Trotz allem: Es wird eine gute Party
Brasilianerin aus Rio verfolgt Olympia aus Weiden-West

Über Korruption und Krise in Brasilien macht sich Ana Cecilia Bayreuther keine Illusionen. Sie ist dennoch überzeugt, dass Rio de Janeiro tolle Olympische Spiele aus dem Zuckerhut zaubert. Bild: Wilck
 

Ana Cecilia Bayreuther hat vor sechs Jahren Rio gegen Weiden eingetauscht. Wegen der Olympischen Spiele verzichtet sie dieses Jahr aber erstmals auf Heimatbesuch.

Sie ist mitten in Rio de Janeiros Hochglanzprospekt aufgewachsen, an der Copacabana. Ihre Eltern leben dort noch, Ana Cecilia Bayreuther ist dagegen seit 2010 Oberpfälzerin - der Liebe zuliebe. Mutter und Vater waren bis vor einer Woche in Weiden und haben Neuigkeiten aus einer Stadt mitgebracht, die gerade mal wieder ihr Gesicht liften lässt. Für Olympia will sie unbedingt schön sein. Doch die Gastgeberin der besten Schwimmer und Läufer der Welt ist keine makellose Erscheinung, erklärt Ana.

Egal welche Zeitung man liest oder welchen Sender man in Deutschland einschaltet, Rio scheint sich gar nicht auf die Spiele zu freuen. Was sagen denn Ihre Eltern und Freunde?

Ana Cecilia Bayreuther: Natürlich hat Brasilien zurzeit viele Probleme, die Wirtschaft, das Zika-Virus, die Armut. Aber wir freuen uns immer, wenn Leute zu uns kommen. Wir wissen einfach, wie man gut Party macht.

Also ist die Vorfreude doch groß?

Viele Leute warten ab, ob sich die Investitionen in die Spiele irgendwie auszahlen. Ich denke schon, dass es der Stadt etwas bringt, das fördert den Konsum. Rio hat eigentlich kein Geld, aber Besucher werden das nicht merken. Für so ein Event ist einfach immer gute Stimmung, die Leute wollen sich Gästen nicht mit ihren Problemen zeigen.

Wie beeinflussen die Spiele den Alltag der Bürger?

Die Winterferien in der Schule sind normalerweise im Juli. In Rio sind sie dieses Jahr ausnahmsweise im August. In den Firmen ist es genau so. Die Regierung hat empfohlen, dass jeder, der kann, im August Urlaub machen soll, damit der Verkehr nicht zusammenbricht. Es gibt ja auch so schon immer wieder Stau, aber mit Olympia befürchtet man das Schlimmste. Es sind zum Beispiel Fahrspuren eigens für die Spiele freizuhalten. Die fallen für den normalen Verkehr aus.

Was merkt der Urlauber im Stadtbild?

Die Regierung gibt sich Mühe, mit den Spielen zu glänzen, vor allem bei der Sicherheit. Es fällt auf, dass sehr viel Polizei unterwegs ist. Aber Rio kann mit großen Events umgehen. Ich bin ja in Copacabana aufgewachsen, dort kommen jedes Jahr für das Silvesterfeuerwerk zwei Millionen Menschen an den Strand. Wir versuchen aus solchen Sachen immer das beste Fest zu machen.

Haben Sie sich nicht überlegt, zu den Spielen zu fliegen?

Es war eigentlich der Grund, heuer nicht nach Rio zu kommen, stattdessen waren meine Eltern da. Wir haben einen vierjährigen Sohn. Mit ihm ist das einfach zu viel Trubel und zu unbequem, weil vieles auch abgeriegelt ist und Taxis schwerer zu bekommen sind.

Hätten Sie die Wettkämpfe im Stadion gereizt?

Ohne Kind wäre das schon schön gewesen. Ich mag Fußball, Volleyball und Turnen gern, mein Mann mag Leichtathletik. Mein Bruder geht hin, meine Eltern bleiben aber lieber vor dem Fernseher.

Die finden's zu stressig?

Wir wissen nicht, was ab Freitag passiert. Bisher sagt mein Vater nur, dass er im normalen Stau steckt.

Wie lange braucht Ihr Vater für den Weg in die Arbeit?

Eine halbe Stunde oder länger mit dem Taxi.

Mit dem Taxi?

Das ist praktisch und billiger als mit dem eigenen Auto, denn Parkplätze sind sehr teuer. Die Regierung möchte auch nicht, dass die Leute mit dem Auto kommen. Als wir letztes Jahr dort waren, haben wir wegen der vielen Baumaßnahmen ständig Umwege fahren müssen. Es ist zum Beispiel eine Elektrobahn vom Hafen zu einem Flughafen gebaut worden.

Funktioniert das?

Ich glaube es wird gut, es gibt so viel Neues. Hoffen wir einfach, dass es sich auszahlt.

Das klingt jetzt doch nicht allzu optimistisch.

2009, als Rio den Zuschlag für Olympia bekommen hat, waren alle ganz euphorisch, aber jetzt nicht mehr. Als ich 2010 nach Weiden gekommen bin, habe ich noch gedacht, dass ich die besten Jahre meiner Stadt wohl verpasse, aber damals ging es Brasilien wirklich noch besser.

Sind die Lebenshaltungskosten wesentlich teurer geworden?

Generell ist es teurer geworden, aber kein Vergleich zu den 90er Jahren, als die Inflation ganz schlimm war. Da haben alle viel eingekauft, weil es morgen noch mehr kosten könnte. Das ist jetzt nicht der Fall. Aber die Leute haben schon etwas weniger in der Tasche als noch vor einigen Jahren, weil die Inflation seit zwei Jahren wieder ein bisschen anzieht.

Woran merkt man das?

Meine Mutter erzählt mir immer, was die Taxifahrer so sagen. Die beklagen sich, dass sie viele Schulden haben, weil sie sich ihre Autos angeschafft haben, in der Hoffnung, dass es mit der Wirtschaft weiter aufwärts geht. Das ist jetzt nicht der Fall. Ich kenne Lehrerinnen, die arbeiten vormittags in der einen Schule und nachmittags in einer anderen. Dafür müssen sie quer durch die Stadt fahren und im Bus Aufgaben korrigieren. Die Schulden kommen auch daher, weil man in Brasilien alles auf Raten kaufen kann, vom Fernseher bis zu T-Shirts.

Nächstes Jahr fliegen Sie wieder?

Ja, ich muss das Meer sehen.

Wie oft waren Ihre Eltern schon in Weiden? Wie empfinden sie die Stadt?

Sie waren schon dreimal hier und genießen die Ruhe in einer Kleinstadt. Mein Bruder und seine Familie waren auch da. Die wussten zwar, dass Weiden ungefähr 45 000 Einwohner hat, waren aber ganz erstaunt von der Größe und vom Angebot. In Brasilien haben Städte dieser Größe nur ein paar Straßen und bestimmt kein Kino oder Krankenhaus.

Schuld ist ein FotoWenn heute wegen Olympia die weltbekannten Luftbilder von der Guanabara-Bucht und der Christus-Statue über die Fernsehschirme flimmern, entdeckt Ana Cecilia Bayreuther vielleicht ihr Elternhaus. Die "Carioca", wie sich die Einwohner Rio de Janeiros nennen, ist vor sechs Jahren zu ihrem Mann Klaus gezogen. Das Paar wohnt mit seinem Sohn in Weiden-West.

Sie ist studierte Juristin, er unterrichtet Deutsch und Geschichte an der FOS/BOS. Ihre Doktorarbeit an der Uni Regensburg hat Ana unterbrochen. Die Pendelei, das Kind, irgendwann wurde es zu viel. Zurzeit unterrichtet sie Brasilianer, die Literatur vom Englischen ins Portugiesische übersetzen via Internet, jeweils von 0.30 bis 2 Uhr morgens - so will es die Zeitverschiebung. Nebenbei ist die Brasilianerin Portugiesisch-Dozentin an der VHS.

Die Bayreuthers haben sich 2008 über einen früheren Mitschüler des Ehemanns kennengelernt. Der war seit 1986 Anas Brieffreund. Über ein Foto, das diesen Freund mit Klaus zeigt, war die Carioca auf ihren späteren Mann aufmerksam geworden.
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