Syrer berichten von ihrer Fahrt in einem präparierten Dieseltank über osteuropäische Grenzen
Kekse und Cola im Tank

Vier Türken müssen sich vor der Strafkammer des Landgerichts wegen Schleusung verantworten. Im Bild der Hauptangeklagte Abdulhakim Ö., dahinter ein weiterer Schleuserfahrer mit Verteidiger Tobias Konze. Bild: Götz
 

Drei Zeugen schweigen aus Angst. Zwei packen aus. Ein Informatikstudent und sein Vater, Maler aus Nordsyrien, erzählen von der Fahrt über osteuropäische Grenzen. "Es war heiß. Es war eng. Wir haben gedacht, wir werden sterben. Wir konnten nicht atmen", schildert der Junior. Mit ihnen kauerte ein dritter Syrer im umgebauten Dieseltank.

"Ich bin gebückt gesessen", schildert der zierliche 30-Jährige (1,60 Meter, 55 Kilo). Er beugt sich vor und fasst sich mit den Händen an die Oberschenkel. Der junge Syrer ist einer von über 60 Flüchtlingen, deren Schleusung im aktuellen Landgerichtsprozess gegen vier Türken angeklagt ist. Tatsächlich dürften es weit mehr sein, da erst nach einer gewissen Zeit Observierung und Telefonüberwachung einsetzten. Allein an diesem Vater und Sohn hat der Schleuserring 17 000 Euro verdient.

Zwei Familien im Verdacht


Wer hier verdient hat und wie - dazu machten am Montag auch die beiden aussagewilligen Zeugen keine Angaben. Nach Kenntnis der Bundespolizei hatten federführend zwei Familien ihre Finger im Spiel: Die des Hauptangeklagten Abdulhakim Ö. (32) aus Baden-Württemberg, gegen dessen fünf Brüder teils ebenfalls ermittelt wird. Am anderen Ende der Route soll ein nordsyrischer Clan die Strippen gezogen haben, bei dem der Schleuserlohn hinterlegt wurde.

Die Organisation machte ihr Geld von März bis September 2015, als eine legale Einreise noch nicht möglich war. Ihr Geschäft versiegte kurz nach dem Lkw-Drama von Parndorf mit 71 Toten (26. August) und der Grenzöffnung (4. September). Den Schleusern saßen zu diesem Zeitpunkt schon die Fahnder in Deutschland, Österreich, Tschechien im Nacken. Die Festnahme der vier Angeklagten erfolgte am 20. September in Brünn (Tschechien) sowie bei der Wittschauer Höhe.

Zwei Lkw wurden sichergestellt: Einer steht jetzt in Wien, der zweite in Schwandorf. Ein Verteidiger, selbst Türke, zweifelte an, dass der Tank wirklich so klein ist, wie vom Studenten beschrieben: "Übertreiben Sie nicht? Da passen doch keine drei Personen rein, nicht mal gefaltet." Landgerichtspräsident Walter Leupold kündigte daraufhin eine Fahrt zur Bundespolizei Schwandorf an. Auch der Tank aus Österreich kann "live" bestaunt werden: Am Donnerstag im Gerichtssaal, wenn ein Rechtsmediziner seine Einschätzung abgibt.

Fotos zeigen eine Metallkiste, montiert zwischen den Lkw-Reifen. Die Luftzufuhr erfolgte über zwei Öffnungen in der Größe von Zigarettenschachteln. Zudem hätte es auf der Fahrt Cola und Kekse gegeben, berichtet der Student. "Erfrischungsgetränke wurden gereicht", übersetzt die Arabisch-Dolmetscherin.

Bis Istanbul waren der 30-Jährige und sein Vater geflogen: ab Qamischli in Nordsyrien mit Zwischenstopp in Beirut im Libanon. In Istanbul verbrachten sie mit anderen Flüchtlingen zwei Tage in einer Wohnung, ehe es per Bus in Richtung Bulgarien weiterging. Ein zehnstündiger Fußmarsch führte durch Wälder über die Grenze. Vor Sofia wurde die Gruppe von Autos aufgenommen und zu einer Wohnung in der Hauptstadt gebracht. Dort warteten die Syrer 15 Tage auf den Weitertransport.

Dann der entscheidende Tag: Aufbruch auf die letzten 1500 Kilometer. Durch Rumänien, Ungarn, Tschechien. Mit vier weiteren Syrern wurden Vater und Sohn abgeholt und auf zwei Lkw eingeteilt. "Es gab viel Hektik, wir wurden oft angeschrien." Tagsüber blieben die drei Syrer während der Fahrt in der Dachschlafkabine. Unten im Führerhaus saßen drei Angeklagte, darunter Abdulhakim Ö. Der vierte Türke fuhr in einem Seat Alhambra als Späher voraus und kaufte Vignetten. So die Anklage.

Während der Grenzübertritte kletterten die Syrer auf Anweisung der Fahrer in den Tank. Vor Gericht können sie keine Täter identifizieren: "Es war dunkel, wir waren immer versteckt." Im Tank blieben sie nach eigener Schätzung je drei bis fünf Stunden. Die Handys mussten ausgeschaltet bleiben. Es gab keinen Kontakt zur Außenwelt. Eine Öffnung von innen war nicht möglich. Man habe Staus bemerkt. Stop-and-go.

Warum steigt man bei Todesangst immer wieder ein? "Hätten wir das abgelehnt, wären wir auf der Straße geblieben", erklärt der 30-Jährige. In Tschechien wechselte das Trio bei Nacht und Regen in den Seat Alhambra, wo es sich unter den Sitzen verbarg. Um 3.40 Uhr setzte der Fahrer die Passagiere bei Lohma ab und gab Gas. Dort saßen die Syrer winkend im Bushäuschen, als im Morgengrauen eine Streife der Bundespolizei vorbeifuhr. "Ich habe mich in Sicherheit gefühlt." Jetzt lebt der Student in einem 6000-Einwohner-Ort in Baden-Württemberg. Er würde gern Mutter und Bruder nachholen. Legal.

Jeder wollte das Land verlassen. Die Situation war dramatisch.Zeuge (30) aus Nordsyrien
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