Urteil im Fall Steffi D.
"Katastrophale Drucksituation"

Die Erste Strafkammer des Landgerichts als Schwurgericht fällte das Urteil gegen die 21-jährige Steffi D.: (von links) Schöffe Michael Meier, die Richter Markus Fillinger, Walter Leupold und Dr. Marco Heß sowie Schöffe Siegfried Janner. Bild: Götz

Die Erste Strafkammer des Landgerichts Weiden hat die 21-jährige Steffi D. am Montag zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Es erkannte auf einen minder schweren Fall des Totschlags. Landgerichtspräsident Walter Leupold berücksichtigte die Situation der jungen Mutter: "Sie war schrecklich allein, allein mit ihrer eigenen Lüge. Hilfe wurde ihr nicht zuteil."

Weiden/Neustadt/WN. (ca) Fünf Verhandlungstage sind vergangen, 37 Zeugen wurden gehört. Bis zum letzten Drücker hat die Angeklagte die Tötung des Babys abgestritten: Nein, sie habe zu "100 Prozent" kein Papier in den Mund des Neugeborenen gedrückt. Sie habe das Kind vielmehr lebend in einen geöffneten Müllsack gebettet, um es später zu holen. "Diese geschilderte Anordnung ist allein durch die Videoaufnahme eindeutig widerlegt", so Leupold.

Die Kammer hat sich die Aufzeichnung der Überwachungskameras mehrfach angesehen. Darauf sieht man die 21-Jährige nach der Geburt aus der Supermarkt-Toilette kommen. Sie geht zur Kasse, holt einen zweiten Müllsack. Derweilen bleibt die Tür des Waschraums halb offen stehen. Man erkennt die leere Gitterbox neben dem Waschbecken. Die Angeklagte kehrt zurück, bückt sich mit dem Rücken zur Kamera nach "irgendetwas" und lässt den Müllsack dann in die Gitterbox gleiten. Der Sack hat jetzt Gewicht und lässt sich in Sekunden einsetzen.

Dritter Mann "absurd"

Als "Absurdität" bezeichnet Leupold die Möglichkeit, dass ein unbekannter Dritter das Kind erstickt hat. "Welcher Toilettenbesucher, der ein Baby entdeckt, würde sagen: Das ist jetzt die Gelegenheit, ein Kind zu töten. Der würde doch vielmehr laut schreien und Hilfe holen." Und Verwandte? "Welcher denn?", fragt Leupold. Die Angeklagte habe niemanden informiert und ihre Legende von der Zyste durchgezogen. Abgesehen davon, dass die Videos keine Verwandten in Waschraumnähe zeigen.

Oberstaatsanwalt Rainer Lehner beschrieb die "ausweglos erscheinende" Situation der Geburt auf der Toilette ihres Arbeitgebers, die ja so nicht geplant war. Für drei Tage später hatte die Verkäuferin mit dem Kreisjugendamt ein Vorgespräch im Klinikum Weiden zum Kaiserschnitt für eine Inkognito-Adoption vereinbart. Nach der Sturzgeburt in das Toilettenbecken sei die 21-Jährige in "eine katastrophale Drucksituation und nachvollziehbar in Panik" geraten, erklärte es Lehner. An die Toilettentür klopfte der Vater, im Supermarkt befanden sich weitere Verwandte und die Kollegen. Genau denen gegenüber hatte sie über Monate die Schwangerschaft verschwiegen. Sie fürchtete die Reaktion des cholerischen Vaters: "ein Klima der Abhängigkeit und Angst".

Es blieben nur zwei Optionen: Mit dem Kind die Toilette verlassen mit allen gefürchteten Konsequenzen. Oder sich des Kindes endgültig zu entledigen. "Sie hat sich für die Tötung entschieden." Der Sstaatsanwalt nahm der 21-Jährigen nicht ab, das Baby später noch holen zu wollen. Sie habe niemanden darauf aufmerksam gemacht, über Neustadt fahren zu wollen. Warum auch? "Sie wusste, dass es nichts zu retten gab."

Das Kind wurde durch einen massiven Papierknebel erstickt, so fest in den Mund gepresst, dass der Rachen abgeformt war. Ist das Mord? Grausam begangen? Grausam handelt laut Gesetz der, der seinem Opfer Schmerzen zufügt, die "über das für die Tötung erforderliche Maß hinausgehen". Das Gericht sah das in diesem Fall nicht, auch wenn ein Frischgeborenes laut Gutachter Schmerzen empfinde wie ein Erwachsener. Laut Rechtsmediziner hat das Baby etwa eine halbe Stunde gelebt, ehe ihm der Knebel eingeführt wurde, dann vergingen 30 Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit, 3 Minuten bis zum Hirntod. "Das ging zwar schnell. Aber das waren 30 schreckliche Sekunden", so Leupold.

Kein Mord, dafür ein minder schwerer Fall des Totschlags. Auch diese Entscheidung begründete Leupold. "Wir haben hier eine junge Frau, die völlig verlassen in einer aus ihrer Sicht ausweglosen Situation ist." Keiner habe geholfen. Weder der Kindsvater ("Mach's weg"). Noch ihre Familie, die das Problem aussaß. "Auf der Anklagebank sitzt bloß sie. Aber mir stellt sich die Frage, ob da nicht ein paar dazu gehören würden."

Sechs Jahre Haft lautete das Urteil des Gerichts. Sechseinhalb Jahre hatte der Staatsanwalt gefordert. Auf vier Jahre plädierte Verteidiger Christoph Scharf, der Paragraph 221 (Aussetzung eines hilflosen Menschen) in Betracht zog. Der Strafrahmen wäre der gleiche. Der Anwalt sah keine geschlossene Indizienkette für die Tötung: "Es bleiben Restzweifel." Die Videoaufzeichnungen weisen Lücken auf. Revision ist noch möglich.
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