Vier Schichtarbeiter, eine Familie, eine Studentin entgehen knapp dem Gully-Wurf
Zufällig am Leben

Vier Pendler, eine Familie, eine Studentin: Sie alle könnten tot sein. Am Donnerstag sagen sie in der Reihenfolge vor dem Schöffengericht aus, in der sie damals die Autobahnbrücke bei Neubau erreichten. Am Montag, 17. August 2015, als gegen 22.15 Uhr ein 40-Kilo-Gullydeckel auf die A 93 krachte.

Um 22.02 Uhr fuhr ein Schichtarbeiter aus dem Raum Pressath unter der Brücke durch. "Ich fahre die Strecke 230 Mal im Jahr. Ich halte aus Kostengründen immer die 120 und bin immer zur selben Zeit am selben Punkt", erklärt der 53-Jährige. Sein Glück. Im Scheinwerferlicht sah er eine Gestalt am Geländer und dachte an den Fall in Oldenburg, als eine Mutter erschlagen wurde. "Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich habe mir gedacht: Hoffentlich erwischt es jetzt nicht mich."

14 "Oettinger" hatte der Mann intus, den der Pendler da oben stehen sah. Ein 22-jähriger Weidener, arbeitslos und alkoholkrank. Um 22.05 Uhr warf er zunächst einen Lehmklumpen auf die Fahrbahn. Das gesteht er zwar nicht, das Gericht ist dennoch überzeugt, dass auch dieser Gegenstand von ihm stammte: "identische Sachverhalte, zeitgleich."

Dieser fußballgroße Brocken ging unmittelbar vor dem Opel Zafira einer Weidener Familie nieder. Im Kindersitz schlief der zweijährige Sohn. "Das flog vorne an der Windschutzscheibe vorbei und ging unter dem Auto durch", schildert die 34-jährige Mutter. Das Auto fuhr unbeschädigt weiter, das Paar alarmierte dennoch die Polizei - als schon die ersten Notrufe vom Gullydeckel eingingen.

Fleißige Leute waren unterwegs, die offenbar weite Wege zur Arbeit nicht scheuen. 22.15. "Ich sah einen Gegenstand liegen", berichtet ein CNC-Fräser aus Mitterteich, der aus Nabburg von der Spätschicht kam. "Bevor ich großartig ausweichen konnte, hat es dermaßen gerumpelt." Auf ihn folgten zwei Mitarbeiter der Flachglas Wernberg: Der Vohenstraußer am Steuer riss das Lenkrad herum und prellte sich die Schulter. Sein Kollege aus Neustadt/WN knallte mit dem Kopf an die Beifahrerscheibe. Das Auto hat Totalschaden. Es folgte eine Studentin im Mini, der es beide Reifen zerfetzte. Am Ende standen drei Autos mit 10 000 Euro Schaden auf dem Standstreifen.

Der Angeklagte entschuldigt sich bei jedem gleich: "Es tut mir leid, dass Sie das Opfer meiner Tat wurden." Die Geschädigten nehmen das sehr unterschiedlich auf. "Ich hoffe, dass Sie in Zukunft schlauer sind", wünscht der 23-jährige Vohenstraußer. "Der Schaden bleibt", sagt der CNC-Fräser trocken, "die 1000 Euro sind mein Privatvergnügen."

Die eigenen Eltern waren es, die den Sohn am 11. September auf der Wache als Täter meldeten. Er hatte sich am Tag nach der Tat der Mutter anvertraut und war dann drei Wochen nüchtern zu Hause geblieben. Am 11. September wurde er rückfällig, setzte sich in den Bus zum "Getränke-Netto" - wie am 17. August. Die Eltern fürchteten, dass sich auch der Gully-Wurf wiederholt. Der Ermittler der Verkehrspolizei hatte den 22-Jährigen ohnehin schon im Visier. Ein DNA-Gutachten für drei Kippen am Tatort bestätigte die Täterschaft.

"Es ist nur dem Zufall zu verdanken, dass es nicht zu Schlimmeren gekommen ist", meint Staatsanwältin Carina Spörl, die 4 Jahre Haft forderte. Am Ende urteilt das Schöffengericht auf 3 Jahre 9 Monate. Der Rausch wirkt sich nicht strafmildernd aus. Anwalt Tobias Konze betont, dass sein Mandant "sein Leben in den Griff bekommen" wolle. Das kann er beweisen: Die Therapie wird so schnell wie möglich angetreten.
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