Vor EM-Kracher: Besuch bei Weidener Italienern
"Am Schluss bleiben wir Freunde"

Irgendwann ist immer das erste Mal. Anno dazumal - genauer: bei der EM 2012 - allerdings nicht. Da jubelten die Weidener Italiener nach der Partie gegen die Elf von Jogi Löw. Und auch diesen Samstag wird es wieder mal nix mit dem ersten deutschen Sieg gegen die Azzurri bei einem Turnier. Das glauben zumindest die Weidener Italiener. Mal abwarten ... Bild: Wilck

Furchterregend sollen sie sein. Dabei backen sie doch nur Pizza oder sind einfach der freundliche Nachbar oder Arbeitskollege. Trotzdem zittert Deutschland vor dem EM-Spiel vor den Italienern. Höchste Zeit, sich dem Angstgegner bei einem Rundgang durch Weiden zu stellen.

Die personifizierte Angst der Bundesrepublik thront schweigend über Pecorino und Prosciutto. Francesco Totti hängt als Poster im Delikatessenabteil des Markthauses Brunner, gleich bei der Kühltheke. Der alternde Fußballstar dürfte vielen hierzulande nicht in allerbester Erinnerung sein. Er stand auf dem Platz, als Italien die Deutschen 2006 aus dem Turnier warf. Mal wieder.

Feinkosthändler Stefano Orecchini hat das Poster aufgehängt. Er stammt aus Rom. Wie Totti. Aber anders als der schweigende Star muss er zurzeit sehr viel über Fußball reden. Bei den Kunden "ist das, seit es feststeht, das Hauptthema". Seit also klar ist, dass am Samstag (21 Uhr) die beiden Rivalen Deutschland und Italien im EM-Viertelfinale abermals aufeinandertreffen. Aber was heißt hier überhaupt Rivalen? Orecchini grinst. Er kennt natürlich die bittersüße Wahrheit, dass die Deutschen gegen die Azzurri noch nie gewonnen haben, wenn es ernst wurde. Und es auch diesmal nicht werden. Scusate! Aber es geht 1:0 für die Kicker vom Stiefel aus. Tippt jedenfalls der 43-Jährige.


Stefano Orecchini mit seinem Idol vom AS Rom, Francesco Totti.

Na gut, ein bisschen Zweckoptimismus ist da schon auch dabei, räumt Orecchini ein. "Es wird ein offenes, sehr enges Spiel." Aber Italien habe seine Chancen. Denn - und da muss der Mann auf dem Poster kurz weghören - die Stärke liege darin, dass diesmal keine großen Stars im Team sind. Andrea Pirlo oder eben Totti sind nicht mehr im Kader. Das habe auch Vorteile. Statt sich auf Einzelne zu konzentrieren, "sind sie eine wirkliche Mannschaft geworden. Das macht viel aus". Und obendrein sei da noch der Trainer, Antonio Conte. Motivieren und bestrafen könne der - "eine Mischung aus Jürgen Klopp und Felix Magath". Und das klingt dann doch so, als ob Deutschland ein bisschen Angst haben sollte.

So ein Gefühl ...


Ein paar Schritte weiter steht Mike Piccoli neben seinem Eiscafé "Piccola Venezia" im Alten Rathaus und hat so seine Zweifel. Stimmt schon, bislang waren die südlich der Alpen immer obenauf. Aber irgendwann seien nunmal auch die anderen dran. Piccoli hat so ein Gefühl. "Ich glaube, die haben sich das für diesmal aufgehoben." Oha! Nun also Hoffnung für die Elf von Jogi Löw? Nur bis Piccoli seinen Tipp abgibt: 1:0. Für Italien. Wieder nix.

Nicht viel besser klingen die Aussichten neben dem Rathaus. Dort sitzt Mario Bruner (Tipp: 2:1 für die Azzurri) in seinem "L'italiano" und fiebert hin auf "das Spiel der Spiele" für alle Italiener in Deutschland. Und auf die Feier danach. Schon beim Sieg gegen Spanien war beim Public Viewing vor seinem Restaurant "die Hölle los". Dass ein paar Gläser zu Bruch gingen - "egal, Hauptsache, Italien kommt weiter".


Mario Bruner mit der Flagge des Siegers - wie er meint.

Und wenn es am Samstag wieder klappt? "Dann kann sich Weiden auf was gefasst machen. Wir haben eine schöne Party vorbereitet." Wie genau, das will der 28-Jährige nicht verraten. Aber schon nach dem letzten Aufeinandertreffen 2012 sind sie mit eigens gedruckten T-Shirts, Bannern und, und, und durch die Stadt gezogen. Diesmal soll es auch wieder ein großes, friedliches Fest werden. Für die eine Seite zumindest. Der anderen wird die Angst so kaum vergehen.

Zumal es sogar eine schlüssige Erklärung gibt, warum die Italiener immer gewinnen. "Das Essen", doziert Franco De Luca und lacht. "Ich habe gehört, dass sie auch diesmal wieder einen guten Koch dabei haben." Die Magie von Pasta gegen Suppe mit Maggi - da gibt es einen klaren Favoriten für den Inhaber des Restaurants "Pegasus" am Flugplatz. Dort wird er am Samstag auch gemeinsam mit deutschen und italienischen Freunden feiern. "Und am Schluss trinken wir eine Flasche Prosecco - egal, wer gewinnt. Am Schluss bleiben wir Freunde." Klingt versöhnlich. Nur, De Lucas Tipp lautet natürlich: Sieg für Italien (2:1).


Franco De Luca mit seiner Tochter Valentina.

Ein Experte


Dasselbe Ergebnis sagt übrigens auch Michele Petese voraus, was man unbedingt ernst nehmen sollte. Denn der Weidener aus Apulien war 2012 in unserer Rubrik „EM-Tagestipp“ der Beste (weshalb er auch das Spiel vom Sonntag tippen darf: Frankreich – Island 2:0). Damals erriet er – und jetzt wird’s happig – unter anderem das 2:1 von Italien im Halbfinale. Gegen Deutschland.

Diesmal, immerhin, ist sich Petese nicht ganz so sicher. Deutschland sei eben hervorragend drauf. Italien dagegen habe ältere Spieler, Verletzungspech. Und dann sei da noch etwas, das die Deutschen bei all ihrem Fokussieren auf den Angstgegner übersehen: Siege in der Vergangenheit mögen schön sein. „Aber auch wir Italiener haben fürchterliche Angst, dass wir diesmal verlieren.“
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