Tafel-Kundin spricht offen über ihr Schicksal
"Mit wenig Geld ändert sich alles"

Schlange stehen vor der Tafel: Auch Christine Bäumler reihte sich hier ein. Mit ungutem Gefühl. Denn ihre Freunde meinten: "Du bist asozial, wenn du dahin gehst." Die ehemalige Altenpflegerin ging weiter hin. Die Folge: "Ich habe erst meinen Job und dann viele Freunde verloren." Bild: Schönberger
 
Über ihren Alltag schreibt Christine Bäumler einen Blog. Er hilft ihr, mit den Ängsten zurechtzukommen, die sie plagen. Eine Angst der 51-Jährigen, die täglich 14 Tabletten einnehmen muss, ist etwa, einst als Pflegefall zu enden. Bild: mte
 
Das Gedicht über ihre Eiche ist nur eines von vielen, das Christine Bäumler auf ihrer Seite chrissie-welt.blogspot.de veröffentlichte. Bild: privat

Die Tafel sucht eine neue Bleibe, scheint aber nirgends willkommen zu sein. "Der neue Tag" berichtet darüber - und Christine Bäumler reagiert: "Ich habe Hunger. Entschuldigung dafür", postet die Tafel-Kundin auf der Facebook-Seite von Onetz. Ihr Schicksal zeigt, wie schnell man im Leben ganz unten landen kann.

Das Wichtigste gleich vorneweg: Die Tage bei der Tafel sind für Christine Bäumler gezählt. Seit gut sechs Monaten stemmt die einst alleinerziehende Mutter ihren Lebensunterhalt wieder ausschließlich aus ihrer Erwerbsunfähigkeits- plus der Zusatzrente aus einer Versicherung für Krankenschwestern. Der Sohn ist nun ausgezogen.

Trotzdem kann sich die 51-Jährige noch sehr gut an das Gefühl der Scham erinnern. Wie es durch jede Pore in ihren Körper kroch, als sie sich das erste Mal auf der Straße vor der Tafel am Stockerhutweg in die Schlange der Abholer einreihen musste. "Ich habe mich so sehr geschämt, ich war unsicher, schüchtern. Ich wollte da einfach nicht hin."

Das musste die gebürtige Tirschenreutherin aber, wenn sie sich und ihren Sohn ernähren wollte. Denn mit 38 stand die examinierte Altenpflegerin Christine Bäumler vor dem Nichts: "Da war klar, es geht nicht mehr im Job." Die Wirbelsäule war kaputt, die Diagnose Fibromyalgie stand fest. Der Faser-Muskel-Schmerz peinigt sie bis heute unaufhörlich. Er ist unheilbar.

Dazu kamen psychische Probleme. Zum einen wegen des Jobs: "Für mich war mein Beruf auch Berufung." Bäumler kümmerte sich um relativ junge, etwa wegen eines Schlaganfalls pflegebedürftige Menschen. Geistig topfit waren sie gefangen inmitten dementer Alter. Zum anderen sorgte sie sich um die Alten, die ihr ans Herz wuchsen. Nicht alle durften friedlich einschlafen. "Da sieht man viel, was einem sehr nahe geht." Obendrein wurde der Altenpflegerin immer mehr ihre eingeschränkte Leistungsfähigkeit wegen der Krankheit bewusst. Das Dilemma aus Nicht-Können, aber So-Sehr-Wollen, nagte kräftig an Christine Bäumlers Seele. "Mein Arbeitgeber und ich haben schließlich einen Aufhebungsvertrag geschlossen."

Vom öffentlichen Dienst zur Hartz-IV-Empfängerin. Das hat schwere Folgen: "Wenn man kein Geld hat, ändert sich einfach alles." Was genau? Neben den Krankheiten plagten Christine Bäumler nun Existenzängste, die schiefen Blicke der Nachbarn traktierten sie, die scharfen Worte von Freunden verletzten sie: "Immer wieder habe ich gehört, stell dich nicht so an. Wenn man arbeiten will, findet man auch was. Krankheit hin oder her." Oder: "Du bist asozial, wenn du zur Tafel gehst." Andere meldeten sich nie wieder: "Ich habe erst meinen Job und dann viele Freunde verloren."

Scham verfliegt schnell


Die psychische Last stemmte sie schließlich nur noch mit Hilfe von Profis in Wöllershof. "Danach war das Gerede noch schlimmer." 2013 zog Christine Bäumler nach Weiden. Das kam einer kleinen Flucht vor den alten Bekannten in Tirschenreuth gleich, aber auch einem Neuanfang.

Mittlerweile fiel ihr der Gang zur Tafel viel leichter. Christine Bäumler freute sich gar darauf. "Die Scham hat sich schnell gelegt." Und die Abholtage brachten Struktur und Abwechslung in ihr Leben. "Ich lebte sonst sozial sehr zurückgezogen. Bei der Tafel traf ich Bekannte." Ja, auch Gleichgesinnte. "Meine alten Freunde meinten, wie ich das abgelaufene Zeug da nur essen kann. So ein Schmarrn", regt sich Christine Bäumler noch heute auf. "Bei der Tafel gehen nur gute Sachen raus. Das Gemüse ist akribisch geputzt."

Das weiß die 51-Jährige so gut, weil sie selbst ehrenamtlich bei der Tafel aushalf. Das war nachdem klar war, dass die Rente wieder reichen und der Tafel-Besuch der Vergangenheit angehören wird. Fünf, sechs Tage hielt sie trotz der Krankheit durch, putzte Gemüse, unterhielt sich mit anderen Ehrenamtlichen. "Das sind alles feine Menschen, die lieber helfen, statt auf andere herabzuschauen." Dann übermannten die 51-Jährige wieder die Schmerzen, sie musste aufhören. Allein daheim am Hammerweg schrieb sie weiter an ihrem Blog, erzählte dort Geschichten aus dem Alltag. Oder sie malte Acrylbilder. Das klingt gut? Von wegen, meint Christine Bäumler: "Ewig Urlaub zu haben, ist nicht schön." Und: "Vieles kostet Geld, das man nicht hat."

Saunen zum Beispiel. "Das tut meinem Körper gut, hilft, neben den 14 Tabletten, die ich täglich nehmen muss, gegen die Schmerzen. Aber das ist nur selten drin. Den Eintritt in die Thermenwelt kann ich mir nicht oft leisten." Und nun hat auch noch das gebrauchte Laptop seinen Geist aufgegeben, der Blog als Ausgleich fehlt. Papier ist keine Alternative. "Ich kann nur fünf Minuten mit dem Kuli schreiben, dann halte ich es vor Schmerzen nicht mehr aus."

Reaktion schürt Wut


Am Handy entdeckte Christine Bäumler übrigens den Artikel über die schwierige Herbergssuche der Tafel auf der Facebook-Seite von Onetz, vernahm den Widerstand der Anwohner. "Wenn ich so etwas lese, fühle ich Wut und Enttäuschung, weil ich eine solche Reaktion den Bedürftigen, den Tafel-Mitarbeitern und deren Chef gegenüber als furchtbar ungerecht empfinde. Denn wirklich jeder kann in die Situation kommen, bedürftig zu werden." Es bestätige die Vorurteile, die viele noch immer gegenüber Tafel-Kunden hegen und unter denen vor allem die Kinder der Bedürftigen leiden. Inwiefern? "Da stehst du Schlange vor der Tafel, oft stehen da auch Mütter und ihre Kinder. Und dann sagt jemand im Vorbeigehen ganz laut: ,Schau, da stehen sie wieder, die Asozialen.'"

Anstehen bei der Tafel muss Christine Bäumler nicht mehr. Verbunden fühlt sie sich der Einrichtung dennoch: "Ohne sie hätte ich hungern müssen." Doch die Angst bleibt. Die größte plagt sie, wenn sie in ihren kaputten Körper hört: "Ich will nicht als Pflegefall enden." Das Bloggen schenkt ihr Hoffnung: "Wenn ich wieder einen Laptop habe und schreiben kann, geht's mir besser." Ob das bald klappt? Christine Bäumler bleibt zuversichtlich: "Irgendwie geht irgendwann immer alles."


Ich habe mich so sehr geschämt. Ich wollte da einfach nicht hin.Christine Bäumler über ihren ersten Besuch bei der Tafel

Die EicheWie ein Fels in der Brandung steht sie hier, bietet Unterschlupf und Schutz für so manches Getier.

Ein Eichhörnchen flitzt an ihr empor, drei Amseln singen dazu im Chor.

Marienkäfer fliegen von Blatt zu Blatt und essen sich so richtig satt.

Ich lege die Wange an ihre Rinde, und meine Arme um ihren Stamm, und hoffe, dass sie mich beruhigen kann.

Langsam vergesse ich meinen Schmerz, Ruhe und Frieden durchströmen mein Herz.

Dankbar für diese erholsame Pause, gehe ich froh und beschwingt nach Hause.
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 02.11.2016 | 14:53  
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