Wartezeiten auf Termine in Arztpraxen
Ohne Privatpatienten läuft es nicht

Schön, dass es so etwas noch gibt: die manuelle Untersuchung mit dem Stethoskop. Bild: dpa

"Ernüchternd" nennt der 2. Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer, Dr. Wolfgang Rechl, die Wartezeiten für Kassenpatienten von durchschnittlich 32 Tagen. "Alle medizinischen Notfälle werden jedoch sauber abgearbeitet." Der Ärztefunktionär räumt ein, dass Privatpatienten die Praxen "teilweise quer finanzieren".

Weiden/Amberg. Die Erhebung im Auftrag der Bundestagsabgeordneten Doris Wagner (Bündnis 90/Die Grünen) aus München löst ein stürmisches Echo aus. Als Vizepräsident der Landesärztekammer regt Dr. Rechl gegenüber unserer Zeitung an, die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) "in bestimmten Bereichen zu hinterfragen". Denn die Versorgung sei im Detailbereich - wie bei Hautärzten in der nördlichen Oberpfalz - "nicht optimal gelöst". Rechl betrachtet die Erhebung aber "nicht als Gebet": "Andere Studien kommen zu anderen Ergebnissen."

Wie berichtet, harrt ein gesetzlich Versicherter bei einem Hautarzt im Einzelfall 200 Tage auf einen Termin, der Privatversicherte bekommt ihn innerhalb von 2 Tagen.

Auch der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands Amberg, Dr. Wolfgang Knarr, hält die Finanzierung der Praxen durch Privatpatienten für "unbedingt notwendig". Bei dringlichen Fällen und bei der medikamentösen Behandlung komme es allerdings zu keinen Unterschieden zwischen Privat- und Kassenpatienten. Die lange Wartezeit für gesetzlich Versicherte beurteilt Dr. Knarr "zumindest im Raum Amberg-Sulzbach als nicht nachvollziehbar". Viele der von unserer Zeitung befragten (Fach-)Ärzte räumen hinter vorgehaltener Hand ein, dass sie ohne Privatpatienten "wirtschaftlich nicht überleben können" und beklagen die Kleinkrämerei der Krankenkassen. "Da liegt es auf der Hand, dass ein Privatpatient bei Wunschterminen bevorzugt wird."

Diplomatisch äußert sich Dr. Rechl zu diesem "schwierigen, vielschichtigen Thema": "Für zahlreiche Praxen ist eine Finanzierung ausschließlich über die Kassen grenzwertig." Denn ein Privatpatient unterliege nicht der pauschalen Budgetierung, sondern individuell der Gebührenordnung. Die gesetzlichen Krankenkassen würden sich als "Solidargemeinschaft" verstehen, wo der "Gesunde den Kranken mit finanziert". Gerade im Raum Weiden hat sich die Lage bei den Hautärzten dadurch verschärft, dass zwei Dermatologen ihre Kassenzulassung zurückgaben und nur noch Privatpatienten behandeln.

Nur Anrufbeantworter


Wer sich zwischen Weihnachten und Dreikönig akut eine Haut- oder Geschlechtskrankheit zuzieht, hat sowieso Pech: In fast allen Hautarztpraxen der mittleren und nördlichen Oberpfalz läuft der Anrufbeantworter. Er verweist in "dringenden Fällen" auf den Hausarzt, den ärztlichen Notdienst oder das Klinikum Weiden oder die Hautklinik am Uni-Klinikum Regensburg.

Im Zweifelsfall müssen dann die Patienten 100 Kilometer zum Hautarzt anreisen. Falls sie auf die Schnelle überhaupt einen Termin erhalten.

Gesetzliche und private KrankenversicherungEtwa 85 Prozent der Deutschen sind gesetzlich krankenversichert, 11 Prozent privat. In der privaten Krankenversicherung (PKV) stiegen die Beiträge seit 2000 im Schnitt um 3,8 Prozent pro Jahr. Der durchschnittliche Höchstbeitrag in der gesetzlichen Krankenversicherung nahm im selben Zeitraum jährlich um 2,5 Prozent zu. Eine Ursache hierfür besteht darin, dass die PKV relativ gesehen höhere Kosten für die Versorgung ihrer Versicherten aufbringen muss. So gilt in der PKV die bevorzugte Behandlung ihrer Versicherten als "Markenkern". (cf)

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"Ich habe heuer auf einen Termin beim Facharzt über 3 Monate warten müssen, trotz unerträglicher Schmerzen, finde es eine Frechheit einen Unterschied zwischen Privat- und Kassenpatienten zu machen. Habe seit über 10 Jahren Depressionen, Termin beim Nervenarzt bekam ich auch erst nach 4 Monaten Wartezeit, da kann es für manche Patienten schon zu spät sein und sie haben vorher schon Suizid begangen." Ingrid Reil

"Auch wenn wir es alle nicht gerne wahr haben wollen ist Medizin letztendlich ein Wirtschaftszweig wie so viele andere auch. Und letztendlich geht es darum die monatlichen Kosten zu decken und entsprechenden Gewinn zu erwirtschaften. Und wenn für einen Privatpatienten das bis zu 2,3-fache abgerechnet werden kann dann liegt der Fehler meines Erachtens nach nicht beim Arzt sondern am System." Alexander Grundler

"Kumpel und ich haben am selben Tag (unwissentlich voneinander) einen Termin beim Augenarzt gemacht ... Er Privat, ich Kasse, er zwei Tage, ich viereinhalb Monate." Christian Hölzel

"Kann als privat Versicherter nicht meckern ... Private Kassen müssen allerdings auch keine Hartz4ler und Asylanten mit finanzieren ... Kommt bestimmt auch noch ... Dann bricht das System endlich ganz zusammen ... Mal so als Tipp ... Fragt mal euren Arzt, wer die Kosten der Praxis hauptsächlich finanziert ..." Jörn Derl

"Es gibt Ärzte, die aus Überzeugung und dem Bedürfnis, ihren Patienten zu helfen, praktizieren ... und es gibt leider eine Mehrheit, die einzig um des Geldes Willen ihren oft zweitklassigen Job machen .... wer alles nur um des Geldes willen tut, wird bald um des Geldes Willen alles tun." Michael Söllner
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