Von wegen Kuschelpädagogik
Kinder der Montessori-Schule Weiden arbeiten konzentriert, entspannt und erfolgreich

Die etwas andere Deutschstunde: Statt auf Stühle setzen sich die Kinder in einen Kreis und lesen den Mitschülern vor. (Foto: otj)
(Jörg Otto)

Zwei Jungs reißen die Arme in die Luft und geben sich begeistert high-five. Nein, wir sind nicht auf dem Bolzplatz und auch nicht in einer Spielgruppe, sondern mitten im Mathe-Unterricht in der Montessori Schule Weiden – und dies ist nur ein Aha-Moment bei einem Besuch vor Ort.

Der Tag beginnt so um 7.30 Uhr. Etwa 50 Kinder trudeln nach und nach ein. Es geht lebendig zu – ohne wildes Rumgerenne, ohne Geschrei. Sogar die Pädagogen können sich an einem großen Tisch ungestört besprechen – hier läuft offensichtlich einiges anders. Das kann man nicht nur hören, sondern auch spüren.

Ein Geschenk ist das allerdings nicht, sondern das Ergebnis einer Pädagogik, die mit der an Regelschulen so gar nichts gemein hat. Gerda Högl-Siegler hat die Montessori-Schule vor 15 Jahren aufgebaut – und ist zurecht stolz auf ihre Arbeit. „Wir sehen ja, wie sich die Kinder entwickeln. Vom Schulanfang bis zum Übertritt an eine weiterführende Schule.“

Motivation statt Frustration


Diese Evolution halten die Betriebsleiterin und ihre Pädagogen fest: Den Halb- und Ganzjahres-Zeugnissen wird ein aktuelles Foto und ein gemaltes Selbstbild der Schüler beigefügt. Was in den Zeugnissen dafür nicht steht, das sind Noten. „Was bringt es, jemandem eine Note zu geben, die überhaupt nichts über die individuelle Leistung aussagt. Vielleicht ist einer ganz gut in Geometrie, hat aber Schwächen in Algebra – das ist doch mit einer Mathe-Note gar nicht abzubilden.“
Also bekommt jeder Schüler eine schriftliche Bewertung der individuellen Leistung – mit Hinweisen, was gut läuft und wo es noch ein bisschen hapert – immer in einem motivierenden Duktus. „Damit kann ein Kind doch viel mehr anfangen.“ Das bedeutet einen ziemlichen Aufwand. „Aber es lohnt sich“, weiß Högl-Siegler.
In der Montessori-Pädagogik zählt nicht nur die Abrufbarkeit des Lehrplans. Bedürfnisse, Talente und Begabungen des einzelnen Kindes sind höchstes Gut. Mit der oft unterstellten Kuschelpädagogik hat das allerdings nichts zu tun. „Wenn wir merken, dass sich ein Kind durchzumogeln versucht und das auch nach einem Gespräch nicht ändert, dann gibt es eine klare Ansage. Aber auch das muss man ja nicht vor allen anderen Schülern machen“, erklärt Högl-Siegler.

Konzentriertes Arbeiten


Mittlerweile ist es 7.45 Uhr, Unterrichtsbeginn. Auf den Fluren ist es still, allerdings nicht, weil alle Kinder in den Klassenzimmern verschwunden sind. Einige Schüler sitzen mit ihrer Lehrerin auf den Stufen und arbeiten konzentriert an ihren Aufgaben.

Schaut man den Mädchen und Jungs über die Schulter, sieht man, dass da ganz unterschiedliche Aufgaben gelöst werden. Das hat einerseits mit individuellem Lehransatz zu tun, andererseits mit Eigenverantwortlichkeit. „Die Kinder haben einen Wochenplan. Wie sie den abarbeiten, bleibt ihnen überlassen.“

Auch auf dem Flur zu den Klassenzimmern sitzen noch ein paar Schüler an Laptops – versunken in ihre Arbeit. Am Fenster zum schön gestalteten Innenhof übt ein Lehrer intensiv mit einem Mädchen mit Down Syndrom lesen. Gerda Högl-Siegler: „Das ist echte Inklusion.“
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