Totschlagsprozess Vohenstrauß: Mutter sagt aus [Aktualisierung]
Bub verbrachte 36 Stunden im Bad

Prozess Totschlag (Foto: gsb)
 
Prozess Totschlag. (Foto: gsb)

Unvorstellbar. Über 36 Stunden, mit wenigen Unterbrechungen, verbringt Maximilian K. (9) vor seinem Tod im Bad. Zwei Tage und eine Nacht. Mit einem Kugelschreiber füllt er etliche Blätter mit immer dem gleichen Satz: "Die Mama ist der Chef."

Diese Strafarbeit sei ihm vom Angeklagten auferlegt worden, sagt am Mittwoch die Mutter vor Gericht aus. Als Maximilian am Abend des zweiten Tages nicht mehr konnte ("er war müde, fertig, k.o."), habe Oliver H. dem Kind mit heißem Abduschen gedroht und das Wasser angedreht. "Dann hat er mich bei der Tür rausgeschoben und ich habe mein Kind schreien hören." Dazu Schläge. "Viele heftige Schläge. Das hat sicherlich eine halbe Stunde gedauert." Sie sei zu dieser Zeit im Treppenhaus gesessen, neben sich den siebenjährigen Sohn des Angeklagten, der sie getröstet habe.

Über mehrere Stunden versucht die 36-jährige Oberbayerin dem Gericht zu erklären, warum sie das alles geduldet habe. "Ich hatte Angst, dass mir mein Sohn weggenommen wird, weil ich ja eine so übermäßig psychisch kranke Kuh wäre." Der Angeklagte habe ihr mit dem Entzug des Sorgerechts gedroht, weil sie eine unfähige Mutter sei. Der Nachbar verfügte bereits über eine notarielle Sorgerechtsvollmacht, die ihm die Mutter für ihre Kur ausgestellt hatte.

Als sie von dieser achtwöchigen Reha heimkehrte, habe der Angeklagte mit seinen Erziehungsfortschritten geprahlt. "Er habe meinen Sohn jetzt ,auf Spur' gestellt, ohne Ritalin." Die ersten zwei August-Tage sei das Kind daher beim Angeklagten in der Nachbarwohnung geblieben, um diese "Erfolge" nicht zu zerstören. Am 3. August sei ihr der Sohn dann gebracht und in ihr Bad gesteckt worden. Mit der Anweisung: "Der bleibt da drin und du kontrollierst, dass er schreibt." Auf die Klinke habe Oliver H. ein Glas gestellt.

Das Bad. Nach und nach kommt heraus, dass das Kind zwei Tage und eine Nacht in dem fensterlosen Zimmer verbracht hat. "Geschlafen hat er nicht?", fragt Landgerichtspräsident Walter Leupold. Antwort: "Nein." Sie habe ihn "schon mal rausgelassen", einmal für zwei Stunden. Aber "im Wesentlichen" verbrachte das Kind die Zeit im Bad. Mittagessen? "Gab es keines." Die 36-Jährige erwähnt ein Frühstück in diesen Tagen, bei dem ihr Sohn auf Anweisung des Angeklagten stehend zusehen musste.

Sie sah den Neunjährigen das letzte Mal lebend im Bad. Er stand in Unterhosen da, nass, dünn. Dann sei sie auf Drängen des Angeklagten ins Krankenhaus Vohenstrauß gefahren. Im Streit hatte ihr der Nachbar eine Pfanne auf die Stirn geschlagen. Die 36-Jährige wurde mit Verdacht auf Gehirnerschütterung stationär aufgenommen. Am Morgen riss sie sich die Kanülen selbst aus dem Arm, als der Angeklagte ins Telefon schrie: "Der wird nimmer wach." Sie kam, als die Reanimation lief.

Die gelernte Bürokauffrau bestreitet energisch, selbst die tödlichen Schläge ausgeführt zu haben. "Nein, nein, nein. Ich bin nicht gewalttätig." Sie mache sich nur Vorwürfe, nicht rechtzeitig aktiv geworden zu sein. In den Tagen vor der Tat fuhr sie auf dem Weg zum Zigarettenholen an zwei Polizeistationen vorbei. "Ich hätte jederzeit anhalten und bitten können, dass sie mir helfen." Später sagt sie: "Ich hätte den Maxi nehmen und abhauen sollen."

Danach geschwiegen


Bei der Polizei hatte die Mutter von einem Unfall gesprochen. Leupold versteht das nicht: "Wieso brülle ich das nicht heraus: Der ist schuld daran!" Die 36-Jährige erklärt das mit Scham über das eigene Versagen. Der Angeklagte habe sie "massivst beeinflusst". "Ich solle auch an seinen Sohn denken." Druckmittel waren Betrügereien mit Pflegegeld, an denen sie mitgewirkt habe. "Wenn ich brenne, dann brennst du auch."

Eine Psychiaterin sagte aus, dass sie die Mutter kaum für fähig halte, über Monate eine Lügengeschichte zu erzählen: "Wer etwas erfindet, muss eine komplexe kognitive Leistung erbringen. Zu einer solchen Leistung ist sie, milde gesagt, nur eingeschränkt in der Lage." Erfundene Aussagen seien in der Regel kürzer und hätten weniger Variation als ihr Bericht bei der Exploration.

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