THW-Vorsitzender Andreas Duschner im Interview
Kühler Kopf in jeder Krise

Ob Mensch oder Tier - das THW befreit alle aus Notsituationen.
 
2013 Passau. 2016 Simbach. Die "Fachgruppe Räumen" des THW Weiden ist gefragter denn je. Bilder: hfz (4)

Im "normalen" Leben trägt Andreas Duschner Schlips und Kragen und ist als Diplom-Bankbetriebswirt bei der Raiffeisenbank tätig. Wenn, wie zuletzt in Simbach, "Land unter" ist, steht der 29-Jährige ruckzuck im blauen Overall und in Sicherheitsschuhen im Katastrophengebiet. Der Altenstädter ist Chef des THW Weiden.

Gerade schüttet es wieder aus allen Kübeln. Können Sie sich erinnern, dass es schon einmal Unwetter in dieser Dichte gab?

Andreas Duschner: Die Problematik von Einsätzen nach Starkregen hat sich enorm ausgeweitet. 2002 galt das Elbehochwasser als Jahrhunderthochwasser. Man dachte, die nächsten Jahre kehrt Ruhe ein. 2013 wurden wir in Passau eines Besseren belehrt. In der Region gab es extreme Situationen, wie in Bechtsrieth, wo wir die ganze Nacht mit Pumpen und Räumfahrzeugen vor Ort waren. Heuer ist das alles getoppt worden.

Sie meinen Simbach?

In Simbach hat man festgestellt, dass die Natur in der Lage ist, Dinge anzurichten, an die man vorher gar nicht denkt: dass die Infrastruktur zerstört ist, dass Schulen nicht mehr betrieben werden können, 50 Häuser einsturzgefährdet sind. In Simbach haben wir unseren kompletten Technik-Baukasten auspacken müssen.

Was kann das THW?

In Simbach war erstmals die neue Trinkwasseraufbereitungsanlage im scharfen Einsatz. Vor Simbach wurde gefragt: Braucht es das überhaupt in Deutschland, dass für je 1,5 Millionen Euro solche Anlagen beschafft werden? Seit 2012 wurden acht solcher Anlagen beschafft. In Simbach hat das THW mit drei Anlagen gearbeitet, um die Notversorgung sicher zu stellen.

Das Weidener THW hat eine Fachgruppe Räumen. Ziemlich begehrt momentan, oder?

Ja. Unsere Fachgruppe Räumen ist gerade nach Ereignissen wie Passau oder Simbach sehr gefragt, wenn man plötzlich von normalen Straßen und Wegen nichts mehr erkennen kann und erst einmal eine Grundordnung herstellen muss.

Die vielen Freiwilligen - Fluch oder Segen?

Gerade im Katastrophengebiet stellt sich heraus, dass Ausbildung wichtig ist. Es gibt Gefahren: Gasleitung, kontaminierter Schlamm, einsturzgefährdete Gebäude... Freiwillige, die mit Autoanhängern und Gummistiefeln an die Einsatzstelle drängen, sind am Anfang eher hinderlich. Wenn die professionelle Hilfe organisiert ist, kann man auch die privaten Helfer hinzuziehen.

Interessierte könnten ja auch zu Ihnen kommen.

Richtig. Wir könnten diese Leute gut brauchen. Wir haben in Weiden 50 Aktive plus 18 Jugendliche. Wir haben jahrelang von Wehrdienstersatzleistenden gelebt. Jetzt bestehen wir nur noch aus Freiwilligen. Ein Zulauf von fünf Leuten pro Jahr wäre optimal, weil wir durch Studium und dergleichen auch Fluktuation haben. Die Türen stehen immer weit offen.

Sie haben in Ihren fünf Jahren prompt einige Großeinsätze erlebt.

Wir sind aber auch in der täglichen Gefahrenabwehr involviert. Wir haben kürzlich am Kainzmühlstausee die Ausleuchtarbeiten übernommen oder beim Busunfall zwischen Pleystein und Vohenstrauß den Busfahrer befreit. Wir verstehen uns grundsätzlich als Dienstleister der Feuerwehr, der Polizei und des Rettungsdienstes.

Ihre Ausrüstung ist ja auch beachtlich.

Und zum Teil selbst beschafft. Grundsätzlich werden wir in unseren Pflichtaufgaben vom Bund finanziert. Zusatzausstattung für regionale Bedürfnisse müssen wir über unseren Förderverein realisieren. Gestern hatten wir erst eine Spendenübergabe der Sparkasse, die in eine neue Hochleistungspumpe geflossen ist. Speziell für Starkregenereignisse.

Ist eigentlich wissenschaftlich gesichert, dass sich der Klimawandel jetzt dauerhaft derart auswirkt?

Wir haben uns mit diesem Thema natürlich beschäftigt. Der Deutsche Wetterdienst hat eine Studie dazu aufgelegt. Das Problem ist, dass die Zunahme von Starkregen nicht wissenschaftlich validiert werden kann. Radardaten gibt es erst seit einigen Jahren. Aber die Meteorologen gehen davon aus, dass solche Ereignisse zunehmen: dass sich Tiefs fangen, die feuchte Luft aufsteigt und in starkem Regen niedergeht. Das THW arbeitet momentan an einem Rahmenkonzept für die Aufgaben der Zukunft. Ein Thema sind Unwetter. Ein weiteres sind kritische Infrastrukturen. Momentan bewertet die Bundeswehr die Sicherheitslage neu, wir schließen uns dieser Situation an.

Sie befürchten Versorgungsengpässe für die Öffentlichkeit?

Wir befassen uns mit der Thematik, welche Auswirkungen ein Cyberangriff hätte. Momentan wäre nicht das Potenzial vorhanden, eine Stadt von heute auf morgen notzuversorgen. Die Dimensionen haben sich geändert, die Wirtschaft ist stromintensiver. Auch in diesem Bereich wollen wir uns als THW positionieren. Wir hoffen, dass die Bundesregierung diesen Weg mitträgt, bessere Kapazitäten vorhalten zu können.

Wie würde das aussehen: der Ernstfall ohne Strom?

Wir müssten zunächst unsere eigene Betriebsfähigkeit herstellen. Dann würde nach Priorität vorgegangen: Krankenhaus, Trinkwasser, Treibstoff. Ein Stromausfall löst eine Kettenreaktion aus: Die Pumpen für Trinkwasser und an den Tankstellen gehen nicht mehr. Kühe können nicht gemolken werden. Kühlanlagen in Supermärkten fallen aus. 2005 hatte man im Münsterland erstmals flächendeckend einen mehrtägigen Stromausfall. Aus ganz Deutschland wurde das THW zur Stromversorgung angefordert. Da hat man gemerkt, wie eng das wird.

Kann das THW auf Dauer mit nur 1000 Hauptamtlichen bei 80 000 Ehrenamtlichen arbeiten?

Diese 1000 bedeuten schon ein Stellenplus. Im Zuge der Flüchtlingskrise hat der Bundestag letztes Jahr 200 zusätzliche Stellen genehmigt. Das THW war bei der Errichtung von Notunterkünften intensiv eingebunden, auch in Weiden.

Dabei war das THW schon einmal tot gesagt.

Das THW war in der Zeit des Kalten Krieges gegründet worden, um bei Luftangriffen Verschüttete aus ihren Häusern zu retten. Zum Zivilschutz im Verteidigungsfall. Nach der Wende hat man uns in Frage gestellt, ja. Gottseidank gelang 1994 ein Neukonzept und der Umbau des THW aus dem vorhandenen Wissen und Potenzial. Jetzt, 2016, sind wir froh, dass es uns noch gibt und, dass es uns in dieser Form gibt.
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