amadeu Antonio Stiftung in "Neonazis im Web 2.0". Ist gar kein Beleg zur Hand, auch kein “gefärbter”, wird eine Quelle für Behauptungen gleich ganz weggelassen. Im Eifer einer Diskussion kann man damit durchkommen, als Mitdiskutant sollte man hellhörig werden.


Wer sagt das? Wie sehen Zahlen dazu aus? Wo sind die Studien, die das belegen sollen? Hier wird eine Behauptung aufgestellt und die Quelle gleich ganz weggelassen, sicherheitshalber.

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Tipps: So kann man rechte Hetze durchbrechen


Wer die Strategien kennt, tut sich leichter im Umgang mit rechter Hetze. Folgende Gegenmaßnahmen können helfen, richtig zu reagieren und die Diskussion auf eine konstruktive Ebene zu heben:

1. Meldesysteme nutzen, rechtlich relevante Inhalte anzeigen

Die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und Youtube untersagen in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen rassistische und rechtsextreme Inhalte. Bei deren Verfolgung sind sie aber auf die Mithilfe der Nutzer angewiesen. Wer solche Inhalte entdeckt, sollte sie über die extra dafür eingerichteten Schaltflächen melden. Das ist keine Garantie für eine Entfernung, aber es kann helfen.

Facebook verschärft Vorgehen gegen GewaltdrohungenFacebook kündigt nach monatelanger Kritik einen härteren Kurs gegen Hasskommentare an. In Zukunft würden "in Deutschland Androhungen von physischer Gewalt als glaubhafte Drohungen eingeschätzt und entfernt", teilte das weltgrößte Online-Netzwerk Ende November mit. Bisher sollten bei der Abwägung, ob ein Eintrag entfernt wird, mehrere Faktoren berücksichtigt werden - zum Beispiel, wie realistisch es erscheine, dass eine Drohung umgesetzt werde.

"Ich bin überzeugt, dass dies zur Folge hat: Es werden deutlich mehr kontroverse Inhalte auf Facebook in Deutschland gesperrt", erklärte Facebook-Sprecherin Tina Kulow. Auch die Toleranz gegenüber leichtfertig dahin geschriebenen Kommentaren mit fremdenfeindlichem Unterton werde eingeschränkt. Dabei würden Facebooks Gemeinschaftsstandards nicht geändert, "aber wir verbessern die Art und Weise, wie wir sie in Deutschland umsetzen, nachhaltig".

Facebook wurde massiv vorgeworfen, fremdenfeindliche Inhalte auch nach Hinweisen von Nutzern nicht konsequent genug zu entfernen. Zudem stellte ein Würzburger Anwalt Strafanzeigen gegen Manager des Online-Netzwerks. (dpa)

Außerdem können entsprechende Inhalte bei Seiten wie jugendschutz.net gemeldet werden. Jugendschutz.net kontaktiert dann den Provider und Plattformbetreiber und fordert diese zur Löschung auf. Ist ein deutscher Verantwortlicher bekannt, wird die Meldung an die Kommission für Jugendmedienschutz weitergeleitet.

Wird sogar eine rechtliche Grenze überschritten (zum Beispiel bei Drohungen, Volksverhetzung laut § 130 StGB, offenem Rassismus), sind Betreiber von Profilen oder Seiten aufgefordert, die entsprechenden Inhalte zu löschen. Seiten-Admins sind für die Inhalte auf der Seite verantwortlich. Angezeigt werden können strafrechtlich relevante Inhalte auch bei der lokalen Polizeiwache.

2. Dagegen halten, ohne gleich “Nazi” zu schreien

Wer verhindern möchte, dass menschenverachtende Sichtweisen salonfähig werden, sollte dagegen halten - ohne sich auf das Niveau der Hetzer zu begeben. Es gilt, ruhig und sachlich zu bleiben, sich nicht provozieren oder ablenken zu lassen und den Verlauf der Diskussion selbst zu bestimmen. Entsteht Streit, wandert die Diskussion von Thema zu Thema oder wird gestört, haben die Hetzer ihr Ziel erreicht.

Sein Gegenüber sollte man ernst nehmen, Nachfragen stellen und auf Fehler hinweisen:

  • “Was meinst du damit?”
  • “Wen meinst du denn, wenn du von Ausländern sprichst?”
  • “Warum ist dir das Thema so wichtig?”
  • “Warum hast du ein Problem mit…?”

Mit solchen Fragen kann man manchmal etwas über die Denkweise des Mitdiskutanten erfahren - oder er “outet” sich, indem er keine Antworten liefert. Hier sind Geduld und Ausdauer gefragt.

Was man nicht tun sollte: den "Oberlehrer" spielen oder gleich “Nazi!” schreien. Statt dessen kann man zum Beispiel schreiben: “Diese Strategie wird auch gerne von Rechtsextremen genutzt. Pass auf, dass du da nicht falsch zugeordnet wirst.” oder “Ist dir bewusst, dass das eine diskriminierende Äußerung ist?”

Bei hartnäckigen Hetzern hilft Gegenrede nicht. Sie nutzen sie eher, um die eigentliche Diskussion zu zerstören. In dem Fall kann man eine Diskussion auch abbrechen.

3. Rechte Hetze an Sprache und Symbolik erkennen

Rechte Hetzer benutzen oft für sie ganz typische Begriffe und Wortneuschöpfungen. Neonazis beispielsweise bezeichnen sich gerne als “Nationaldemokraten”, “Freiheitliche”, “Nonkonforme Patrioten” oder “Nationale Sozialisten”. Wer diese Begriffe benutzt, dürfte zumindest mit Nazi-Ideologien Kontakt gehabt haben.

Gute Überblicke über rechtsextreme Codes, Symbole und Sprache:


4. Rechte Hetze entlarven

Viele der oben genannten Taktiken lassen sich im Einzelfall entlarven. Ein paar Beispiele:

  • Fehlende oder zweifelhafte Quellenangaben und fragwürdige Statistiken kann man ganz konkret hinterfragen und Fakten einfordern (zum Beispiel: “Welche Ausländer nehmen angeblich welche Arbeitsplätze weg?”). Meistens wissen die Schreiber dann selbst nicht weiter. Außerdem hilft das stillen Mitlesern, die Informationen einzuordnen.
  • “Nachrichten” ergeben nur im richtigen Zusammenhang Sinn. Ist dieser verschleiert oder verfälscht, ist das verdächtig.
  • Verallgemeinerungen beruhen oft auf (angeblichen) persönlichen Erfahrungen. Ein subjektives Gefühl alleine rechtfertigt Verallgemeinerungen allerdings nicht.
  • Rechte Kommentatoren formulieren oft nicht direkt, was sie eigentlich sagen wollen, weil sie sich nicht trauen, es direkt zu sagen. Hier kann man nach der Intention von Aussagen fragen, um diese zu entlarven.
  • Verfasser entsprechender Kommentare sollte man beobachten: Was kommentieren sie sonst noch? Was veröffentlichen sie auf ihren Profilen? Sind die Profile auffällig oder behandeln sie häufig beispielsweise Asylthemen? Sind es kritische oder einseitige Inhalte? Besonders bei subtil vorgehenden Kommentatoren kann der Gesamteindruck viel verraten.
  • Wer vom eigentlichen Thema gezielt ablenkt, kann darauf hingewiesen werden, dass er sich wohl nicht mit dem Ursprungsthema beschäftigen möchte. Hier kann man dann auch ganz direkt fragen: “Warum?”

5. Konsequenzen aufzeigen

Manchmal hilft es, die Perspektive zu wechseln. Ein guter Einstieg dafür kann “Was wäre, wenn…” sein. Wenn also beispielsweise jemand geschlossene Grenzen fordert, müsste er ja eigentlich auch dafür sein, dass Menschen, die diese Grenze illegal überschreiten wollen, notfalls mit Waffengewalt davon abgehalten werden. Wenn man solche Konsequenzen aufzeigt, kann das eine Aussage entkräften beziehungsweise Mitlesern gute Gegenargumente liefern, die eine solche Aussage inakzeptabel machen.

6. Netiquette beachten

Jeder Nutzer, egal welcher Denkweise und Einstellung, sollte die Regeln einer Community beachten. Das gilt natürlich auch für Menschen, die gegen rechte Hetze kommentieren. Seiten-Admins und Moderatoren legen diese Regeln fest und behalten sich vor, gegen Verstöße vorzugehen.

Zur Netiquette von Oberpfalznetz bei Facebook

Fazit: Rechte Hetze nicht unwidersprochen stehen lassenPlattform-Betreiber, Seiten-Admins und Moderatoren stehen vor einer großen Herausforderung. Um diese im Sinne einer Demokratie zu meistern, sind sie auf die Unterstützung der Nutzer im Internet und in den sozialen Medien angewiesen. Wer sich in den Kommentarbereichen gegen rechte Hetze einsetzen möchte, tut gut daran, die Kommunikationsstrategien der Rechten zu kennen und nicht zu unterschätzen. Unsere Serie soll dafür eine Orientierungshilfe sein. Wir möchten unsere Kommentatoren auffordern, sich aktiv an der Diskussion über unsere Themen zu beteiligen und sich - wie wir auch - gegen rechte Hetze einzusetzen. Denn, so heißt es bei der Amadeu Antonio Stiftung im Papier “Neonazis im Web 2.0”: “Nicht immer können rechtsextreme Inhalte aus dem Internet verbannt werden. Unwidersprochen bleiben müssen sie jedoch nicht.”

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Weiteres Informationsmaterial zum Download


Bundesamt für Verfassungsschutz: Rechtextremisten und ihr Auftritt im Internet

Jugendschutz.net: Rechtsextremismus online - Jahresbericht 2014

Jugendschutz.net: Humor als Deckmantel für Rassismus und Diskriminierung

Amadeu Antonio Stiftung: Viraler Hass - Rechtsextreme Kommunikationsstrategien im Web 2.0

Amadeu Antonio Stiftung: Neonazis im Web 2.0

Linktipps


Rechtsextremismus in der Oberpfalz

Netz-gegen-Nazis.de: Tipps - was tun gegen Rechtsextremismus im Internet?

Mimikama.at: Fake-Meldungen und verdächtige Internet-Inhalte erkennen

Netz-gegen-Nazis.de: Fake-Meldungen zu Flüchtlingen

BR.de: "False Flag" - Wie Hetzer Nachrichten verfälschen

Mimikama.at: Wie alte Artikel tauchen in neuem Kontext wieder auftauchen
Mimikama.at: Fake-Meldungen über angebliche Vergewaltigungen durch Flüchtlinge

Übersicht: Rechtsextreme Symbole, Codes und Erkennungszeichen

Netz-gegen-Nazis.de: Begriffe, Trends und Dauerbrenner der Verschwörungsideologien

Strafgesetzbuch: Volksverhetzung

Jugendschutz.net: Verstöße melden

Online-Beratung gegen Rechtsextremismus

Mimikama.at: Hassbotschaften melden, wenn Facebook nicht reagiert

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