Volles Rohr zugelangt

Wenn der Abfluss mal verstopft ist, kann Hilfe teuer kommen. Abgezockt fühlt sich ein Ehepaar aus Weiden. Bild: Götz

Es ist mitten zwischen den Feiertagen, im Bad stinkt es aus dem Abfluss. Abhilfe soll eine auf Rohrreinigungen spezialisierte Firma schaffen. Die Monteure, die kommen, hinterlassen Angst, Wut und einen leeren Geldbeutel.

Mit professioneller Hilfe bei verstopften Toiletten, Rohrbruch oder Wasser im Keller wirbt eine Weidener Rohrreinigungsfirma in den "Gelben Seiten". Als Roswitha Braun (Name von der Redaktion geändert) am 28. Dezember die Nummer in ihr Telefon tippt, kann sie nicht ahnen, dass sie am Ende des Tages ihrem Empfinden nach bedroht und abgezockt werden würde - von einer Firma, die es in Weiden am gemeldeten Standort in der Innenstadt offensichtlich gar nicht gibt.

Die 64-jährige Weidenerin hatte im Abfluss der Dusche und in der Waschmaschine modrige Gerüche bemerkt. Weil ihr der Spengler nicht mehr weiterhelfen konnte, suchte sie im Branchenbuch nach einer Rohrreinigungsfirma aus der Region. Mit gut dreieinhalb Stunden Verspätung zum vereinbarten Termin um 16 Uhr kamen zwei Monteure, allerdings von einer Firma aus Heuchelheim in Hessen. "Ich hätte ja nie eine No-Name-Firma angerufen oder 0800. So ein Krampf", erklärt Braun im Nachhinein immer noch aufgewühlt. Sie sei davon ausgegangen, dass, wenn sie eine örtliche Firma kontaktiere, diese auch komme. Mittlerweile vermutet die Weidenerin, dass es sich um Betrüger handelt.

960 Euro in bar


Im Haus der Familie habe einer der Monteure sofort gewusst, wo das Problem liegt, erinnert sich Braun. Der Gestank komme nicht aus der Leitung im Haus, sondern aus dem Kanal. "Eine Stunde und 40 Minuten haben sie gearbeitet, und dann kam die Rechnung", sagt die 64-Jährige. 960 Euro in bar hätten die Monteure verlangt. Sofort. "Ich habe gesagt, ich hab' das Geld gar nicht daheim, und da hieß es: ,Dann müssen's auf die Bank fahren.'" Als die Kundin die Polizei rufen wollte, sei ihr gedroht worden: Braun solle zahlen, man wisse schließlich, wo sie wohne. "Mein Mann ist dann auf die Bank", gibt die Weidenerin zu.

Auf der Rechnung, die die Handwerker handschriftlich vor Ort ausfüllten, steht: "Kunde hat alles gesehen, ist zufrieden." Laut Braun sei aber vorher in keinster Weise mit ihr abgesprochen worden, was gemacht werden soll. Zu den Kosten konnten die Handwerker vorab auch nichts sagen. "Ich habe noch gefragt, ob Feiertagszuschläge entstehen. Nein, nein, hat er gesagt."

Ob eine TV-Untersuchung oder eine Grundreinigung nach Beseitigung der Verstopfung - wie auf dem Papier angegeben - tatsächlich vorgenommen wurden, kann die Rentnerin nicht beurteilen. Sie habe sich gewundert, dass kaum Geräte ins Haus getragen wurden. "Sie haben gesagt, sie haben den Eingang zum Kanal sauber gemacht. Der wäre verdreckt oder verschlammt gewesen." Ob das stimmt, weiß die 64-Jährige nicht. Bei den Arbeiten ging die Toilette kaputt. Nach anfänglichem Abstreiten hat die Firma die Kloschüssel am nächsten Tag immerhin ersetzt. Das Ehepaar hat mittlerweile einen Brief an das Unternehmen geschickt und sein Geld zurückgefordert.

Der Verbraucherzentrale in Weiden ist die hier gemeldete Firma nicht besonders positiv in Erinnerung. "Die kenne ich", sagt Elisabeth Graml und schnauft in den Hörer. Es habe schon ähnliche Fälle in der Region gegeben. "Das Problem ist, es wird nicht über den Preis gesprochen, hinterher viel verlangt, und zum Teil werden Leistungen verkauft, die nicht nötig gewesen wären." Graml vermutet, dass die Firma unseriös arbeitet. "Normalerweise darf ja, wenn vorher kein Preis abgemacht war, nur der örtsübliche Preis verlangt werden", informiert die Beraterin. "Den kann man nur ermitteln, wenn man sich bei der Konkurrenz erkundigt, was das kosten würde."

Doppelt abgerechnet


Graml kann sich auch vorstellen, dass die Firma gegen Regeln verstößt, weil sie in Weiden gemeldet, dort aber nicht auffindbar ist. Es sei außerdem ein Trick, dass die Rohrreinigung nach laufenden Metern abgerechnet wird. "Das ist nicht seriös. Normalerweise wird nach Arbeitszeit abgerechnet, wie beim Handwerker üblich." Ein Schreiner liste schließlich auch nicht seinen Hobel auf der Rechnung auf, wenn er etwas bauen soll, erklärt sie. Auffällig sei auch, dass drei Mal derselbe Betrag für unterschiedliche Untersuchungen und zusätzlich hohe Beträge unter den Posten "Fachmonteur" und "Technischer Helfer" veranschlagt wurden. "Es wurde doppelt und dreifach abgerechnet", vermutet Graml.

"Es ist ein dicker Hund, dass die von Heuchelheim kommen", findet Karl Gaach von der Polizeiinspektion. Man könne nicht einfach ins Telefonbuch eine Weidener Adresse reinschreiben, "und wenn ich anrufe, telefoniere ich mit irgendjemanden." Gaach recherchierte beim Ordnungsamt: In der Gasse in der Innenstadt sei Rohrreinigungsfirma nicht gemeldet. Die Heuchelheimer Firma teilte dem Polizeisprecher mit, sie habe dort eine Wohnung angemietet.

"Hart an der Grenze"

Hilfe holenWas tun, wenn Handwerker so fordernd auftreten wie die Mitarbeiter der Rohrreinigungsfirma? Elisabeth Graml von der Verbraucherzentrale in Weiden rät, sich nicht unter Druck setzen zu lassen, einen Nachbarn zur Hilfe zu holen und die Polizei zu informieren. "Ansonsten gelten die üblichen Regeln: Im Vorfeld sensibel reagieren und am Telefon erklären lassen, woher der Mitarbeiter anfahren muss." (spi)

Der Polizeisprecher vermutet, dass dort nur ein Telefon steht, das Anrufe automatisch nach Heuchelheim weiterleitet. Betrug ist zwar laut Gaach bislang nicht nachweisbar gewesen, die Firma bewege sich aber "total hart an der Grenze zum Strafgesetzbuch", meint er. "Dass da was faul ist, liegt auf der Hand. Das belegen auch die vielen Kommentare im Internet."

Laut Gaach wird eine Ermittlungsgruppe das Gebäude untersuchen und in der Nachbarschaft fragen, ob dort eine Rohrreinigungsfirma bekannt ist. "Die Verfahrensweise ist schon bekannt. Bei der Telekom oder wem auch immer kaufe ich eine Telefonnummer, begehe da meine Betrügereien, und wenn mir das zu heiß ist, dann nehme ich eine andere Nummer."

Welche Verbindung es zwischen der in Weiden gemeldeten Firma und dem in Heuchelheim ansässigen Unternehmen gibt, wollte ein Mitarbeiter auf NT-Anfrage am Telefon nicht erklären. Die Anschuldigungen von Familie Braun, sie sei von den Monteuren bedroht worden, wies der Mann zurück. Man könne sich so ein Vorgehen nicht vorstellen. Zudem gebe es die Möglichkeit, mit EC-Karte zu bezahlen. Warum man eine Bar-Zahlung gewählt habe, könne man sich nicht erklären. Zudem würde die Firma die Kunden über alles informieren.

HintergrundKeine Stellungnahme zu Vorwürfen

Auf mehrfache NT-Anfrage bei der Rohrreinigungsfirma in Hessen und der Bitte um eine Stellungnahme verwiesen Mitarbeiter auf Rechtsanwalt Florian Frisse. Allgemeine Fragen zum Zusammenhang der beiden Firmen in Weiden und Heuchelheim, der Zahlungsmethode nach Einsätzen und speziell zum Fall von Familie Braun aus Weiden (Name geändert) beantwortete der Jurist allerdings nicht. Stattdessen verwies er in seiner E-Mail darauf, die Fragen nur beantworten zu können, wenn er den Namen der Familie und eine Kopie der Rechnung habe.


Tipps der Verbraucherzentrale

Die Geschäftsstelle der Verbraucherzentrale Bayern in Weiden ist montags von 9 bis 12 Uhr, mittwochs von 13 bis 15 Uhr und freitags von 9 bis 12 und von 13 bis 15 Uhr erreichbar. Die Beratung ist kostenpflichtig. Tipps, wie man mit unseriösen Firmen umgeht, gibt es unter www.verbraucherzentrale-bayern.de/notdienste3.
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