Taufkurs für iranische Flüchtlinge
Neue Heimat, neuer Glaube

Eine kurze Glaubenslehre Martin Luthers, zweisprachig auf Farsi (Persisch) und Deutsch. Die Bindung ist rechts, man liest das Büchlein aus "deutscher Sicht" von hinten nach vorne. Eines der wenigen Unterrichtsmaterialien, die Dekan Slenczka für seinen Taufkurs überhaupt zur Verfügung stehen. Im Iran ist schon der Besitz eines solchen Heftes verboten.
 
Wer vom Islam zum Christentum übertreten will, kann im Iran ernste Probleme bekommen. Anders in Deutschland. Auch deshalb interessieren sich viele iranische Neuankömmlinge für den Taufkurs bei Dekan Dr. Wenrich Slenczka (Fünfter von links). Bilder: dko (2)

Dr. Wenrich Slenczka ist sichtlich aufgeregt. Seine Aufgabe ist schließlich nicht alltäglich: Der evangelische Dekan leitet einen Taufkurs für iranische Flüchtlinge. Immer mehr haben dabei in den vergangenen Wochen im Pfarramt etwas über den christlichen Glauben gelernt. Und schon weit mehr gefunden als pure Informationen.

(dko) Angefangen hat es mit einem Gottesdienstbesuch. Vier Iraner waren Ende Oktober bei Dr. Wenrich Slenczka. Sie zeigten sich sehr interessiert, wollten vom christlichen Glauben erfahren. Slenczka hat ihnen den schriftlichen Ablauf des Gottesdienstes in ihrer Landessprache besorgt. "Die haben mich dann angesprochen, ob sie einen Taufkurs machen können." Eines ist zum anderen gekommen: "Ich wollte die Leute ja auch nicht abweisen", sagt der Dekan. Sie seien freiwillig zu ihm gekommen. "Da dachte ich: Wir müssen das anbieten. Ich finde das faszinierend, dass sie gekommen sind." Mit der Zeit sind es immer mehr geworden. Jeden Montag treffen sich nun etwa zehn Iraner mit Slenczka im Pfarramt und studieren die Glaubenssätze aus Altem und Neuem Testament.

Religionsfreiheit genießen


Die Verständigung in Slenczkas Taufkurs ist schwierig. Die Menschen sind alle Flüchtlinge. Bei den Interviews hilft ein Übersetzer: "Wir haben selbst wenig Bezug zum Islam", sagt Darius Abbasi. "Was wir im Iran erfahren haben, fanden wir nicht überzeugend. Wir interessieren uns jetzt für den christlichen Glauben." Sich über das Christentum zu informieren, sei in ihrer Heimat nicht möglich gewesen, sagt Hadi Mehrvarz. "Die Religion zu wechseln, ist im Iran verboten."

Nächstenliebe erfahren


Die neuen Glaubensschüler haben schon Dinge gefunden, die sie am Christentum besonders mögen: Riza Tanhaei Saeid etwa gefällt besonders gut, dass die Liebe die Grundlage des christlichen Glaubens ist. "Das haben wir schon hautnah erlebt und die Liebe in dieser Gemeinde gefunden." So sind einige der Kirchenneulinge spontan nach dem Gottesdienst von Familien zum Mittagessen eingeladen worden. Manche haben die Flüchtlinge auch an Heiligabend bei sich zu Hause willkommen geheißen. Die Neuankömmlinge möchten als Individuen wahrgenommen werden. Und in der Gemeinschaft mit anderen Christen haben sie das schon erfahren.

Auch sie beschäftigen die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln. Milad Hosini wünscht sich, dass auch zwischen Flüchtlingen unterschieden wird: "Nicht alle Flüchtlinge sind gleich. Überall sind die Leute verschieden." Auch für den Taufkurs gilt das: Einige haben zum Beispiel bereits im Iran im Geheimen von der christlichen Lehre gehört und wollen sich jetzt möglichst schnell taufen lassen. Andere wollen sich nur über das Christentum informieren.

"Ein Phänomen"


Die Suche nach einer neuen religiösen Identität ist bei Iranern nicht selten. Nach der Flucht oder Auswanderung nach Deutschland suchen sie den Weg zum Christentum. "Die Iraner kommen in die Kirchen. Das ist ein deutschlandweites Phänomen", sagt Slenczka. Warum, sei nicht ganz klar. Auch bei den Schiiten gebe es die religiöse Vorstellung vom "leidenden Gerechten". Das sei gut mit der Heilslehre von Jesus Christus vereinbar. Es gibt aber auch noch einen ganz anderen Aspekt: Wer vom Islam zum Christentum übertritt und sich taufen lässt, dem droht im Iran die Todesstrafe. Wem wiederum Gefahr für Leib und Leben droht, der wird nicht abgeschoben.

Dieser Umstand ist auch Slenczka bewusst. Er habe aber den Eindruck, dass das keine Rolle für die Motivation seiner Schützlinge spielt. Für ihn selbst ist sowieso etwas anderes wichtig: "Ich will den Menschen etwas vom christlichen Glauben vermitteln." Im Taufkurs hat er den Iranern etwas über die Bibel beigebracht. Dann sind sie gemeinsam die Glaubenssätze durchgegangen: Die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser... "Wir machen das wie im Konfirmandenunterricht. Mit dem Unterschied, dass die Konfirmanden viel mehr wissen. Die Entscheidung über die Taufe fällt am Ende", sagt Slenczka. "Ich will, dass sie wissen, was sie tun, wenn sie sich taufen lassen. Es gibt da keinen Druck."
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