Wahl-Londoner Tim Weber im Interview
„Chaotisches Durchwursteln“ nach Brexit

"Ich habe den Brexit schon seit 10 Jahren vorhergesagt. (...) Die drei Jahrzehnte an Medienlügen in den britischen Zeitungen über die EU mussten ja irgendwann mal die Hirne vergiften." Zitat: Tim Weber

Für Tim Weber war der 23. Juni ein Freudentag: Söhnchen Kai Lucas erblickte das Licht der Welt. Da trat erstmal in den Hintergrund, dass die Briten am selben Tag über den EU-Verbleib abstimmten. Mit einem Ergebnis, das dem 53-Jährigen dann natürlich überhaupt nicht gefiel - mit dem er aber schon lange gerechnet hatte. Der gebürtige Weidener, der am Kepler-Gymnasium sein Abitur erwarb, lebt und arbeitet nahezu sein halbes Leben in London. Bei BBC News Interactive war er zuletzt Leiter der Wirtschafts- und Technologie-Redaktionen. Bei Edelman, einer der weltgrößten PR-Agenturen, wirkt Weber als "Senior Vice President". Wie erlebt er die Insel nach dem Brexit-Votum?

Die Briten wirken auf uns derzeit ratlos bis chaotisch. Trügt der Eindruck?

Tim Weber: Der Eindruck der Verwirrung kommt einfach daher, dass die "Leave"-Politiker keinen Plan haben und sich sowieso sehr uneinig sind. Das ist halt eine Koalition von ganz Links und ganz Rechts, der wirtschaftlich Zu-kurz-Gekommenen, der Rassisten, der Leute, die den Medienlügen über die EU glauben, plus dazu noch ein paar nostalgische Patrioten, die "good old England" nachtrauern. Da die Konservativen eine große Mehrheit im Parlament haben, haben sie genügend Zeit, um sich politisch zusammenraufen und dann mit Volldampf in den Brexit zu schippern.

Aber kippt die Pro-Brexit-Stimmung nach dem Rückzug von Farage und Johnson nicht so langsam?

Das wäre eine Fehleinschätzung. Die Briten haben eine lange Tradition im "Jetzt erst recht"-Gefühl. Den letzten Umfragen zufolge haben nur etwa fünf Prozent der "Brexiter" ihre Meinung geändert, und das ist immer noch zu wenig, um alles herumzureißen. Selbst viele Leute im "Remain"-Camp sagen mittlerweile, dass man die demokratische Entscheidung anerkennen muss. Zwei Drittel aller Briten erwarten einer aktuellen Umfrage zufolge, dass der Brexit stattfinden wird.

Boris Johnson und Farage haben persönlich schon an Ansehen eingebuesst, aber ich wette, dass beide wieder auftauchen werden. Farage wird garantiert sehr bald bei allerlei Veranstaltungen von AfD, FPÖ, Front National und bei Geert Wilders in den Niederland zu sehen sein.

Hätten Sie es vorher für möglich gehalten, dass die Abstimmung so ausgeht?

Ich habe den Brexit schon seit 10 Jahren vorhergesagt. Allerdings hatte ich mich in der Deutlichkeit verschätzt. Ich hatte ein 58:42-Prozent-Ergebnis erwartet. Die drei Jahrzehnte an Medienlügen in den britischen Zeitungen über die EU mussten ja irgendwann mal die Hirne vergiften.

Dann glauben Sie nicht, dass der Brexit noch abzuwenden ist?

Anders als früher kann der Premierminister nicht mehr nach Lust und Laune das Parlament auflösen. Das bedeutet, dass die nächsten Wahlen frühestens 2020 stattfinden - und damit hat der nächste Premierminister genügend Zeit, auf seine konservative Mehrheit gestützt den Brexit zu vollziehen - und unter diesem Deckmantel eine sehr neoliberale Wirtschaftsordnung einzuführen.

Wie geht's also weiter? Kein neues Referendum, sondern ein ziemlich chaotisches Durchwursteln, das der britischen Wirtschaft auf Jahre schaden wird. Farage und Freunde werden mittlerweile versuchen, Länder wie Österreich, Dänemark, die Niederlande, Griechenland und vor allem Frankreich aus der EU rauszubrechen.

Welche Folgen hat der Brexit kurzfristig?

Den meisten Briten ist noch gar nicht bewusst, wie groß der Schaden sein wird. Ich habe mich erst gestern mit dem Geschäftsführer eines multinationalen Unternehmens unterhalten. Statt großes Wachstum erwartet er nun Stagnation. Er sagte mir, dass sehr viele seiner Kunden alle Investitionen erst einmal auf Eis gelegt hätten. Viele Großunternehmen würden überlegen, ihr europäisches Hauptquartier nach Dublin oder auf den Kontinent zu verlagern.

Die Chinesen haben diesen alten Fluch: "May you live in interesting times" - Mögest du in "interessanten Zeiten" leben. Die nächsten Jahre in Großbritannien werden "hochinteressant".

Ich habe den Brexit schon seit 10 Jahren vorhergesagt. (...) Die drei Jahrzehnte an Medienlügen in den britischen Zeitungen über die EU mussten ja irgendwann mal die Hirne vergiften.Tim Weber
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