Vor 70 Jahren erste Stadtratswahlen nach dem Krieg
Als Weiden die Weichen stellte

Nach der Diktatur sollte wieder demokratisches Leben ins Alte Rathaus (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1945) einziehen. Entscheidend dafür war der 26. Mai vor 70 Jahren. Damals wählten die Weidener ihren ersten Nachkriegs-Stadtrat, der danach im berühmtesten Gebäude der Stadt tagte. So wie die nachfolgenden Stadtparlamente auch - bis zum 22. Dezember 1980. Seither kommt das Gremium (meistens) im Neuen Rathaus zusammen. Bilder: Stadtarchiv (4)
 
Karl Heilmann wurde nach der Wahl zunächst CSU-Fraktionsvorsitzender, wenig später, im Juli 1948, Oberbürgermeister.
 
Dr. Franz Josef Pfleger, Oberbürgermeister von 1945 bis 1948.
 
Hans Schelter rückte kurz nach der Wahl in den Stadtrat nach. 1952 wurde er Oberbürgermeister.

Frei sind sie. Seit 70 Jahren. Nach der Nazi-Diktatur dürfen die Weidener am 26. Mai 1946 erstmals wieder frei wählen und über den Stadtrat bestimmen. Dabei betreten Menschen die politische Bühne, die die Stadt prägen werden.

Sie mag ein Meilenstein gewesen sein. Allzu viel Aufhebens wurde um die erste Weidener Kommunalwahl nach dem Krieg dennoch nicht gemacht. "Der neue Tag", dessen erste Ausgabe wenig später, am 31. Mai, erscheint, handelt die Ergebnisse ebenso knapp ab wie das Amtsblatt. Kein Wunder, es sind schließlich andere Dinge, die die Menschen bewegen. In der Zeitung finden sich, gleich neben der Meldung über die erste Stadtratssitzung, zahlreiche Vermisstenanzeigen. Die amtlichen Verlautbarungen drehen sich nicht zuletzt um die Versorgung der Bürger. Der Wohnraum ist knapp. Die Wunden des Krieges sind frisch.

Und doch sind die Wahlen vom 26. Mai 1946 eine Wegmarke. In zweierlei Hinsicht. Sie hieven Bürger auf die lokalpolitische Bühne, die die Stadt langfristig prägen werden. Und sie manifestieren natürlich, wie anderswo in Bayern auch, das Entstehen einer neuen Demokratie: Nicht vom Bund, nicht vom Land - von den Kommunen aus sollte sie wachsen (Hintergrund ). Hier beraumte die US-Militärregierung den ersten freien Urnengang nach der NS-Diktatur an. Es waren jedoch keine Wahlen aus dem Nichts.

Parteien leben auf


Erste informelle politische Zusammenschlüsse hatte es schon kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner in der Stadt am 22. April 1945 gegeben. Bald bildeten sich Parteien. (Wieder-)Gründungsdatum der Weidener SPD ist der 1. September 1945 unter Xaver Heuberger. Kurz darauf, am 19. Oktober, folgte die Christlich-Demokratische Partei, die Vorläuferin der CSU (ab 16. Januar 1946). Hier war Dr. Hans Schrott der Gründungsvorsitzende. Die Parteien hatten offenbar schnell Zulauf. Zwar fehlen für die Anfangsjahre Zahlen der SPD. Die CSU jedoch meldete kurz vor der Wahl, am 30. April 1946, bereits 489 Mitglieder an die Militärregierung.

Auch institutionell hatte sich Einiges getan. Vier Tage nach dem Einmarsch setzten die Amerikaner kommissarisch Josef Schnurrer als Oberbürgermeister ein. Der Unternehmer blieb allerdings nicht lange im Amt. Am 23. Mai 1945 wurde er entlassen und durch den Rechtsanwalt und früheren Reichstagsabgeordneten Dr. Franz Josef Pfleger ersetzt (Schnurrer wurde von 1952 bis 1956 zweiter Bürgermeister). Gleichzeitig bekam Pfleger, der Mitglied der CSU werden sollte, den Kaufmann Hans Neumeier (CSU) als zweiten Bürgermeister zur Seite gestellt - allerdings nur für kurze Zeit: Schon am 24. August wurde Neumeier wieder abgelöst. Auf ihn folgte Josef Tröger (SPD).

Daneben beriefen die Amerikaner einen - rein männlichen - Stadtbeirat ein. Zusammen mit den Bürgermeistern tagte er zwischen 21. Juni 1945 und 24. April 1946 zwölfmal. Bevor er schließlich vom Stadtrat abgelöst wurde. Dessen Zusammensetzung bestimmten zwar die Bürger. Dennoch waren damit schon einige Weichen gestellt. Denn fünf der sieben Beiratsmitglieder wurden in den Stadtrat gewählt. Darunter auch Karl Heilmann (CSU), der 1948 Oberbürgermeister werden sollte. Oder Nikolaus Rott, der spätere Fraktionsvorsitzende der SPD (1952 bis 1960).

Über die Wahlen selbst finden sich nur wenige Berichte. Umso stärker war die Beteiligung: 92,4 Prozent. Ein Wert, der nie mehr erreicht werden sollte. Zum Vergleich: Die jüngste Wahl 2014 interessierte nur noch 52,8 Prozent. Und das, obwohl die Bürger heute mehr entscheiden dürfen - sie wählen auch den OB direkt. Nach dem Krieg hatten sie auf das Amt dagegen nur mittelbaren Einfluss: Der Stadtrat bestimmte darüber.

CSU klarer Sieger


Ein Stadtrat, um dessen Sitze sich 1946 vier Gruppierungen bewarben, die am Ende auch alle den Einzug schafften. Das allerdings mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen: Je 1 Mandat erreichten die KPD und die "Liste der Parteilosen". 10 entfielen auf die SPD. Klarer Sieger mit mehr als 57 Prozent der abgegebenen Stimmen wurde die CSU, die 16 Sitze erhielt. "Interessant ist, dass sich die Masse der Wähler den beiden großen Parteien zuwendet und die Splitterparteien immer bedeutungsloser werden. Der CSU und der SPD wird damit die Verpflichtung auferlegt, in der bestmöglichen Zusammenarbeit das Wohl der Gemeinden in fortschrittlicher Weise zu fördern", kommentiert der NT damals.

Wenn sie diese Verpflichtung einlösen wollten, mussten sie allerdings bald ein wenig umdenken. Denn in der gewählten Form trat der Stadtrat nie zusammen. Kurz nach der Wahl erreichte eine Anordnung des Innenministeriums das Rathaus, wonach Städte in der Größe Weidens (1946: 36 969 Einwohner) die Zahl der Stadträte auf 31 erhöhen sollen. Zu den ursprünglich 28 gewählten kamen also 3 weitere hinzu (entsprechend den Wahlergebnissen 2 von der CSU, 1 von der SPD).

Zusammen bildeten sie ein Gremium mit einigen schillernden Namen. Da war zum Beispiel der Älteste unter ihnen, der 69-jährige Michael Lukas (das Durchschnittsalter im Rat lag bei 48). Der Christsoziale (und Großvater des heutigen Stadtrats Alois Lukas) war schon vor dem Krieg politisch aktiv gewesen: als Reichstagsabgeordneter der Bayerischen Volkspartei (1920 bis 1924) und im Landtag (1933). Erfahrung hatte auch ein SPD-Rat, der 1946 ins Gremium kam: Friedrich Ecker war bis 1933 Fraktionsvorsitzender im Stadtparlament gewesen.

Interessant ist, dass sich die Masse der Wähler den beiden großen Parteien zuwendet.Das Fazit des NT über die ersten Wahlen

Das - zumindest dem Alter nach - Gegenstück zu Lukas war Resi Steigner (CSU). Die jüngste Stadträtin war bei ihrer Wahl 32 Jahre alt. Eine Besonderheit war sie außerdem schon allein, weil sie es als Frau in den Sitzungssaal geschafft hatte. Neben ihr gab es mit Anna Zetzl (SPD) nur noch eine weitere Rätin. Zumindest was den Frauenanteil angeht, war von einer fortschrittlichen Weise also wenig zu spüren. Mehr noch: Nach den kommenden Wahlen war stets nur eine oder teils gar keine Frau im Gremium. Erst 1972 sollten es wieder mehr, nämlich 5, werden. Kaum überraschend ist da, dass der Fraktionsvorsitz nach den Wahlen 1946 an Männer ging. An Karl Heilmann bei der CSU; bei der SPD an Josef Tröger.

Tröger stand auch im Mittelpunkt bei der ersten Sitzung des Stadtrats. Und das, obwohl er den Saal rasch - nach der Vereidigung der Räte durch OB Pfleger - verlassen musste. Erste Aufgabe des Gremiums war nämlich die Wahl des Oberbürgermeisters und seines Stellvertreters. Wobei die Entscheidung offenbar zu schwer nicht war. Die bisher kommissarisch amtierenden Pfleger und Tröger wurden einstimmig gewählt.

Nachrücker Schelter


Ein Votum, das im Übrigen noch eine andere Personalie zur Folge hatte: Tröger legte nach seiner Wahl sein Ehrenamt als Stadtrat nieder. Hans Schelter rückte nach. Jener Schelter, der 1952 Oberbürgermeister wurde (bis 1970). So wenig Aufhebens um die ersten Wahlen nach dem Krieg also gemacht wurde, die Weichen für Weiden stellten sie langfristig.

Die Wahlergebnisse und der erste StadtratDie ersten Stadtratswahlen in Weiden nach dem Zweiten Weltkrieg liefen am Sonntag, 26. Mai 1946. Das aktive Wahlalter lag bei 21 Jahren, wählbar war man ab 25 Jahren. Von 14 171 Berechtigten stimmten 13 092 tatsächlich ab. Das ergibt eine Wahlbeteiligung von 92,4 Prozent. Auf die CSU entfielen 57,4 Prozent der gültigen Stimmen (insgesamt 7331 Stimmen), sie erreichte damit 16 Sitze. Die SPD bekam 34,9 Prozent (4459 Stimmen, 10 Sitze), die KPD 4,3 Prozent (544 Stimmen, 1 Sitz) und die "Liste der Parteilosen" 3,4 Prozent (437 Stimmen, 1 Sitz).

Das Ergebnis bedeutet eine Konzentration auf zwei große Parteien. Deutlich wird das im Vergleich zu den März-Wahlen 1933. Die CSU holte nun 2469 Stimmen mehr als damals die Bayerische Volkspartei, auch die SPD legte klar zu mit einem Plus von 1595 Stimmen. Die Kommunisten verloren leicht (minus 87). Gänzlich verschwunden sind die 4160 Stimmen für die Nazis (die 1933 noch das zweitbeste Ergebnis einfuhren). Als Stadträte gewählt wurden 1946:

CSU: Karl Heilmann (Beruf: Generalvertreter), Fritz Stark (Konditoreibesitzer), Rudolf Landstorfer (Vorschlosser), Anton Denzinger (Reg. Bauinspektor), Hans Messner (Angestellter), Michael Lukas (Bauer), Edmund Koch (Angestellter), Louis Schaller (Bäckermeister), Max Karban (Arbeiter), Johann Scharnagl (Verwaltungsinspektor), Georg Gollwitzer (Buchhändler), Alois Hanweck (Zugführer a. D.), Franz Burger (Post-Betriebs-Assistent), Johann Landgraf (Landwirt), Anton Stangl (Schreibwaren-Händler) und Resi Steigner (Gesundheitspflegerin).

SPD: Josef Tröger (Bürgermeister), Friedrich Ecker (Leiter des Arbeitsamtes), Nikolaus Rott (Vorhandwerker), Xaver Heuberger (Werkmeister), Franz Mörtl (Stadtkämmerer), Hans Albrecht (Leiter der Stadtsparkasse), Karl Meinhold (Techniker), Anna Zetzl (ohne Beruf), Josef Müller (Versicherungsinspektor) und Gottlieb Linz (Werkmeister).

KPD: Josef Kick (Kesselschmied).

Parteilose: August Jagemann (Kaufmann).

In dieser Form trat der Stadtrat allerdings nie zusammen. Stadtkämmerer Franz Mörtl (SPD) nahm seine Wahl aus beruflichen Gründen nicht an. An seiner Stelle rückte der Spediteur Fritz Meier nach. Außerdem wurde die Zahl der Stadträte auf 31 erhöht. Nachrücker für die CSU wurden Georg Hilburger (Angestellter) und Hans Götz (Zeichner), für die SPD Karl Zrenner (Werkmeister).

Demokratie von unten


Die neue Ordnung sollte vom Fundament her wachsen. "Demokratie von unten", das war die Idee der Amerikaner für den Neuanfang in ihrer Besatzungszone, wie es das Haus der Bayerischen Geschichte umschreibt. Die Militärregierung von General Clay regte deshalb von Herbst 1945 an die Gründung von Parteien an. Und zwar in stufenweiser Abfolge von der örtlichen bis zur landesweiten Ebene. Nach ähnlichem Muster sollten auch die Wahlen verlaufen. In der US-Zone gab es sie zunächst in kleinen Gemeinden, dann auf Ebene der Stadt- und Landkreise und schließlich auf Landesebene.

Für die Weidener bedeutete das, dass sie bei den Kommunalwahlen am 26. Mai 1946 zum ersten Mal nach der Diktatur wieder demokratisch abstimmen durften. Die Wahl zur verfassungsgebenden Landesversammlung folgte am 30. Juni, die erste Landtagswahl am 1. Dezember.

Wenige Quellen und ein Glanzlicht


Es gibt nicht allzu viele Quellen über die ersten Kommunalwahlen in Weiden nach dem Krieg. Ein Grund ist, dass "Der neue Tag" erst kurz nach dem Urnengang mit seiner ersten Ausgabe erschien. Noch schwerer ist es, Zeitzeugen zu finden, die sich an das Ereignis erinnern. Zahlreiche Nachfragen - unter anderem bei den Senioren-Organisationen der großen Parteien, aber auch bei anderen Einrichtungen - blieben jedenfalls ohne Ergebnis. Was auch damit zusammenhängen mag, dass viele, die damals erwachsen waren, vor allem die Härten der Nachkriegszeit spürten und diese statt der Wahlen im Gedächtnis behalten haben.

Auch Siegfried Hausknecht, Jahrgang 1930, hat "keine besondere Erinnerung" mehr daran. Trotzdem liefert der frühere Schulamtsdirektor die wertvollste Quelle: In mehreren Hundert Stunden akribischer Arbeit hat er eine einzigartige Dokumentation über Weidens Kommunalpolitiker von 1945 bis 2003 zusammengestellt. Wobei sein (nicht im Handel erhältliches) Werk weit mehr als nur Daten zu Personen liefert. Es bildet die wichtigste Grundlage dieser Rückschau.
Interessant ist, dass sich die Masse der Wähler den beiden großen Parteien zuwendet.Das Fazit des NT über die ersten Wahlen
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