Widersprüche bei Zeugenaussagen
Wenn die Erinnerung lügt

TV-Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, mit der Nummer 7) hat im "Tatort" Verstärkung, um parallel Zeugen zu befragen. Auch in der Realität gehen Beamte bei einem Fall mit vielen Zeugen so vor. Bild: BR/X Filme/Hagen Keller

Weiden/Amberg. Den Ermittlern in der Oberpfalz geht es häufig wie es den Münchener "Tatort"-Kommissaren Ivo Batic und Franz Leitmayr im Fernsehkrimi am Sonntag: Im Film wird ein Mann vor einem Supermarkt ermordet, es gibt sehr viele Zeugen. Doch ihre Aussagen könnten nicht unterschiedlicher sein. "Das ist oft so, wenn es mehrere Zeugen gibt", erklärt Ernst Wager, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Auch für echte Polizisten ist das ein Problem.

"Das menschliche Gehirn filtert, es kann nicht alles aufnehmen", erklärt Wager die geistige Selektion der Informationen. Gibt es bei einem Unfall oder einem Gewaltverbrechen mehrere Zeugen, die die Tat gesehen, aber unterschiedliche Eindrücke haben, stelle das "in der Regel ein Problem für die Ermittler" dar. Bei mehreren Beobachtern gebe es oft eine große Bandbreite von Schilderungen und enorme Unterschiede bei der Beschreibung des Täters, zum Beispiel beim Alter oder der Kleidung. Auch bei Unfällen können sich die Zeugen manchmal nicht mehr richtig erinnern, ob ein Auto beispielsweise von rechts oder links kam, erläutert der Pressesprecher. "Es ist dem Menschen immanent, dass jeder eine andere Wahrnehmung hat", sagt Wager.

"Die Wahrnehmung ist eine subjektive Sache", stimmt Stefan Blendl, stellvertretender Seminarleiter des 21. Ausbildungsseminars an der Fachhochschule für Verwaltung und Polizei in Sulzbach-Rosenberg, zu. Seine Kollegen aus dem Bereich Kommunikation und Konfliktbewältigung gehen auf die unterschiedliche Wahrnehmung im Unterricht ein, erläutert Blendl. Die Beamten in Ausbildung erfahren bei einer Übung selbst, wie leicht ihre Erinnerung sie trügt: Einige junge Beamte sehen einen Film an. Ihre Mitschüler, die den Streifen nicht kennen, befragen sie danach dazu. Auch da fallen die Aussagen sehr unterschiedlich aus. Abschließend sehen sich alle den Film noch einmal an und prüfen die Beobachtungen, berichtet der stellvertretende Seminarleiter.

Fäuste oder Füße?


Harald Menzyk, stellvertretender Leiter der Kripo Amberg, kann sich an einen Fall erinnern, bei dem ein Täter das Opfer mit den Fäusten geschlagen und mit den Füßen getreten hatte. Unbeteiligte Zeugen der massiven Körperverletzung waren sich nach der Tat nicht einig, ob der Täter überhaupt mit den Füßen zutrat. "Die Lage wurde von den Zeugen um 180 Grad gedreht", sagt Menzyk. Der stellvertretende Leiter der Kripo Weiden, Hans Widder, kann sich spontan an keinen Fall erinnern, bei dem die Ermittler durch Zeugenaussagen eine falsche Fährte aufnahmen. Auch er sagt, dass die Wahrnehmung sich immer von der Realität unterscheiden könne. "Das passiert einem selbst, wenn man aufgefordert wird, eine Person zu beschreiben, die man kürzlich gesehen hat. Das ist ganz schwer. Man sieht etwas, das gar nicht da war", erzählt Widder.

Kernaussagen suchen


Um eine Vielzahl an unterschiedlichen Beobachtungen zu vermeiden, arbeiten zu Beginn eines Falls so viele Beamte wie möglich an der Aufklärung, berichtet der Pressesprecher. Es finden dann "parallele Vernehmungen, parallele Spurensicherungen" statt, damit sich Zeugen nicht unterhalten oder auf Facebook über einen Unfall oder ein Verbrechen informieren, erklärt er. Gibt es Beobachter, deren Aussagen sich widersprechen, versuchen die Ermittler, herauszufinden, ob sich eine gemeinsame Richtung erkennen lässt oder es Kernaussagen gibt, die sich wiederholen, sagt Wager.

So gingen auch die "Tatort"-Kommissare Leitmayr und Batic im Film vor. Den Mörder haben sie in 90 Minuten dennoch nicht gefunden. Doch der Fall wird die Ermittler im nächsten "Tatort" aus München einholen. Der Krimi "Der Tod ist unser ganzes Leben" soll 2017 in der ARD laufen. Des Sender veröffentlichte auf seiner Homepage den Teaser.
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