Wie arbeiten und deutsche und tschechische Rettungskräfte zusammen?
Grenzenlose Hilfe

Gemeinsame Katastrophenschutzübungen erleichtern die Zusammenarbeit im Ernstfall: Im Juni 2015 stellten die Rettungsdienste aus dem Karlsbader Kreis und aus Tirschenreuth im tschechischen Asch ein Zugunglück mit 32 Verletzten nach. Bild: Rettungsdienst Tirschenreuth

Mit den Österreichern hat die Notfallrettung beim Zugunglück in Bad Aibling bestens funktioniert. Wie sieht es aus, wenn im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet eine Katastrophe passiert?

100 österreichische Einsatzkräfte waren nach dem Zugunglück von Bad Aibling zur Stelle. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nannte die nachbarschaftliche Hilfe "hervorragend". Würde die Zusammenarbeit bei einem Großeinsatz an der deutsch-tschechischen Grenze ebenso reibungslos funktionieren?

"Ja", sagt Manfred Maurer, Leiter des Rettungsdienstes im BRK-Kreisverband Tirschenreuth. Im Falle einer Großschadenslage greife die Nachbarschaftshilfe, die den Einsatz von Kräften aus einem anderen Land regelt. Mindestens zwei Mal im Jahr würden solche Szenarien mit den tschechischen Kollegen geprobt.

Viele Fragen offen


Anders sieht es hingegen bei alltäglichen Rettungseinsätzen aus. Wenn etwa ein Deutscher, der im tschechischen Franzensbad kurt, plötzlich schwer erkrankt und in eine deutsche Klinik transportiert werden soll, sind viele rechtliche Fragen offen. Wer würde die Kosten für einen tschechischen Rettungsdienstler übernehmen? Würde er auf deutschem oder auf tschechischem Niveau bezahlt? Darf er mit Medikamenten an Bord über die Grenze fahren? Wie ist er versichert, wenn er mit Blaulicht auf deutschem Boden einen Unfall verursacht?

Um diese Fragen zu klären, ist eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Freistaat Bayern und Tschechien geplant. Manfred Maurer, der in einer Arbeitsgruppe der grenznahen Rettungsdienste an dem Vertragswerk mit gefeilt hat, erklärt im Gespräch mit unserer Zeitung, dass die gemeinsamen Ziele und Lösungen festgesteckt sind. Zum Thema Kosten gebe es etwa den Vorschlag, dass beide Seiten auf eine Erstattung verzichten.

Allein: Unter der Kooperationsvereinbarung fehlen die Unterschriften der beiden Regierungen. Maurer verweist in diesem Zusammenhang auf die häufigen Regierungswechsel auf der tschechischen Seite. "Das ist im Aufgabenstapel wohl immer weiter nach unten gerutscht." Verwunderlich ist dabei allerdings: Mit Sachsen hat Tschechien mittlerweile einen entsprechenden Kooperationsvertrag abgeschlossen. Solange der Vertrag nicht unterzeichnet ist, kommt es an der Grenze zu einer kuriosen Situation, wie Herbert Putzer, Leiter der Integrierten Leitstelle Nordoberpfalz in Weiden, berichtet. Wenn etwa ein Deutscher einen Unfall auf tschechischer Seite hat, bringt ihn der tschechische Rettungsdienst bis zur Grenze, wo er in einen bayerischen Rettungswagen umgeladen wird. "Das ist in der heutigen Zeit eigentlich unmöglich", sagt Putzer.

Dass die tschechischen Kollegen fachlich auf dem deutschen Niveau agieren, hat Peter Lischker, Leiter des Rettungsdienstes im BRK-Kreisverband Weiden und Neustadt/WN, jüngst bei einem Busunfall - eine Großschadenslage - auf der A6 in Tschechien nahe Waidhaus erlebt. Die Zusammenarbeit mit den tschechischen Kollegen sei "erstklassig" gewesen, berichtet Lischker. Der Bus gehörte zu einem deutschen Unternehmen, alle 16 Verletzten wurden in deutsche Krankenhäuser gefahren. Ein Problem stelle weiter die Sprachbarriere dar. Die tschechischen Kräfte würden oft etwas Deutsch sprechen, ansonsten verständige man sich "mit Händen und Füßen".

SPD: Thema im Landtag


Eine Gruppe von SPD-Landtagsabgeordneten hat derweil einen Dringlichkeitsantrag eingereicht. Sie fordert die bayerische Staatsregierung auf, über den aktuellen Stand der Kooperationsverhandlungen mit Tschechien bezüglich der grenzüberschreitenden Notfallrettung zu berichten. Das Zugunglück in Bad Aibling habe gezeigt, wie wichtig solche Vereinbarungen sind.
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