Weidenerin hadert mit Brexit
Ihre Suchanfrage: Zukunft

Ulrike Gupta und ihr Sohn Lukash steuern jeden Tag die U-Bahn-Station Bushey an. Bis die Mutter den Junior unterwegs in die Kita gebracht hat und an ihrem Arbeitsplatz in London sitzt, vergeht keine Stunde. Im Großraum der Metropole ist das für Pendler ein Klacks. Bild: exb

Am Elly-Heuss-Gymnasium trifft sich am Wochenende der Abiturjahrgang 1997. Mit dabei ist Ulrike Gupta, die in England lebt. Wie bei Schulabschlussreden gerne prophezeit, steht ihr tatsächlich die Welt offen. Doch so einfach ist das im Alltag gar nicht, wenn die Politik dazwischenfunkt.

"Der Brexit ist für uns eine Katastrophe", sagt die 39-Jährige. Ulrike Gupta, geborene Wällisch, Mutter von zwei Kindern, verheiratet mit einem Inder, arbeitet bei Google in London. Das allein bedeutet nicht gerade üppige Freizeit, doch der Weidenerin sind schon in einem kurzen Gespräch Power und eine positive Lebenseinstellung anzuhören.

Wie viele Kontinentaleuropäer in Großbritannien macht sie sich zurzeit verstärkt Gedanken über ihre Zukunft. "Das ist jeden Tag Thema in der Kantine." Gerüchte wabern. Da hat einer angeblich als Europäer keine Hypothek für sein Haus bekommen, weil die Bank zweifelt, ob er bleiben darf. Freunden, die bei Banken arbeiten, werden Arbeitsverträge mit immer kürzeren Vertragslaufzeiten angeboten. Brexit, you know.

Überall im Land macht sich das Gefühl breit, dass keiner recht weiß, wie es weitergehen soll. "Was früher für mich das Weidener Rathaus war, ist heute für mich die deutsche Botschaft. Das ging eigentlich immer ganz schnell. Aber als ich vor kurzem für meinen Sohn einen neuen Pass gebraucht hab, damit wir die Großeltern in Indien besuchen können, hat das vier Monate gedauert. Vorher war so was eine Sache von zwei bis drei Wochen." Diese Unsicherheit hat auch die Engländer erfasst. Das hat die Google-Vertriebsingenieurin als eine der ersten mitbekommen. "Nie hatten wir vor der Abstimmung so oft die Suchanfrage ,Was ist die EU?' wie am Tag nach dem Referendum."

Was das für Ausländer heißt, wird bei Behördengängen deutlich. Nach fünf Jahren konnte man bislang die "permanent resistance" beantragen. "Das ist ein 85-Seiten-Dokument, das hat man als EU-Europäer eigentlich nicht gebraucht, aber plötzlich wollen das alle, weil man damit an den britischen Pass kommen kann. Die zuständigen Stellen werden überrannt."

So etwas stresst, ohne dass es die Briten bei ihren Mitbürgern so wahrnehmen. "Auf meinem Postamt arbeitet ein 50-jähriger Brite mit indischen Wurzeln, der den Brexit toll findet. Als ich ihm gesagt hab, dass ich nun vielleicht eines Tages ausgewiesen werden könnte, hat er nur gemeint: Das betrifft doch nicht dich."

Alt gegen Jung


In der Tat sind Ulrike Gupta und ihr Mann Yogesh, ein Verfahrenstechniker, hochqualifiziert. Solche Mitbürger gibt kein Land gerne her. Und wenn doch? Jüngere Engländer sorgen sich sehr um ihre Wirtschaft und fürchten Barrieren wie Visapflicht bei Reisen, hat die Weidenerin beobachtet. Die Älteren leben dagegen die "Wir-haben-schon-ganz-andere-Dinge-geschafft"-Mentalität vor. Das ist mitunter nicht immer angenehm. "Ein paar Tage nach dem Brexit-Votum war ich mit meinem Sohn beim Arzt und habe mit ihm im Wartezimmer deutsch gesprochen. Da haben einige schon feindselig geschaut. Das kannte ich vorher nicht", berichtet die Elly-Absolventin. Sie und die Kinder sind nach wie vor Deutsche, ihr Mann Inder. Sohn Lukash (2) und Tochter Neena (1) werden dreisprachig erzogen. Die Frage, Briten zu werden, stellte sich bislang nicht. München stand mal zur Disposition. "Aber dann haben wir uns für London entschieden, weil dort eine große indische Community lebt. Das ist für meinen Mann etwas leichter."

"Irgendwie ein Affront"


Auch Ulrike liebt ihr Leben auf der Insel. Der Job ist spannend, der Arbeitgeber bietet flexible Zeiten inklusive Massagen, Fitness-Studio und "der besten Küche der Stadt in der Kantine" an. Wie viele Kontinentaleuropäer empfindet sie den Brexit dennoch "irgendwie als Affront". "So wie meine griechische Freundin. Sie hat gesagt: Ich überlege mir zurückzugehen, auch wenn es in meinem Land überhaupt nicht gut läuft."

Die Guptas sitzen nicht auf gepackten Koffern, Ulrike vermisst trotzdem einiges aus Deutschland. "Ich lass mir Puddingpulver und Kräutertees schicken, das ist hier nicht so gut oder sehr teuer." Dafür sei England ein Klamottenparadies: schick, gute Qualität, relativ günstig. "Aber mein Mann liebt Shopping in Weiden. Wenn wir alle vier Monate da sind, kauft er jedes Mal Schuhe."

Zur PersonUlrike Gupta ist am Hammerweg aufgewachsen. Ihr Vater ist ein früherer, sehr geschätzter Kollege beim "Neuen Tag", die Mutter arbeitete bei einem Augenarzt. Nach dem Abitur studierte Ulrike in Dresden und Würzburg Wirtschaft und Geografie und spezialisierte sich auf "Global City Studies". Damit schaffte sie als Stipendiatin den Sprung nach Loughborough an eine der renommiertesten Unis auf diesem Gebiet. Während dieser drei Jahre in Mittelengland lernte sie ihren Mann kennen. Es folgten Stationen in Paris, Rotterdam und Breda. In Holland arbeitete sie bei einer Firma für Navigationssysteme, für die sie globale Verkehrsströme analysierte. 2012 fing sie in London im Vertrieb für Google Maps an. Nach einem Jahr Elternzeit wechselte sie zu Google G-Suite, einem E-Mail-Verwaltungssystem für Unternehmen. Heute betreut sie die Google-Cloud-Plattform. Die Familie lebt in Bushey nördlich von London. "Mit einem Mal umsteigen und die Kinder in die Kita bringen bin ich unter einer Stunde am Arbeitsplatz. Das ist echt schnell für London." Bushey gilt deshalb als zweitbeste Pendlerstadt Englands. Fußballfans können ihre Lage einordnen: Das Stadion des FC Watford liegt in Hörweite zum Haus der Guptas. (phs)


Nie hatten wir vor der Abstimmung so oft die Suchanfrage ,Was ist die EU?' wie am Tag nach dem Referendum.Google-Mitarbeiterin Ulrike Gupta über den Brexit
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