Ungewöhnlicher Prozess nach Scheinkauf von zwei Kilogramm Crystal steht kurz vor dem Abschluss
Zeugen bleiben "undercover"

"Zum Aufruf kommt der Zollbeamte Nummer 7." Eine ungewöhnliche Zeugenliste gibt es im Prozess gegen drei mutmaßliche Crystal-Dealer vor dem Landgericht Weiden. Bild: ca
 
Die Originalware: zwei Kilo Crystal. Bild: Zollfahndungsamt

Kurz vor dem Abschluss steht ein ungewöhnlicher Gerichtsprozess am Landgericht Weiden. Drei Männern aus Tschechien wird vorgeworfen, in einem Weidener Café zwei Kilogramm Crystal verkauft zu haben. Ihr Pech: Der Kunde war ein Zollbeamter, getarnt als "Zuhälter Klaus aus München".

Zum einen sind zwei Kilo eine außerordentliche Menge. Ungewöhnlich ist das Verfahren auch deshalb, weil von fast 20 Zeugen die Personalien nicht bekannt sind - selbst dem Gericht nicht. Die Observationsbeamten des Zolls und der Polizei genießen Identitätsschutz. Sie kommen durch den Hintereingang in den Sitzungssaal und werden mit Nummern aufgerufen: "Herr Eins-Null-Eins, berichten Sie!"

"Top Secret" bleiben auch die Klarnamen der Hauptbelastungszeugen: Zoll-Scheinkäufer "Klaus" und seine beiden Vertrauenspersonen "Biran" und "Kerim". Die türkischen Kontaktmänner aus der Szene informierten den Zoll im Frühjahr 2015 über eine Bande aus Tschechien, die eine regelmäßige Crystal-Lieferschiene nach Deutschland aufbauen wolle.

"Klaus" traf sich daraufhin mit dem Hauptangeklagten, einem Serben (49), in einem Weidener Lokal. Abseits nahmen die weiteren Angeklagten Platz: ein Tscheche (46) und ein Slowake (55), allesamt wohnhaft in Nordböhmen. Laut "Klaus" bot der Serbe sieben bis zehn Kilo an: "Ich sagte: Das ist eine Riesenmenge, die man erst mal absetzen muss." Im Juni übergab der Serbe am Parkplatz das erste Kilo für 20 000 Euro, eingebaut in ein Klimagerät. Beim Treffen im Juli überraschte der Serbe den Scheinkäufer mit einem zweiten Kilo, das gar nicht bestellt war.

Hohe Haftstrafen im Raum


Verteidiger Rouven Colbatz sieht eine rechtsstaatwidrige Tatprovokation, wie sie beim Bundesgerichtshof zur Aufhebung eines Urteils führte. Diese liegt vor, wenn ein Unverdächtiger zur Straftat verleitet und "erheblich stimulierend" auf ihn eingewirkt wird. Laut Colbatz sei sein serbischer Mandant sogar bedroht worden: von einem Kroaten namens "Legionär" in einem Hotel in Most. Ein Undercover-Zollermittler bestätigte am Montag das Treffen in dem Hotel, spricht aber von einem "freundschaftlichen Gespräch" über die Übergabe.

Die drei Angeklagten selbst geben vor Gericht die Unschuldslämmer. Der Serbe sagt, er sei an Autos interessiert gewesen; "Kerim" habe das Gespräch immer wieder auf Drogen gelenkt. Auch der Tscheche will in Weiden "nur Autos angeguckt" haben - obwohl die Angeklagten laut GPS-Daten über Waidhaus direkt das Weidener Café und zurück ansteuerten.

Der Slowake erklärt, dass er als Unbeteiligter "seriöser Statist" sein sollte. Beim Stichwort "Piko" (Tschechisch für Pervitin) sollte er den Preis von 20 000 bestätigen. "Er ist der Meinung, dass er ganz böse ausgenutzt wurde", verliest Verteidiger Franz Schlama seine Erklärung. Kommentar des Staatsanwalts: "Es ist kein Zufall, dass diese Erklärung das Datum 1. April trägt." Aus Sicht der V-Person war der Slowake der Chef.

Es stehen hohe Haftstrafen im Raum. Das Gericht hat am ersten Prozesstag eine "Hausnummer" genannt. Bei einem Verständigungsgespräch wurden 6,5 bis 10 Jahre angeboten, die ausgeschlagen wurden.

"Kerim" hinter Milchglas


Die Ausgangslage hat sich für das Trio seither verschlechtert. Für beide Türken "Kerim" und "Biran" lag zu Prozessbeginn eine Sperrerklärung des Bundesfinanzministeriums vor. Vorsitzender Richter Markus Fillinger protestierte dagegen mit Erfolg. Und so konnte gestern zumindest "Kerim" vernommen werden. Dazu verlegte die Kammer die Verhandlung am Nachmittag in das Oberlandesgericht Nürnberg. Dort verfügt man über die nötige Videokonferenz-Anlage.

Der V-Mann saß an einem unbekannten Ort hinter einer Milchglasscheibe. Er bestätigte, dass es nie um Auto-, nur um Drogenhandel ging. Der Aufenthaltsort von "Biran" ist unbekannt.

Heute soll Staatsanwalt Christian Härtl als Zeuge aussagen. Er kennt sämtliche 13 Stunden Video- und Audiomaterial der Observationen. Die Verteidiger hatten beklagt, dass die Aufnahmen nicht Teil der Akte sind. "Live" vorführen will das Gericht eine Acht-Minuten-Szene, gefilmt im Weidener Lokal. Sie gilt als Beweis für bandenmäßiges Tun. Zu sehen ist, wie der serbische Verkäufer einen Zettel mit der Preisvorstellung des Käufers an die Komplizen weitergibt.

Urteil am 15. April erwartet


Ein Urteil wird es am Dienstag nicht geben, weil Anwalt Tobias Konze darauf besteht, alle Videobeweise selbst zu sichten - wie seine Kollegen es schon getan haben. Da half der Einwand des Richters nicht, dass es wenig Sinn ergäbe, "eineinhalb Stunden einen Bretterzaun anzuschauen". Fast nur aus Rauschen bestehen die Audioaufnahmen, zu hören ist ein Song aus dem Radio ("Ice Ice Baby").

Damit wird ein fünfter Verhandlungstag nötig. Voraussichtlich am 15. April wird ein Urteil erwartet. Egal, wie es ausfällt: Colbatz kündigt jetzt schon Revision zum BGH an.
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