Testfahrt mit dem E-Bike
Schwere Dienstfahrt leicht gemacht

Ist das nicht Manuel Andrack, der vor Harald Schmidt flüchtet? Ein E-Bike eignet sich, wie die Testfahrt zeigt, für viele Zwecke: Ob Genussradeln, Auspowern oder Dienstrad - der innere Schweinehund hat da kaum noch eine Chance. Bild: dpa

Ein Rad mit Elektrohilfsmotor klingt jetzt nicht nach ganz großem Sport. Für einen, der mal aufbrach, mit dem Oma-Rad über die Pyrenäen zu strampeln, ein Gang nach Canossa. Zum Glück ist Peter Stadler ein hervorragender Kaufmann alter Schule: "Alles wird gut."

Schwandorf/Weiden. Das Test-E-Bike: ein Kalkhoff pro Connect Impulse S 10 (Gang). Das Ziel: Wenn schon die ganz großen Touren wie zu Studentenzeiten nicht mehr opportun sind, dann eben die Tour de Force im Alltag - lassen sich rund 52 Kilometer Arbeitsweg bewältigen, ohne aus dem letzten Loch zu pfeifen? Das Motto: Wenn ich kniekranker 50er das schaffe, kann das (fast) jeder.

Erster Anlauf: Der Lieferservice von Stadler mahnt, den Akku erst einmal ganz leer zu fahren, vor dem ersten Ladegang. Gut, ein flüchtiger Blick in die Bedienungsanleitung - wer liest sich schon gerne durch zig öde Techno-Seiten? - "der reichweitenstarke 17 Ah Akku", steht da, garantiert eine Reichweite von bis zu 150 Kilometern. Je nach Einstellung: der sparsamen Eco-, der mittleren Sport- oder der kraftvollen Power-Stufe. Aha, denke ich mir, jetzt ist er halbvoll, mit der mittleren Einstellung sollte er doch die laut Routenplaner angepeilten 52,3 Kilometer herhalten.

Orientierungsphase: Der Juni ist noch jung und die Sonne hoch motiviert. Um 7 Uhr starte ich im Schwandorfer Villenviertel und stelle fest: Mein handgeschriebener Orientierungszettel ist etwas unübersichtlich: "Links abbiegen auf Wackersdorfer Str., 150 m, weiter auf Friedrich-Ebert-Straße/B15, weiter auf B15, 50 m, Links halten und weiter auf Marktpl./B15, weiter auf B15, 400 m, rechts abbiegen auf Krondorfer Str., 6,4 km ...". Ach was, einfach Sonnenstand und frei Schnauze!

Nebengeräusche: Inzwischen habe ich auch den Schalter gefunden, wo man zwischen Eco, Sport und Power hin- und herschalten kann. Ich verständige mich mit mir auf Sport - klingt ambitioniert, und schont den Akku immerhin mittel. Nur dieses Geräusch stört ein wenig: klackklackklack, klack, klackklackklack, klack. Sollten da meine alten Ortlieb-Gepäcktaschen, in denen ich Werkzeug, Kameraausrüstung, Laptop, Wechselklamotten und Duschzeug verstaut habe, an den Speichen schleifen? Mehrere Zwischenstopps bleiben erfolglos, das Geräusch lässt sich erst mal nicht abstellen.

Naabtalradweg: Mittlerweile habe ich dank der Naabtalradweg-Schilder, wie ich das NR auf den kleinen Quadraten deute, die laute und stinkende Bundesstraße auf Tuchfühlung mit den Lastwagen verlassen und rausche beschwingt durch satt riechende Wiesen und Felder. Der Akkustand bleibt beruhigend lange auf "halbvoll". Erste Ernüchterung: Fünf Minuten später sackt die Anzeige auf zwei Striche zusammen. Gerade jetzt, da das Gelände etwas an Höhen gewinnt und die Idylle am Rückzug ist.

Hindernisse: Bemerkenswert ist die Schleife, die der NR-Weg um das Autobahnkreuz zieht - man munkelt, sie soll auf einer Liste als achtes Weltwunder aufgenommen werden. Mindestens 17,5-mal wechsle ich die Richtung, mal gen Regensburg, mal gen Prag, mal gen Nürnberg, um endlich in 50 Meter Entfernung eine bimmelnde Schranke in Zeitlupe niederruckeln zu sehen. Dann eben Trinkpause. Fünf Minuten. Da entdecke ich, dass auf dem Wunderkasten neben mir die Aufschrift: "Für das Passieren bitte Hebel drücken." Ich drücke. War's das schon? Fühlt sich eingerostet an. Ich rüttle daran, und hoffe, das Ding nicht abzureißen. Dann die krachende Stimme aus der Box: "Chhchhhchzzz Züchvörköhr ccchzz büttewartn." Weitere fünf Minuten. Fieberhafte Überlegung, das Rad über die Schranke zu wuchten. Nochmaliges Rütteln. Die Erlösung. "Chhchhhchzzz bütte bei Passüren melden!" Geschafft und die Box auf der anderen Seite freut sich rechtschaffen: "Chhchhhchzzz dankö!"

Sonnenstich: Es kommt, wie es kommen musste. Während sich die Sonneneinstrahlung - da war doch was mit Sonnencreme und Ozonloch? - auf Hirn, Armen und Beinen bemerkbar macht, verabschiedet sich der Akku. Anders als bei der Begrüßung ganz ohne großes "Helloooo!" Was bleibt? Ein sehr schweres Rad mit sehr schwerem Gepäck und einem sehr schweren Fahrer mit Sonnenstich - und laut Verkehrsschild 21 Kilometern nach Weiden.

Reststrecke ohne Akku: Um es kurz zu machen: Der Naabtalradweg eignet sich prima für Genussradler ohne Ziel und Arbeitsauftrag - aber summiert sich auf 64 Kilometer. Die Dusche im Fit 24 hätte ich mir sparen können. Nach der letzten Teilstrecke mit hübscher Steigung zwischen Mallersricht und Neunkirchen erreiche ich das Ersatzquartier des Medienhauses in der Dr.-Müller-Straße pfeifend gegen 11 Uhr.

Das Happy-End: Den Akku am Schreibtisch vollgeladen die Rückfahrt am folgenden Tag. Was soll ich sagen? Peter Stadler hatte Recht: "Alles wird gut!" Auf der vom Triathlon-Kollegen Wolfgang Würth brillant beschriebenen Strecke rolle ich dem Abendhimmel entgegen. Die Gedanken fliegen, genau die richtige Mischung aus Entspannung und auspowern - apropos: Weil ich's wissen will, schalte ich auf die höchste Stufe, trete immer noch kräftig in die Pedale, komme aber auch richtig voran. Im Schnitt um die 27 km/h. Nach zwei Stunden die triumphale, wenn auch unbemerkte Einfahrt in die Zielgerade - Akkustand: "halbvoll".

Nachtrag: Am nächsten Tag beheben die Stadler-Mechaniker das Klackklack in Null-Komma-Nichts. Und jeden Tag lerne ich mehr über mein Kalkhoff, wie das: Steile Berge im Bayerischen Wald kosten viel Saft, die Akku-Leistung variiert gewaltig - und ein Wolkenbruch ist auch mit E-Bike verdammt nass.
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