Telefonseelsorge: Gute Zuhörer gesucht

Wer die 0800/1110111 wählt, landet bei Friedrich Dechant, Gertrud Bäumler-Lenz oder einem anderen Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge. Sie brauchen Verstärkung. Gefragt sind gute Zuhörer. Zeitaufwand: drei Schichten zu je vier Stunden im Monat. Bild: ca

65 Ehrenamtliche arbeiten für die Telefonseelsorge Nordoberpfalz. Klingt phänomenal. "Es ist besorgniserregend", widersprechen die Leiter Friedrich Dechant und Gertrud Bäumler-Lenz. "Wir brauchen mindestens 70." Nach Pfingsten startet ein Ausbildungskurs für Neue.

Telefonseelsorge - ist das überhaupt noch zeitgemäß? In Zeiten von Internetforen?

Dechant: Wir können uns nicht beklagen, dass keiner anruft! Wir sind bundesweit ausgelastet. Mal sehen, ob das in zehn Jahren noch so ist. Realität ist: Jugendliche haben ein Smartphone und stellen per Zufall fest, dass man damit auch telefonieren kann. Wir gehen mit der Entwicklung mit. Der Verband denkt gerade über eine App nach.

Lenz: In Weiden bieten wir Mailseelsorge an. Wir sind per Telefon erreichbar, aber auch per E-Mail.

Was muss ich mitbringen, wenn ich bei Ihnen mitmachen will??

Dechant: Interesse für Menschen. Man sollte gut zuhören können, ein bisschen Lebenserfahrung mitbringen. An Zeitaufwand sollte man mit monatlich etwa 20 Stunden rechnen. Die Berater wechseln sich in fünf Schichten am Tag ab. Damit ist jeder im Monat dreimal vier Stunden dran.

Was brennt den Anrufern auf der Seele? Hat sich da etwas verändert?

Dechant: Nach wie vor gibt es drei Hauptkomplexe: Beziehungsproblematiken, Einsamkeit, Erkrankungen. Häufiger geworden ist Mobbing, das hatten wir früher nicht.

Mobbing: an Schule oder Arbeitsplatz?

Dechant: Gerade im Schulbereich nimmt das zu. Die Schüler erleben dabei vonseiten der Schule zu wenig Unterstützung. Das soll nicht heißen, dass dem so ist, aber es wird so empfunden. Das wäre der falsche Weg. Mobbing muss man öffentlich machen, um es zu stoppen.

Juckt es Sie nicht mal in den Fingern, an einer Schule oder bei den Eltern anzurufen?

Dechant: Das machen wir generell nicht, solange niemand akut suizidal ist. Die Anonymität wird gewahrt. Ziel ist Hilfe zur Selbsthilfe.

Wie halten Sie soviel Kummer aus?

Dechant: Das lernt man in der Ausbildung. Man sollte nicht jedes Problem mit nach Hause nehmen und drei Nächte nicht schlafen. Manche Lebensgeschichten gehen einem schon nahe, wenn etwa jemand von Kind an keine Chance hatte. Relativ oft rufen auch Menschen an, die sich dringend einen Partner wünschen.

Ganz konkret: Was raten Sie da?

Dechant: Zunächst verstehe ich den Wunsch. Manchmal hilft es ja schon, wenn jemand eine andere Strategie hat. Wir geben keine Flirttipps oder so. Wir finden nur einfach einen anderen Ansatz: Es würde manchmal schon helfen, sich selbst zu lieben. An so etwas kann man durchaus am Telefon arbeiten. Ich frage dann: Was können Sie denn gut? Was sind Ihre Stärken? Wenn ich mit der Idee durch die Welt gehe, dass mich das Schicksal benachteiligt, dann benachteiligt mich das Schicksal auch.

Woher nehmen Sie Ihre positive Energie?

Lenz: Das kann man schon ein Stück weit lernen: positive Selbsterfahrung.

Dechant: Das lässt sich trainieren. Wer Probleme hat, fokussiert sich oft darauf und vergisst die Welt mit all ihren anderen Facetten. Im Grunde geht es darum, die Sicht zu erweitern. Die Betroffenen kleben sich jede negative Botschaft ins Briefmarkenalbum - und die positiven fallen durch das Sieb. Es geht darum, ein Blatt Papier in dieses Sieb zu legen.

Wie alt sind die Anrufer eigentlich?

Dechant: Mittelalt. 35 bis 60 Jahre. Aber auch Kinder und Jugendliche und viele Ältere rufen an, bei denen Einsamkeit im Vordergrund steht.

Lenz: Vielen fehlt der verstorbene Partner. Oder Kollegen und Freunde, die weniger werden. Ich kann nur jedem raten, sich frühzeitig zu überlegen, wie man das Alter gestaltet.

Dechant: Bei uns einen Kurs machen!

Wie lange dauert denn dieser Kurs?

Dechant: Eineinviertel Jahre. Das schreckt viele ab. Aber es ist gar nicht so aufwändig: alle 14 Tage ein Abend.

Lenz: Die Teilnehmer profitieren in ihrem eigenen Berufs- und Privatleben. Sie hören besser zu. Eine Ehrenamtliche wurde einmal von einer Kollegin gefragt, ob sie krank sei, weil sie plötzlich so aufmerksam war.

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Anmeldung und Information: 0961/418217

oder tsnopf@t-online.de

Wenn ich mit der Idee durch die Welt gehe, dass mich das Schicksal benachteiligt, dann benachteiligt mich das Schicksal auch.Friedrich Dechant
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