Wenn das Handy im Auto mitfährt
Im Blindflug

Der Blick aufs Handy am Steuer ist für zehn Prozent aller Verkehrsunfälle verantwortlich. Archivbild: dpa
 
60 Euro Bußgeld und ein Punkt in Flensburg – damit muss rechnen, wer am Steuer sein Handy benutzt. Schlimmer noch: Der Blick auf’s Handy ist für jeden zehnten Verkehrsunfall verantwortlich. (Foto: dpa)

Wer als Fahrer sein Handy im Auto benutzt, riskiert neben Unfällen auch ein sattes Bußgeld. Erstaunlich: Die Polizei registriert weniger Verstöße in der Oberpfalz.

(esa/dpa) Hand und Ohr sind am Mobiltelefon, die Gedanken beim Gesprächspartner. "Krachen tut's immer wieder", sagt der Weidener Hauptkommissar Ingmar Wenisch über Unfälle, die Autofahrer verursachen, weil sie während der Fahrt das Handy bedienen. Das Mobiltelefon ist zu einem ständigen Begleiter geworden. Auch für Autofahrer. Es wird telefoniert, getippt, gechattet, gewischt. Doch das ist verboten. Die Polizei hat ein Auge darauf.

"In letzter Zeit haben wir schon festgestellt, dass immer mehr Pkw- und Fahrradfahrer am Steuer das Handy benutzen", sagt Günther Burkhard, Polizeihauptkommissar in Neustadt/WB. Regelmäßig sehe er Kinder und Jugendliche auf dem Weg zur Schule, wie sie freihändig Radfahren und mit dem Handy spielen. Auch Kopfhörer sind im Straßenverkehr verboten. Wenn die Beamten einen Fahrer dabei ertappen, sind die Reaktionen sehr unterschiedlich: "Manche Leute geben es sofort zu und sehen ihren Fehler ein, andere leugnen es und wieder andere sind uneinsichtig", sagt Burkhard.

Mehr Männer ertappt


Anders als Burkhard registrierte das Kraftfahrtbundesamt weniger Verkehrssünder, die ihr Handy während der Fahrt benutzen. Seit 2011 seien die Verstöße um 18 Prozent von rund 443 000 auf 363 000 zurückgegangen, teilte die Behörde mit. In Bayern sanken die Fallzahlen in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 30 Prozent. Bundesweit hat die Polizei mehr Männer (Dreiviertel der Verstöße) als Frauen mit dem Mobiltelefon ertappt.

Im Jahr 2012 hat die Polizei in der Oberpfalz 3731 Autofahrer mit dem Handy am Ohr erfasst. 2015 waren es knapp 800 weniger (2935 Verstöße). Laut Albert Brück, Pressesprecher des Polizeipräsidiums, bedeutet die geringere Zahl jedoch nicht, dass die Autofahrer braver geworden sind. Wegen der Großeinsätze der Polizei im vergangenen Jahr - beim G7-Gipfel in Elmau und bei der Ankunft von Hunderttausenden von Flüchtlinge im Herbst - waren weniger Polizisten bei Verkehrskontrollen im Einsatz, erklärt er.

Wie viele Autofahrer einen Unfall verursachten, weil sie vom Handy abgelenkt waren, kann Brück nicht sagen. Diese Daten würden nicht erfasst. Der ADAC schätzt, dass jeder zehnte Unfall in Deutschland auf unzulässige Handy-Nutzung am Steuer zurückzuführen sei. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Laut Europäischem Verkehrssicherheitsrat steigt das Unfallrisiko um das 23-fache, wenn der Fahrer vom Handy abgelenkt ist.

Mega-Risiko SMS


"Sie können sich vorstellen, was passiert, wenn man bei Tempo 50 ein paar Sekunden nicht auf die Straße schaut", sagt Wenisch. Zwei Sekunden Ablenkung bei Tempo 50 bedeuten mehr als 27 Meter "Blindflug": eine Fahrt ohne Blick des Fahrers auf die Straße. Schreibt ein Autofahrer eine SMS, verlangt dies laut einer Studie der Technischen Universität Braunschweig 70 Prozent seiner Aufmerksamkeit. Einem Telefonat schenkt er rund 62 Prozent. Wie schlimm die Unachtsamkeit enden kann, zeigt ein Fall aus Stuttgart: Im August 2014 fuhr eine 19-jährige mit ihrem Auto auf einer Landstraße und tippte auf ihrem Handy. Zwei Radfahrer hatte sie dabei übersehen, einer starb. Die Ermittler werteten ihr Mobiltelefon aus. Das Landgericht Stuttgart verurteilte die Frau wegen Mordes und Fahrerflucht zu zwei Jahren auf Bewährung.

Das Mobiltelefon nur in der Hand zu halten, ist bereits strafbar. Burkhard rät: "Rechts ranfahren und den Motor ausschalten." Erst dann ist es erlaubt, das Handy zu bedienen. Ein Telefonat über eine Freisprechanlage ist immer erlaubt. Trotzdem können Autofahrer durch ein Gespräch vom Verkehr abgelenkt werden.

Gezielte Aktionen


Wie oft die Polizei Autofahrer kontrolliert, wird nicht erfasst. "Eine allgemeine Statistik zur Anzahl der Verkehrskontrollen führen wir nicht", sagt Brück. Die mit Verkehrsaufgeben befassten Dienststellen kontrollieren allgemein. Manchmal gebe es auch gezielte Aktionen zur Handynutzung, so Brück. Für die Polizei in Baden-Württemberg ist es seit Kurzem ein Schwerpunkt, gegen die Nutzung des Handys am Steuer zu kämpfen.

BußgeldFahrer, die mit Handy in der Hand ertappt werden, erhalten von den Polizisten mahnende Worte. Sie müssen 60 Euro Bußgeld bezahlen und bekommen einen Punkt in der Zentralen Verkehrssünderdatei in Flensburg. Fahrrad zu fahren und gleichzeitig das Handy in der Hand zu halten kostet 25 Euro Strafe. Kassiert wird bei den Kontrollen meist vor Ort. (esa)


Sie können sich vorstellen, was passiert, wenn man bei Tempo 50 ein paar Sekunden nicht auf die Straße schaut.Hauptkommissar Ingmar Wenisch aus Weiden
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