Traumafachberaterin Sabine Weber hat es selbst erlebt:
Ausstieg aus teuflischem Kult

30 Jahre lang hat Sabine Weber selbst nach einem Kult gelebt. Doch sie hat ihn überlebt. Heute ist die 48-jährige Traumafachberaterin auch als Ausstiegsberaterin für Überlebende ritueller Gewalt am Trauma-Hilfe-Zentrum München tätig. Bild: hfz

Sie selbst bezeichnet sich als Überlebende organisierter, ritueller Gewalt. Etwa 30 Jahre lang lebte Sabine Weber in einem Kult, erlitt sexuelle und psychische Gewalt. Erst nach jahrelanger Therapie gelang ihr der Ausstieg. Heute hilft die 48-Jährige anderen Opfern - auch aus der Oberpfalz.

Ritualisierte Gewalt in der Oberpfalz? Im ersten Moment will das Otto Normalbürger nicht glauben, weiß die Traumafachberaterin und Ausstiegsberaterin im Trauma-Hilfe-Zentrum München (THZM) aus Erfahrung. Experten aus Beratungsstellen der Region wissen es allerdings besser. Ebenso wie die 48-Jährige, die eigens in die Nordoberpfalz gereist ist, um hier einen Workshop für Fachkräfte abzuhalten. Denn auch für die ist das Thema "organisierte, rituelle Gewalt" noch ziemlich neu. Was darunter zu verstehen ist, erklärt Sabine Weber im NT-Interview. Aber auch, wie man sich - im besten Falle - daraus befreien kann.

Sie sprechen von einem Leben im Kult. Was bedeutet das?

Sabine Weber: Das bedeutet Aufwachsen in einer Gemeinschaft, die ganz stark durch ihre Ideologie geprägt ist. Die betroffenen Kinder leben in zwei Welten: Sie führen ein ganz normales Alltagsleben, doch nachts erleben sie die schlimmsten Gräueltaten. Das führt zu starken Dissoziationen, das heißt, das Kind entwickelt verschiedene Persönlichksanteile. Das Kind, das tagsüber zur Schule geht, weiß nichts von den Gräueln in der Nacht. Und das wiederum ist der beste Schutz für die Täter. Denn die Kinder können sie nicht verraten. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie sich nicht erinnern.

Wer sind diese Täter?

Das können Sekten sein, Bruderschaften oder Burschenschaften. Ich spreche hier immer von Deckmäntelchen. Darunter verbirgt sich eine Ideologie, zum Beispiel die Ideologie des Satanismus. Deren Anhänger glauben tatsächlich, dass sie die Elite der Gesellschaft sind. Gute Menschen sind in ihren Augen schwache Menschen. Sie dagegen fühlen sich berufen, die Weltherrschaft zu übernehmen. Diese Strukturen sind in allen Kulten gleich. Wenn sich irgendwann mal herausstellt, dass der nette Nachbar von nebenan dazu gehört, ist das natürlich schwer zu glauben.

Wie kann man aus dieser Form der rituellen Gewalt entkommen?

Als Kind gelingt das oftmals nicht. Kinder, die in so einen Kult hineingeboren werden, haben höchstens dann eine Chance, wenn ein zweiter Elternteil nicht in diesem Kult lebt und das Kind herausholt. Aber das ist selten der Fall. Ansonsten sind das geschlossene Systeme, die nach außen hin nicht auffallen.

Wenn die Kinder im Alltag, also auch in der Schule, quasi "funktionieren", sind diese Opfer doch schwer zu identifizieren.

Es gibt einige Indizien, bei denen Erzieher, Lehrer oder Sozialpädagogen aufmerksam werden sollten. Nämlich, wenn Kinder sehr häufig montags oder freitags fehlen, wenn sie im Religionsunterricht in Ohnmacht fallen oder im Sportunterricht Schwierigkeiten haben. Oder wenn ein Kind in einem Diktat eine Eins schreibt und im nächsten eine Sechs, aus unerklärlichen Gründen, kann das ein Hinweis auf gespaltene Persönlichkeitsanteile sein.

Warum fehlen die Kinder ausgerechnet montags und freitags?

Diese Kulte finden in der Regel am Wochenende statt. Sie sind übrigens häufig mit Zuhälterringen oder Kinderhändlern verknüpft. Die Anhänger starten oft schon am Freitag ins Wochenende und am Montag fehlen die Betroffenen dann, weil sie noch so kaputt sind, unter Drogen stehen oder Verletzungen haben.

Gibt es auch bei Erwachsenen derartige Hinweise, die Experten auffallen sollten?

Wenn Erwachsene Hilfe suchen, kommen sie in der Regel wegen Zwängen, Ängsten oder Selbstverletzungen in die Beratungsstelle. Aufmerksam werden sollten die Therapeuten, wenn sich die Klienten an Stunden oder ganze Tage nicht mehr erinnern. Wenn sie ein Mal schlicht gekleidet erscheinen und das andere Mal grell geschminkt mit Lederjacke. Oder wenn die Person anfängt zu erzählen: "Ich erinnere manchmal Männer mit Kutten und Fackeln." Und gleich darauf betont: "Aber das kann ja gar nicht sein."

Sie bezeichnen sich selbst als Überlebende von organisierter, ritueller Gewalt. Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?

Das war erst nach vielen Jahren stationärer und ambulanter Therapie möglich. Ich war schwer traumatisiert. Mein Ausstieg hat im Alter von etwa 30 Jahren begonnen und zirka fünf Jahre gedauert. Ich war durch meine Eltern in diesen religiösen Kult hineingeboren worden, war sexuellen, körperlichen und psychischen Misshandlungen ausgesetzt. Wichtigster Auslöser für meinen Ausstieg war wohl der Tod meines Vaters. Nach und nach kamen da bei mir immer mehr Erinnerungen hoch. Ich fing an, nachzufragen. Denn auch ich hatte diese Erlebnisse verdrängt. Man merkt zwar ständig, man ist irgendwie anders als die anderen, aber man stellt das nicht in Frage.

Seit Ende 2012 bieten Sie die Ausstiegsberatung am Trauma-Hilfe-Zentrum München an. Ist das nicht sehr belastend?

Für die Menschen, die zu mir kommen, ist es wichtig zu erfahren, dass man den Ausstieg schaffen kann. Das von einer Betroffenen zu hören, hat einen anderen Stellenwert, als wenn es ein Therapeut sagt. Ich habe bisher rund 200 Klienten am THZM beraten, darunter auch Menschen aus der Oberpfalz, bei denen es um rituelle Gewalt ging, zum Beispiel um Satanismus.

Wie definieren Sie rituelle Gewalt?

Rituelle Gewalt ist die planmäßige und systematische, körperliche und psychische Gewaltausübung im Kontext einer Ideologie. Diese Definition findet sich in dem Buch "Rituelle Gewalt. Das (Un)heimliche unter uns" vom Arbeitskreis Rituelle Gewalt der Bistümer Osnabrück, Münster und Essen. Dieses Thema macht vor keinen Grenzen halt. Deshalb ist es auch so wichtig, es stärker in die Öffentlichkeit zu bringen. Das ist wie mit dem Kindesmissbrauch. Vor 20 Jahren wollte keiner etwas davon wissen, heute ist es jedem bekannt.

Auf der THZM-Homepage schreiben Sie: Ich liebe das Leben, die Sonne, Milchkaffee und Käsekuchen. Wer das liest, kann sich kaum vorstellen, dass Sie einmal schwer traumatisiert waren.

Genau das ist mein Ziel: Betroffenen zu zeigen, dass man es schaffen kann. Dass man selbst aus einem teuflischen Kult entkommen und das Leben wieder genießen kann.

Es gibt Betroffene in der OberpfalzRitualisierte Gewalt in der Oberpfalz - undenkbar? Keinesfalls, wie Berthold Kellner, stellvertretender Vorsitzender der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Nordoberpfalz, betont. "Wir sind über Beratungsstellen darauf aufmerksam geworden, dass es ritualisierte sexuelle Gewalt auch in unserer Region gibt. Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Deshalb haben wir vor kurzem den Workshop mit Sabine Weber in Tirschenreuth organisiert."

Der war übrigens nur für Fachleute zugänglich und selbst bei Experten aus Regensburg gefragt. (ps)
4 Kommentare
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Sue Lanaika aus Mühlhausen | 15.07.2016 | 08:30  
Jutta Porsche aus Weiden in der Oberpfalz | 15.07.2016 | 10:16  
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Sue Lanaika aus Mühlhausen | 15.07.2016 | 13:08  
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Gunhild Mewes aus Freystadt | 18.07.2016 | 18:40  
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