Urs Fichtner spricht am Kepler-Gymnasium
Uralte Abwehrängste gegenüber Flüchtlingen

Vorurteile über Flüchtlinge gebe es schon immer, erklärt Urs Fichtner am "Kepler". Richtiger werden sie dadurch nicht. Bild: hcz

Manchmal macht er sich den Spaß und verteilt bei Diskussionen Beiträge zur Flüchtlingsdebatte. Dabei verschweigt Urs Fichtner, dass sie uralt sind. Schreiben etwa aus der Zeit um 1685, als französische Protestanten Schutz suchten. Die Ähnlichkeiten mit heutigen Ängsten seien verblüffend.

"Sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg", hieß es da zum Beispiel. Oder: "Müssen wir jetzt bald alle Froschschenkel essen?" Urs Fichtner sprach auf Einladung von Veit Wagner von Amnesty International, unterstützt durch das Bundesprogramm "Demokratie leben", im Kepler-Gymnasium vor und mit 60 Schülern der zehnten und elften Klassen über Fremde, Flüchtlinge, Ängste, Vorurteile und Fehler. Der Autor zahlreicher Bücher - Belletristik und Gedichte bis Kulturgeschichte - stammt aus Ulm. Inzwischen lebt er glücklich in einem kleinen Dorf, kann sich aber nach eigenen Angaben mit einem syrischen Akademiker leichter verständigen als mit einer dortigen Bäuerin.

Geiz und Gier


Der Schriftsteller arbeitet für mehrere Menschenrechtsorganisationen und beobachtet eine zunehmende Aufgeregtheit in der sogenannten Flüchtlingsdiskussion. Dabei sei das Problem nicht neu, wie oben angeführtes Beispiel zeigt. Flüchtlingsbewegungen habe es immer gegeben, sagte Fichtner. Und: Sie seien stets verkraftbar gewesen.

In der heutigen Zeit seien die Bewegungen, entgegen den Beteuerungen von Politikern, vorhersehbar gewesen. Aber Maßnahmen, ihnen gegenzusteuern, hätten Geld gekostet. Deshalb seien die Menschenrechte den Wirtschaftsinteressen untergeordnet worden. Geiz und kurzfristiges Denken sei schuld an der Misere. Man müsse die Gier der Wirtschaft zügeln. Gewinnstreben der deutschen Wirtschaft habe in Entwicklungsländern Tausende Arbeitsplätze vernichtet.

Auch prangerte Fichtner "Kumpanei" mit übelsten Diktatoren aus wirtschaftlichen Interessen an. Das Argument, dass man "alleine nichts ausrichten kann", ließ der 60-Jährige nicht gelten. Als Beispiel brachte er ein Projekt von Amnesty. 1976 sei die Idee entstanden, Diktatoren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht zu stellen. Inzwischen arbeite der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag vorbildlich und effektiv. Viele Möglichkeiten gebe es, so Fichtner, die Welt zu verändern: einen Post auf Facebook, das Tragen eines T-Shirts, "Gesicht zeigen" in der Öffentlichkeit, die Vernetzung mit anderen. Wichtig sei dabei immer, "einen Plan", ein Ziel vor Augen zu haben.
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