Weidener fährt mit dem Rad vom Zillertal nach Messina
Wolfgang Stöckl fährt den Stiefel runter

Beim Start im Zillertal. Der Rahmen des Rads verriet aber sofort, wo Stöckl eigentlich herkommt. Bild: hfz

Wie lang ist der italienische Stiefel? Wolfgang Stöckl weiß es genau. Er hat ihn bei einer Tour alleine mit dem Rennrad vermessen.

Weil's mit dem Nordkap nichts wurde, entschied sich Wolfgang Stöckl für Süditalien. Beim Ziel zeigte sich der Rothenstädter flexibel, bei der Reise bewies er dann jene Zielstrebigkeit, die ihn unter anderem die Silbermedaille bei den Paralmypics einbrachte: Ganz allein durchquerte Stöckl per Fahrrad Italien von Nord nach Süd. Neun Etappen führten den 49-Jährigen vom österreichischen Zillertal an die Stiefelspitze nach Messina. Über den Brenner ging es durch Südtirol und vorbei am Gardasee. Nach der Poebene überquerte der Extremsportler die Hügel der Toskana und Berge des Apennins. Sein Weg führte ihn durchs römische Verkehrschaos ans tyrrhenische Meer. Entlang der Küste erreichte er sein Ziel mit Blick auf Sizilien. 1682 Kilometer hatte er bei der Ankunft auf dem Tacho und 13 949 Höhenmeter überwunden.



Am Beginn stand ein Sturz. "Ich wollte ursprünglich im Juni oder Juli ans Nordkap", erzählt Stöckl. Im Mai setzte ihn der Unfall außer Gefecht. "Ich hatte mir meinen Armstumpf gebrochen." Für "Plan A" reichte die Trainingszeit nicht mehr, soweit in den Norden ist eine Radtour nur bis Anfang August möglich. Bei der Suche nach Plan B stieß Stöckl im Internet auf die Italien-Tour. "Ich hatte einen Urlaub mit der Familie im Zillertal geplant. Deshalb fuhr ich gleich dort los." Und weil Mitte September kein Sportkamerad Urlaub hatte, startete er eben alleine.

Kein Wort über den Arm


Wenn Stöckl von der Reise erzählt, verliert er über seine Behinderung kein Wort. Man muss schon nachfragen, um zu erfahren, dass es die Behinderung natürlich nicht leichter mache. "Das waren meist ganz banale Dinge", sagt Stöckl. "Ich musste jeden Tag meine Wäsche per Hand waschen und auswringen, damit sie schnell trocken wird." Mit nur einer Hand sei das natürlich schwer. Ans Fahren mit Prothese sei er gewöhnt, allerdings nicht an 12-Stunden-Tage auf dem Rad. Wegen der langen Zeit und der oft schlechten Straße habe das Carbon der Prothese bald die Haut an der linken Schulter verletzt. "Als es zu bluten begann, habe ich ein Pflaster drauf und mit Tape abgeklebt."

Wirklich hart habe die Tour aber die Kombination aus Wetter, schlechter Straßen und teils wahnsinnigem Verkehr gemacht. Der Spätsommer war auch in Italien ungewöhnlich heiß, so dass sich Stöckl bei beinahe 40 Grad über miese Straßen quälte. Negativer Höhepunkt war die Fahrt durch die Hauptstadt: "Die Straßen und der Verkehr in und um Rom waren total verrückt." Als er versehentlich auf die Autobahn geriet, habe er um sein Leben gezittert. Auch in Neapel haben "die Straßen diesen Namen nicht verdient". Drei Tage vor dem Ziel wachte er dann auch noch schlapp und mit kratzendem Hals auf und plötzlich kamen die Zweifel. "Meine Freunde vom VC Corona haben mich per Whatsapp vom Weitermachen überzeugt."

Vor allem haben sich aber die schönen Momente eingeprägt: gutes Essen, perfekter Kaffee, neue Freunde. Nachdem er ganz Italien gesehen hat, kann er auch sagen, wo das Land am schönsten ist: "Am besten hat es mir entlang der Amalfi-Küste gefallen." Die Strecke südlich von Neapel entlang des Mittelmeers habe ihn an Kalifornien erinnert. Immer war Stöckl auch nicht alleine unterwegs. Besonders die neunte Etappe blieb in Erinnerung. Eine Gruppe einheimischer Rennradfahrer, lud ihn ein, ihren Windschatten zu nutzen. Mit ihnen besuchte er die besten Eisdielen und Cafébars der Region. "Es war wie bei einer Sonntagsausfahrt daheim, und am Ende hatte ich fünf neue Freunde aus Calabrien."

In Gedanken ans Nordkap


Wofür er mit den Rad neun Tage gebraucht hatte, erledigte der Zug auf der Rückfahrt in 26 Stunden. Das Verkehrsmittel habe er bewusst gewählt. "Ich bin mit dem Rad oft entlang der Schienen gefahren." Auf der Rückfahrt bot der Blick aus dem Fenster die Möglichkeit, die Tour zu verarbeiten, die Erinnerungen nochmals zu genießen. Ein bisschen dachte Stöckl aber auch ans Nordkap. Denn diese Tour steht noch aus.
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