Wie eine Rollstuhlfahrerin (45) Hilfsbereitschaft erlebt
"Zu viel des Guten"

Symbolbild: dpa

Auf fremde Hilfe ist Gudrun Schuster nicht angewiesen. In ihrer Weidener Wohnung lebt sie alleine. Im vergangenen Jahr absolvierte sie eine Ausbildung in Psychotherapie. Auf ihren Wegen durch die Innenstadt kommt die Rollstuhlfahrerin zurecht - trotz ihrer Behinderung: Die 45-Jährige leidet an einer Koordinations- und Bewegungsstörung, die Folge einer Gehirnoperation im Jahr 2003. An mangelndem Selbstbewusstsein leidet sie nicht. Für den NT hat sie einen Beitrag verfasst, in dem sie appelliert: "Liebe unversehrte Mitmenschen, lasst Rollstuhlfahrer einfach mal sein."

Wenn die Weidenerin mit ihrem Rolli unterwegs ist, sei sie erstaunt über die große Hilfsbereitschaft, erzählt sie. Problematisch werde es, wenn sogar Gehbehinderte den Rollator verlassen, um ihr Türen aufzuhalten. Sie habe doch schon "gefühlte millionenmal" Türen selbst geöffnet! Andere zuvorkommende Mitmenschen würden sie schieben, obwohl sie das gar nicht will. "Für mich ist das gleichbedeutend mit dem, dass ich jemanden unter den Arm nehme und dann einfach mit fortziehe." Klarer Fall: Das sei "zu viel des Guten". Die Begegnung zwischen Nichtbehinderten und Behinderten, so stellt sie fest, sei meist von Verkrampftheit geprägt.

Gudrun Schuster wurde 1970 in Eschenbach geboren. Mit ihrer Familie zog sie nach Tännesberg. In Weiden besuchte sie das Elly-Heuss-Gymnasium, bevor sie an der Universität in Regensburg Diplom-Pädagogik studierte. Ihr Leben änderte sich zu Beginn der 2000er-Jahre. Sie klagte über Sehstörungen, das Sprechen und Laufen fielen ihr immer schwerer. Untersuchungen ergaben schließlich ein Cavernom (sich verknäuelnde Gefäße) im Hirnstamm, das auf Nerven drückte. Bei Fortschreiten drohte Gudrun Schuster zu ersticken. In einer OP im Juli 2003 wurde das Cavernom vollständig entfernt. Folge war jedoch die "postperative Ataxie" (Koordinations- und Bewegungsstörung).

Die Diplom-Pädagogin ist seitdem Rentnerin, machte jedoch Ende des vergangenen Jahres ein mehrwöchiges Praktikum bei "Dornrose". Als Behinderte wolle sie "so wenig Hilfe wie möglich, so viel Hilfe wie nötig", schreibt sie in ihrem Beitrag. Und sie berichtet von einem Weidener Geschäftsmann, der ihr viel mehr Hilfe als erträglich angedeihen ließ: Als Gudrun Schuster gerade mit einer Angestellten sprach, gesellte sich der Chef dazu und hielt der Rollstuhlfahrerin einen Fünf-Euro-Schein hin - mit den Worten "Ich bin Christ". Für die 45-Jährige "eine entwürdigende Situation".
Weitere Beiträge zu den Themen: Gudrun Schuster (2)Cavernom (1)
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