Weidener Familie schreibt mit Freunden und Verwandten 24 Tage im Dezember bis Weihnachten an ...
Für jeden Adventstag eine mehr oder weniger süße Geschichte

Bettina und Jürgen Hahn haben alle Adventsgeschichten, die sie Jahr für Jahr mit Familie und Freunden schreiben ausgedruckt. Zu Beginn gingen die Texte per Fax an die Mitautoren, heute klappt das samt Bildern per Mail. Bild: ui

Der Adventskalender füllt sich jeden Tag neu mit einer mehr oder weniger süßen Geschichte. Verantwortlich sind Schreiber aus ganz Deutschland. Für viel Verwirrung unter ihnen sorgte das Christkind.

Istanbul, Israel, aber auch der Schafferhof in Windischeschenbach, Neualbenreuth und der Teilchenbeschleuniger in Genf dienten als Kulisse für die Adventsgeschichte von Familie Hahn, ihren Verwandten und Freunden. Mal ging es lustig zu, mal ernst, mal fast kriminell. Es gab Erzählungen, in denen die Kinder der Beteiligten zwischen dem 1. und 24. Dezember Abenteuer bestanden und solche in denen "Girasol" von Pfarrerin Stefanie Endruweit und andere Hunde der Schreibergruppe die Hauptakteure waren.

"'Ludwig! Wenn ein Hund ins Haus kommt, zieh ich aus.' Oma Sabine raunzte ihren Mann mit bitterbösem Blick an." Die beiden Hobbyautoren, die selbst Akteure in der Geschichte vor einigen Jahren waren, wohnen in Kastellaun im Hunsrück. Vor 25 Jahren initiierte Bettina Hahns Vater Ludwig Geissbauer von Brüssel aus die Adventsgeschichten mit seinen beiden Kindern. Die waren damals endgültig aus dem Haus und in der ganzen Welt bis Neu Delhi und Detroit unterwegs.

Der ehemalige Oberstleutnant bei der Bundeswehr schickte an die frischverheiratete Bettina einen selbst gebastelten Weihnachtsbären-Hampelmann. "Weil nun die Geschichte am Ende etwas traurig anmutet, und es doch eine lustige Geschichte sein soll, gibt es am Weihnachtsbären einen Faden, der ihn jederzeit wieder zum fröhlichen Leben erweckt", endete die dazu passende von ihm selbst verfasste Erzählung.

Ein paar Jahre später griff Ludwig, bis vor kurzem stellvertretender Bundesvorsitzender der Tafel e.V., die Idee wieder auf. "Es war Sonntag, der 1. Dezember, 0 Jahre vor Christi Geburt", schrieb er damals per Fax an Bettina und ihren Bruder Reinhard. Darunter stand eine Einteilung, wer an welchem Tag weiterschreiben sollte und die Bitte, das Fax abends zwischen 20 und 22 Uhr anzulassen.

"Mein Vater war schon immer ein Geschichtenerzähler", erinnert sich Bettina Hahn, die damals in Würzburg wohnte. Seit einigen Jahren ist die Religionspädagogin, die zuvor in Regensburg wohnte, in Weiden heimisch. "In der fantastischen Geschichte 1996 gab es einen Rundgang durch den Himmel und eine große Zeitmaschine, bei der der einjährige Christian den Stecker zog."

Über Kontinente verbunden


Regelmäßig gibt es die Adventsabenteuer erst ab 2004. Schon 2005 erweiterten Paten der mittlerweile drei Hahn-Kinder und andere Freunde die Autorengruppe. "Die Geschichten sind immer auch eine Möglichkeit, Nähe zu schaffen trotz räumlicher Entfernungen und Erlebnisse fantasievoll, künstlerisch, emotional, und literarisch zu teilen", urteilt Bettinas Ehemann Jürgen, der im Weidener Klinikum als Neurologe arbeitet. Nahezu alle Mitschreiber haben wie die Hahns oft den Wohnort gewechselt.

In Röttenbach im Landkreis Erlangen-Höchstadt schafften es Svenja, Sabine und Uwe Hentschel schon mehrmals als Schlussautoren die oft verworrenen und manchmal wenig zusammenhängenden Handlungsstränge am Heiligen Abend zusammenzubinden.

Sechs Familien


Gerda Neeb in Wiesbaden hat sich in diesem Jahr aus der aktiven Riege ausgeklinkt, liest aber täglich mit. "Zuviele Schreiber erhöhen die Gefahr des Verlustes des Handlungsstranges", meint Jürgen. Das Optimum scheint bei fünf bis sechs zu liegen. In diesem Jahr hat er die Reihenfolge für sechs Familien festgelegt.

Unruhe brachte vor ein paar Jahren das Christkind in die Adventsschreiber. Per E-Mail kommentierte es inkognito einzelne Episoden. Mittlerweile hat sich der Spuk gelichtet, den sich einer der Verfasser mit einem fingierten Mailabsender christkind@... erlaubt hatte.

"Unsere Geschichte gehört zu unserem Advent dazu, wie der Kranz, Plätzchen und das Vorlesen am Abend. Sie fehlt, wenn sie nicht da ist", meint Sabine Hentschel. Manchmal sei es Stress, zu schreiben, wenn man dran sei und eigentlich gar keine Zeit habe. "Doch wenn wir dann gemeinsam oder einzeln die Fantasie auf die Reise schicken, macht es wieder Spaß."

Die Erzählungen sind nicht immer stringent. Jeder Beteiligte, von denen sich manche noch nie persönlich begegnet sind, hat seinen eigenen Stil. "Es macht nichts, dass Widersprüche in der Geschichte sind. Grammatik- und Rechtschreibfehler verzeiht jeder", berichtet Jürgen.

Wie Ehefrau Bettina wartet er täglich auf die nächste Geschichte. "Ich will wissen, wie es weitergeht und bin wie ein kleines Kind", bekennt die 49-Jährige. Als ihre zwei Söhne und die Tochter noch kleiner waren, haben sie an den Adventsabenden eine Kerze angezündet und zusammen die Geschichte gelesen. "Seitdem sie größer sind, sind sie mal mehr, mal weniger an der Fortsetzung interessiert."

Geschenke im Briefkasten


"Olpe wäre falsch", begann der Text in diesem Jahr. Ob daraus wieder eine Reiseerzählung, ein Fantasiebericht oder ein Krimi wird, wusste am 1. Dezember auch von den Beteiligten noch niemand. Ob es im Fortgang der Geschichte Rätsel, Gedichte, Bilder, Geschenke im Briefkasten oder andere Überraschungen gibt, bleibt der Fantasie der Adventsgeschichtenschreiber überlassen. Nur eines ist schon klar: Am 24. Dezember kümmert sich Jürgens Schwester Birgit in Burscheid bei Leverkusen um die letzte Episode für 2015.
Weil nun die Geschichte am Ende etwas traurig anmutet, und es doch eine lustige Geschichte sein soll, gibt es am Weihnachtsbären einen Faden, der ihn jederzeit wieder zum fröhlichen Leben erweckt.Ludwig Geissbauer
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