Tausende Sudetendeutsche blieben nach dem Zweiten Weltkrieg in Tschechien zurück
„Wir sind keine Verräter“

Tausende Sudetendeutsche blieben nach dem Zweiten Weltkrieg in Tschechien zurück. Rudi Cerny ist einer von ihnen. Bild: hfz

Rudi Cerny, Tschechisch-Lehrer an der Volkshochschule, hat eine höchst ungewöhnliche Lebensgeschichte. Er gehört zur Gruppe der "heimatverbliebenen Deutschen": Sudetendeutsche, die nach Kriegsende in Tschechien zurückbleiben mussten.

Während rund drei Millionen Sudentendeutsche nach 1945 infolge der Vertreibung ihre Heimat verlassen mussten, durften einige Tausend bleiben. Manche mussten sogar bleiben. Nicht selten machten sich die Zurückgebliebenen deshalb sogar Vorwürfe, weil sie nicht das Los ihrer Landsleute teilen konnten. Rudi Cerny, einer von ihnen, erzählte jetzt im Literarischen Cafe der Ackermann-Gemeinde die Geschichte seiner Familie, die symbolhaft für die Brüche in der deutsch-tschechischen Geschichte nach 1945 steht.

Eingeladen dazu hatten neben der Ackermann-Gemeinde als Mitveranstalter die Volkshochschule und KEB Neustadt-Weiden. Das Schicksal der heimatverbliebenen Deutschen ist im Westen kaum im öffentlichen Geschichtsbewusstsein präsent, obwohl sich 2001 in der Tschechischen Republik noch rund 35 000 Bewohner zur deutschen Minderheit bekannten.

Rudi Cerny, der als Deutsch- und Tschechischlehrer an der Volkshochschule Weiden-Neustadt arbeitet, stammte als Kind einer Deutschen aus dem nordböhmischen Hilgersdorf. Seine Familie wurde nach Kriegsende nicht vertrieben, sondern musste bleiben. Die Mutter und Großeltern saßen 1946 bereits zur Abschiebung im Zug, als sie vom Ortskommandanten wieder in ihren Bauernhof zurück beordert wurden. Der Unterschied war nur, dass der Hof ihnen ab sofort nicht mehr gehörte, der neue "Eigentümer" sie aber zur Bewirtschaftung brauchte und in einem Zimmer des Bauernhauses wohnen ließ.

"Wir sind keine Verräter, sondern wollten eigentlich aus der Heimat weg", betonte Rudi Cerny mehrmals. Denn anders als viele heimatvertriebene Sudetendeutsche hat die Familie erleben müssen, dass die ursprüngliche Heimat aufgehört hatte zu existieren und sie urplötzlich in einem fremden Land mit fremder Sprache lebten. Mutter und Großmutter haben auch nie Tschechisch gelernt. Als Sohn einer deutschen Mutter und eines tschechischen Vaters hatte Cerny mit Nachteilen in der Schule und im Beruf zu kämpfen. Nicht nur der Traum vom Medizinstudium platzte, sondern auch das Lehrerstudium führte nicht an die Schule sondern in den Uranbergbau.

Auch ein Ausreiseantrag hatte bis 1990 keinen Erfolg. Eine Entschädigung hat die Familie aufgrund der nach wie vor geltenden Benesch-Dekrete übrigens nie erhalten, auch keinen Lastenausgleich wie die vertriebenen Sudentendeutschen. Dennoch hadert Rudi Cerny nicht mit der Vergangenheit, sondern lässt in seiner Erzählung eine optimistische Lebenseinstellung und immer wieder den typischen böhmischen Humor durchblicken. Beste Voraussetzungen also, die bei uns noch immer vorkommenden deutsch-tschechischen Missverständnisse und historischen Vorurteile auszugleichen.
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