Vierter Prozesstag nach Bluttat in Pressath
Täter sucht im Internet: Kann ich noch in den Himmel?

Akribisch hat die Spurensicherung der Kriminalpolizei Weiden im Mai 2015 in dem Wohn- und Geschäftshaus Spuren gesichert. Bild: bk-media
 
Akribisch hat die Spurensicherung der Kriminalpolizei Weiden im Mai 2015 in dem Wohn- und Geschäftshaus Spuren gesichert. Bild: bk-media

Weiden/Pressath. Zwei Stunden vor der Tat suchte der Angeklagte per Smartphone nach Frauenkontakt in seiner Umgebung ("Woman for Male Graf"). Am Tag nach der Tat googelte er mehrfach nach einer Antwort auf die Frage: "Kann ich noch in den Himmel kommen, wenn ich gegen eines der zehn Gebote verstoßen habe?" Das hat die Handyauswertung der Kripo ergeben. Außerdem las er die "News" aus der Region, bei "Bavarian Times" und im Oberpfalznetz.

Der vierte Prozesstag gehörte am Mittwoch der Polizei, die nach der Bluttat auf allen Ebenen ermittelt hatte. Ein Schwerpunkt war die Spurensicherung. Ein Kriminalbeamter führte vor Gericht eine 3-D-Tatortrekonstruktion vor, welche die Wohnung nach dem Überfall "virtuell begehbar" machte. Alles ist sehr ordentlich und liebevoll eingerichtet, einige Umzugskisten stehen noch herum. Mitten im Wohn-Ess-Bereich sieht der Parkettboden aus, als wären zwei Flaschen Rotwein ausgekippt worden. Die Kripo wertete Überwachungskameras der umliegenden Geschäftshäuser aus: allein sieben bei Kabakulak. Sie zeigen einen sportlichen Mann mit Kapuzenpulli und Basketballhose, der zum Tatort geht (3.11 Uhr) und wegläuft (3.38). Der Zeitungsausträger radelt vorbei.

Diese Filme kennt auch die Streife der Polizeiinspektion Eschenbach, die am nächsten Tag zufällig auf den Täter trifft. Im X3 fahren die Kollegen am Pfingstsonntag die Von-Zedtwitz-Straße entlang. Sie liegen damit goldrichtig: Die Straße liegt zwischen Tatort und Wohnung des Täters. Aus dem Auto heraus entdeckt ein 40- jähriger Polizist einen Schlüsselbund im Gully. Noch während er die Soko über den Fund informiert, sieht er im Rückspiegel einen Mann in Sporthose, der bei seinem Motorrad an der Straße steht. "Er beobachtete uns."

Der 40-jährige Polizist wartet ein wenig, geht Ted T. nach und spricht ihn an. Ob er von dem "crazy case in Pressath", dem "verrückten Fall", schon gehört habe. "Er hat sich gleich ein Alibi gegeben." Dem Polizisten fällt eine Verletzung am Unterarm auf. Zunächst trennt man sich wieder. Ted T. geht in seine Wohnung. Die Polizisten warten auf die Kripokollegen, die den Amerikaner zunächst "als Zeugen" mit nach Weiden nehmen. Der Amerikaner habe sich auf der Fahrt "völlig ruhig" verhalten, erinnert sich der Kriminalbeamte. Er habe nur wissen wollen: "Am I a witness?" Bin ich ein Zeuge?

Die PI in Eschenbach packt derweilen der Ehrgeiz. Alle Gullys der Umgebung werden untersucht, die Feuerwehr zum Abheben massiver Kanaldeckel geholt. In den Schächten der Bach-, Von-Zedtwitz- und Bahnhofstraße finden sich weitere Utensilien, die der Angeklagte auf seiner nächtlichen Flucht von sich warf: das Handy des Opfers, ein blutbeflecktes Küchentuch und die Schlüssel des Täters.

Der Ermittlungsleiter wird am nächsten Montag berichten, was die Vernehmung in Weiden ergab. Fest steht: Noch am gleichen Tag führt der Angeklagte die Kripo zur Tatwaffe. Er hatte das Fleischermesser bei einem Feld zwischen Pressath und Weiden auf Höhe Döllnitz versteckt, etwa 100 Meter von der Straße entfernt. Der rote Griff war mit einem Küchentuch umwickelt. Das Messer - die Spitze abgebrochen - war mit Laub bedeckt. Er habe die Tatwaffe mit seinem Motorrad dort hingebracht, gibt er gegenüber der Polizei an.

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. Mit Interesse wird das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen erwartet. Am Mittwoch folgen Plädoyers und Urteil.

Frage: Wie kam Täter in das Haus?Noch immer ist unklar, wie der Angeklagte eigentlich in das Wohn- und Geschäftshaus gekommen ist. Ein Kripobeamter der Spurensicherung hatte an der Tür zu dem Anwesen keinerlei Aufbruchspuren, "keinen Kratzer, nichts", festgestellt. Im Laufe der Ermittlungen habe es geheißen, die Tür falle nicht richtig zu. Der Kriminaler zu dieser Theorie: "Ich habe 30 Versuche gemacht - und sie fiel immer ins Schloss." Die Geschädigte gab an, als einzige Bewohnerin die Tür gewissenhaft hinter sich zugezogen zu haben.

Nicht ausgeschlossen ist, dass der Täter einen Schlüssel hatte. Wie berichtet unterhielt er im Sommer 2014 eine Beziehung zur Vormieterin, die im November 2014 auszog. Bei der Wohnungsübergabe übergab sie einen Hausschlüssel zu wenig beim Vermieter. Sie wisse nicht, wo dieser Schlüssel hingekommen sei, sagte sie vor Gericht. Bei der Polizei hatte sie zu Protokoll geben, dass der Angeklagte bei seinen Besuchen bei ihr oft unvermittelt direkt vor ihrer Wohnungstür stand - "keine Ahnung wie." (ca)
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