Totschlagsprozess gegen den 34-jährigen Oliver H. [Aktualisierung]
Lebenslange Haftstrafe

(Foto: gsb)
 

Schuldig des Mordes, der Misshandlung von Schutzbefohlenen und der Körperverletzung. Das Schwurgericht verurteilt am Freitag um 13 Uhr den 34-jährigen Oliver H. zur Höchststrafe: lebenslänglich. "Wenn mehr ginge, hätten wir mehr verhängt", macht Vorsitzender Richter Walter Leupold aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Im Gerichtssaal kommt Beifall auf, was Leupold sofort unterbindet. Nebenklagevertreter Werner Buckenleib spricht von "Gerechtigkeit": "Ich bin sehr erleichtert." Neun Tage saß der Weidener Anwalt neben der Mutter des ermordeten Maximilian im 13 Meter hohen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Weiden. Angesicht zu Angesicht mit dem Angeklagten, der stets forsch auftrat und nie den Blick senkte.

Revision angekündigt


Selbst nach dem Urteil lächelt der Sachse noch selbstbewusst. Mit Handschlag verabschiedet er sich von seinem Verteidiger Ulrich Dost-Roxin, der einen Freispruch erreichen wollte. Im Gehen kündigt der Berliner Revision an: "Das stand von Anfang fest. So wie das Urteil hier in Weiden von Anfang an feststand." Kameras richten sich auf ihn, den Schwiegersohn des renommierten Strafrechtsprofessors Claus Roxin.

Still ist es in der letzten Reihe. Hier sitzen, wie jeden Prozesstag, die Großeltern aus dem Raum Erding. Urige Oberbayern, in ihrem Weltbild erschüttert. Der Opa wischt sich mit dem Pulloverärmel Tränen vom Gesicht. "Wos unser Bua mitg'macht hat", ringt die Oma um Worte. Vergeblich hatte sie in den Wochen vor Maximilians Tod in Vohenstrauß angerufen. Der Angeklagte legte auf. Man beließ es dabei, stand auf Kriegsfuß mit der Tochter - eben wegen des Umzugs in die Oberpfalz.

Die 36-Jährige hatte den alleinerziehenden Oliver H. im Kinderzentrum München kennengelernt. Beide Söhne litten an ADHS. Als die Frau an Multipler Sklerose erkrankte, bot ihr der Angeklagte, damals in Weiden wohnhaft, seine Unterstützung an. Im Frühjahr 2014 bezogen sie mit ihren Kindern benachbarte Wohnungen in einem Appartementhaus für Alleinerziehende in Vohenstrauß. Die alten Verbindungen waren gekappt. Neue gab es noch nicht. Nur unter diesen denkbar ungünstigen Voraussetzungen konnte im Sommer 2014 das Unglück seinen Lauf nehmen. "Sein zweiter Vorname ist Manipulation", sagt Leupold. Demgegenüber stand die "äußerst unsichere, vielleicht etwas lebensuntüchtige Mutter, der man alles einreden konnte".

Nach Überzeugung des Gerichts hatte der Angeklagte langfristig geplant, an der Multiple-Sklerose-Kranken zu verdienen. Sein ganzes Leben hatte er von Einkünften aus teilweise absurden Pflegetätigkeiten gelebt. Als die 36-Jährige im Juni 2014 zur Kur musste, übernahm er bereitwillig die Pflege des Neunjährigen. Er kassierte dafür 8000 Euro Pflegegeld für zwei Monate - und ließ das Kind in dieser Zeit hungern. Am Kühlschrank hing ein Vorhängeschloss.

Für die Kammer liegt in diesem "Geschäftsmodell" der Schlüssel zum Mord. Als die Mutter von der Reha heimkehrte, drohten die Misshandlungen aufzufliegen. Leupold: "Dem Angeklagten drohte, sein goldenes Kalb zu entgleiten." Das Gericht hat keinen Zweifel: Der Angeklagte versetzte Maximilian am Abend des 4. August die tödlichen Faustschläge auf den Kopf. "Gratuliere", höhnt Leupold. "Großartige Sache, ein 24-Kilo-Kind zu schlagen." Die Schläge erfolgten mit solcher Wucht, dass der Kopf so beschleunigte, dass Adern im Gehirn rissen. Das Gericht sieht eine Tötungsabsicht und niedere Beweggründe.

Missbrauch denkbar


Dazu kommt Misshandlung von Schutzbefohlenen: Maximilian musste beim Essen zusehen, hunderte Male "blödsinnige Sätze" schreiben, stundenlang in der Ecke stehen, sogar sein Erbrochenes aufessen. Leupold: "Schwer vorstellbar, was man einem Kind noch antun könnte." Zwei zeitlich unabhängige Verletzungen am Penis konnten nicht aufgeklärt werden. Zu einer Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs reichte es nicht. "Aber naheliegend ist er."
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