Von Zeitgeschenken und anderen weihnachtlichen Gaben
Angebissene Äpfel statt Nüsse und Mandelkerne

Jedes Jahr wartet er vergeblich auf den Besuch seiner Kinder. Doch auch heuer vermeldet sein Anrufbeantworter keine frohe Botschaft. Sohn und Tochter sagen ab, haben viel zu tun, ein paar Weihnachtskarten müssen genügen. Doch der alte Mann ist nicht dumm. Er schickt den Lieben eine Todesanzeige und lädt zu seiner Beerdigung ein. Plötzlich reisen alle an - und feiern ein fröhliches und friedvolles Weihnachtsfest - mit einem überaus lebendigen Großvater. Der emotionale Werbespot einer großen Supermarktkette trieb in den vergangenen Wochen Erwachsenen und Jugendlichen im ganzen Land Tränen in die Augen. Sie fühlten sich ertappt: Sind wir im Alltag oft derart beschäftigt, dass wir nicht einmal mehr Zeit haben für unsere Verwandten, für Eltern oder längst vergessene Freunde?

Gottes Geschenk

Der Film berührt, auch wenn er an vielen Stellen unrealistisch ist. Eine Familie, die sich am Schluss prima versteht, wird auch am Heiligen Abend den einsamen Vater nicht sitzen lassen. Andererseits kann auch das hochheilige Fest des Friedens zur heillosen Tortur werden, wenn statt leckerer Köstlichkeiten bisher unausgesprochene Streitthemen auf dem Gabentisch landen. Trotzdem: Der Werbespot des Lebensmittel-Ladens rührt an

Und er regt an zu der Frage, welche Lebensmittel wir wirklich brauchen. Weihnachtlich gesprochen: Welche Mittel zum Leben sind ein wahres Geschenk? Zu welchen Gaben inspiriert uns Gottes Geschenk in der Krippe von Bethlehem? Statt wie früher Äpfel, Nuss und Mandelkern zu verteilen, müssen es heute schon angebissene Äpfel sein, die auf dem neuen Handy oder Tablet prangen. Und trotzdem landet so manch unnützes Präsent später im Internet oder wird bei Verkaufsaktionen wie dem "Markt der langen Gesichter" in Nürnberg wieder zu Geld gemacht.

Nichts gegen Geschenke. Schenken gehört zur menschlichen Kultur. Auch ich freue mich darüber und mache mir gerne Gedanken, womit ich anderen eine Freude bereiten könnte. Die Größe und der Wert spielen da meistens keine Rolle. Wichtig ist, dass jemand an mich denkt, mich in den Blick nimmt und fragt: Was könnte er brauchen? Wie zaubere ich ihm ein kleines Lächeln ins Gesicht?

Genau das passiert bei den Menschen, die sich nach der Geburt Jesu im Stall versammeln. Still, mit angehaltenem Atem betrachten sie das kleine Wunder Leben, das vor ihnen liegt und ihr eigenes Dasein verwandeln wird. Gespannt und mit einem friedvollen Lächeln im Gesicht verstehen sie: Gott selbst wendet sich in diesem Kind den Menschen zu, kommt ihnen ganz nah. An diesem Ort, ohne Stress des Alltags, mit ganz viel Zeit und Aufmerksamkeit, pocht Gottes Herz.

Die Einsamkeit


Welche Lebensmittel brauchen wir wirklich? Was macht ein Geschenk kostbar? Sind wir wirklich wunschlos glücklich, wie wir immer wieder betonen, sobald man uns nach Wünschen oder Sehnsüchten fragt? Das Geschehen in der Krippe, aber auch der werbewirksame Spot zeigen jedenfalls eines: Am schlimmsten ist die Einsamkeit. Und: Das Kostbarste, das ich habe, ist die Zeit, die ich mir nehme, für mich und für andere. Momente, die ich nur einmal vergeben kann. Wundervolle Stunden oder himmlische Augenblicke, die gemeinsam staunen lassen und glücklich machen.

Ich wünsche Dir nicht alle möglichen Gaben. Ich wünsche Dir nur, was die meisten nicht haben ... Ich wünsche Dir: Zeit zu haben zum Leben.Lyrikerin Elli Michler

Der Heilige Abend gewährt uns solche Auszeiten im Trubel. Er ist geschenkte Zeit für alle, die sonst keine Zeit haben. Der Liederdichter Siegfried Fitz hat dazu ein schönes Lied geschrieben: "Gott schenkt Dir seine Zeit, weil Du ihm wertvoll bist. Er schenkt Dir Zeit auf Erden. Er schenkt Dir eine Himmelszeit, ein Leben in Geborgenheit. Zeit zum Frieden tief im Herzen."

Gemeinsamer Abend


Meine Frau und ich schenken uns heuer an Weihnachten Zeit. Einen gemeinsamen Abend mit Kultur und einem schmackhaften Essen, mit spannenden Stunden zum Staunen, Genießen und Reden. In den vergangenen Jahren ist mir das am Weihnachtsfest wichtig geworden: Mit dem Kind in der Krippe schenkt uns Gott seine Aufmerksamkeit. Was also könnten wir anderen Menschen Größeres schenken als unsere Zeit. Sie ist ein Präsent, das zu allen Zeiten zeitlos ist.

Wie wäre es zum Beispiel mit Karten für einen gemeinsamen Konzert- oder Theaterbesuch, eine Einladung zum Frühstück ins Café oder nach Hause, ein Familientag inklusive Fotobuch zur Erinnerung, ein Wochenende nur für Enkel und Großeltern, ein Wellnesstag oder eine persönlich gestaltete Postkarte? Die deutsche Lyrikerin Elli Michler bringt das in ihrem Weihnachtsgedicht auf den Punkt: "Ich wünsche Dir nicht alle möglichen Gaben. Ich wünsche Dir nur, was die meisten nicht haben...Ich wünsche Dir: Zeit zu haben zum Leben."
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