Suizid: Wenn Angehörige trauern
Erste Hilfe für die Seele

Menschen, die durch Suizid einen Angehörigen verloren haben, verstehen oft die Welt nicht mehr. Hilfe bekommen sie von verschiedenen Institutionen. Bild: dpa

Der Tod reißt Lücken in Familien. Hinterbliebene quälen sich mit Fragen, finden aber keine Antworten - besonders bei Suiziden. Helfer versuchen, die Angehörigen bei der Trauer zu unterstützen. Doch auch für sie ist es oft nicht leicht.

Es sind Szenen, wie die am Wochenende auf der A 93, die Beteiligten nicht mehr aus dem Kopf gehen: Eine Frau nimmt sich das Leben und hinterlässt Trauer und Leere. Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben, bekommen von verschiedenen Institutionen Hilfe.

Monika Fleischer ist Leiterin des Kriseninterventionsdienstes im BRK-Kreisverband Weiden-Neustadt/WN und vor Ort, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Sie und ihr Team leisten Hintergrundarbeit, wie sie sagt. "Wir nennen uns Erste Hilfe für die Seele." Drei bis fünf Stunden ist die Gruppe am Unglücksort, alarmiert wird sie über die Integrierte Leitstelle Nordoberpfalz. "Polizei und Feuerwehr schauen immer, ob Angehörige da sind." Die Helfer kümmern sich darum, dass Hinterbliebene auch für die Zeit nach dem ersten Schock Hilfe haben, "wenn wir wieder weg sind". "Wir sagen Nachbarn, dem sozialen Umfeld, dass sie nicht weggehen sollen."

Hilflosigkeit


Das 19-köpfige Team hatte dieses Jahr schon mehrere Einsätze wegen Suizids, die auch an den Helfern nagen. "Wir sprechen danach immer mit dem Teampartner, ohne psychische Hygiene geht es nicht." Die Ehrenamtlichen können pausieren, wenn es zu viel wird. "Man muss psychisch stabil sein." Eine weitere Anlaufstelle ist der Selbsthilfeverein "Angehörige um Suizid" (Agus). "Wenn sich ein Mensch das Leben nimmt, stehen Freunde, Verwandte in der Regel fassungslos und hilflos daneben. Die Todesart macht sprachlos", meint Elisabeth Brockmann von der Bundesgeschäftsstelle in Bayreuth. "Der Auslöser kann eine Situation sein, die andere vielleicht als ärgerlich empfinden, aber lösbar. Zum Beispiel die Kritik eines Vorgesetzten. Aber die Ursachen für einen Suizid sind viel tieferliegend, manchmal stehen jahrelange Entwicklungen dahinter", weiß sie. "Eine Betroffene sagte mir: ,Unser Streit am Abend vorher hat das Fass zum Überlaufen gebracht, aber ich habe das Fass nicht voll gemacht'." Der Mann der Betroffenen hat sich nachts umgebracht. Generell kann Brockmann bestätigen, dass Männer eher zum Suizid neigen. Frauen seien bereit, über Probleme zu sprechen. Männer hingegen würden eine Lösung präsentieren: den Tod. Auch bei Jugendlichen sei Selbsttötung keine Seltenheit. Oft seien es Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, die Menschen dazu bringen, Suizid zu begehen. "Sie glauben nicht, dass es jemals anders wird." Hinterbliebene würden über Freunde oder Pfarrer auf den Verein aufmerksam. "Oder sie finden uns über das Internet", sagt Brockmann. Täglich melden sich Angehörige. "Wir haben über 60 Selbsthilfegruppen." Das Angebot ist kostenlos und gibt es unter anderem in Neumarkt, Regensburg, Bayreuth und Nürnberg. "Die Gruppen werden von Betroffenen geleitet, das ist sehr wichtig", erklärt sie. Auch für Brockmann ist es eine hohe Belastung, mit den schlimmen Fällen umzugehen: "Für mich ist es notwendig, zu trennen zwischen meinem Leben und der Situation von Suizidtrauernden."

Gespräche wichtig


Im Bezirksklinikum Wöllershof werden Menschen behandelt, die von Suizidgedanken geplagt werden, oder schon einen Selbsttötungsversuch hinter sich haben. "Angehörige kommen nur in persönlich sehr belastenden Fällen ambulant in Behandlung. Sie leiden oft unter Schuldgefühlen", informiert Ärztlicher Direktor Dr. Heribert Fleischmann. Was einen Menschen dazu bringt, sich umbringen zu wollen, erklärt er so: "Viele Patienten fühlen sich von Gott und der Welt verlassen, fühlen sich nutz- und wertlos, von den Familien und Arbeitskollegen zurückgewiesen". Mit Gesprächen, Medikamenten und der Aufarbeitung von innerseelischen und sozialen Hintergründen hilft das Team. Betroffene können so lange bleiben, "bis sie sich so stabilisiert fühlen, dass sie sich ein Leben unter Alltagsbedingungen wieder zutrauen", berichtet Fleischmann.

Den Zugang zum Patienten zu finden, sei nicht immer leicht. "Menschen mit Suizidgedanken schämen sich, haben keinen Mut zum Reden, empfinden das sogar als Schwäche. Andere verschweigen Suizidgedanken gezielt oder täuschen Wohlbefinden vor. Sie denken, ihre Angehörigen sind durch ihren Tod erlöst, und alle Probleme sind beseitigt. Dass es für die Angehörigen dann erst richtig losgeht, bedenken sie nicht", informiert er. Für Fleischmann ist es ebenfalls nicht leicht, abzuschalten. "Als Arzt quält man sich mit dem Gedanken, ob man nicht doch helfend eingreifen hätte können, ob man was übersehen hat."

Bei einem Verdacht sollte man einfühlsam, aber klar fragen, ob der Betroffene lebensmüde ist. "Hilfe anbieten, den Kontakt aufrechterhalten, reden", rät er. Weitere Anlaufstellen seien Psychologe, Pfarrer oder Telefonseelsorge unter 0800/1110111.

Sie denken, ihre Angehörigen sind durch ihren Tod erlöst, und alle Probleme sind beseitigt. Dass es für die Angehörigen dann erst richtig losgeht, bedenken sie nicht.Dr. Heribert Fleischmann


Zahlen zum SuizidDie Anzahl der Suizide ist in Bayern laut Bayerischem Landesamt für Statistik leicht rückläufig. Waren es im Jahr 2004 noch 1841 Menschen, ist die Zahl bis zum Jahr 2014 auf 1785 gefallen. Für die Oberpfalz lässt sich ein Jo-Jo-Effekt erkennen. 2004 waren 151 Suizide, im Jahr darauf 135. 2006 stieg die Zahl wieder auf 171 an. Im Jahr 2014 sind erneut 151 Selbsttötungen verzeichnet. In Deutschland sind laut Professor Manfred Wolfersdorf vom Bayreuther Bezirkskrankenhaus die Zahlen seit den 1980er Jahren nach unten gegangen - "von 13 000 plus x auf 10 249 im Jahr 2014", sagt der Facharzt für Psychiatrie. Und der Trend gehe laut dem gebürtigen Amberger so weiter. "Wir gehen heute anders um mit Suiziden. Wir tabuisieren nicht mehr." (spi)
5 Kommentare
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Carola Elsing aus Tirschenreuth | 22.06.2016 | 14:28  
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tina rödy aus Amberg in der Oberpfalz | 22.06.2016 | 16:19  
Redaktion Onetz aus Weiden in der Oberpfalz | 22.06.2016 | 20:18  
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Klaus Panzer aus Regensburg | 22.06.2016 | 21:25  
Anne Spitaler aus Weiden in der Oberpfalz | 23.06.2016 | 11:18  
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