Wie sehen Zuwanderer die Stadt? Wir haben die iranische Fotografin Bahar Moflagh um Antworten gebeten
„"Weiden? Oh mein Gott“"

Viele Zuwanderer sind jüngst nach Weiden gekommen. Wir wollten wissen, wie sie die Stadt sehen, und haben die iranische Fotografin Bahar Moflagh gebeten, mit der Kamera durch ihre neue Heimat zu streifen. Eins ihrer Motive wurde die Spiralbrücke über die B 22.

So kann man's natürlich auch sagen: "Hier ist alles in Ordnung. Oh my god!" Ungefähr so, erzählt Bahar Moflagh, habe sie reagiert, als sie zum ersten Mal in Weiden war. Etwas mehr als vier Jahre ist das her. Die Iranerin war damals von Teheran in die Max-Reger-Stadt gezogen. Von der Millionenmetropole, laut, lebendig, ins Oberpfälzer Oberzentrum, beschaulich, ruhig. Chaos und Trubel kannte sie. Nun also ein gepflegter, sauberer Ort, "wo die Leute Respekt haben für die Natur". Oh mein Gott.

Heute ist diese seltsam beschauliche Stadt längst ihr Zuhause. Und die 32-Jährige weiß nur zu gut, was sie daran hat: "Alle kennen einander, du hast alles, was du brauchst." Moflagh ist damit einer von vielen Menschen, die in jüngster Zeit in Weiden eine neue Heimat gefunden haben. Gleichzeitig gehört sie zu den wenigen, die einen besonderen Blick haben: Moflagh ist Fotografin, die sich nicht nur für die offensichtlichen Motive interessiert. Eine Kombination, die neugierig macht. Deshalb haben wir sie gebeten, mit ihrer Kamera durch die Stadt zu ziehen. Aber nicht zu den altbekannten Fotopilgerstätten wie dem Alten Rathaus. Stellvertretend für all die Neubürger sollte sie vielmehr im Kleinen zeigen, was für sie Weiden ausmacht. Wie sie die Stadt sieht. Einen neuen Blick liefern. Die Ergebnisse - und die Geschichten dazu - finden Sie unten.

Moflagh war dafür am Stadtfriedhof, natürlich in einem bayerischen Wirtshaus. Oder sie schaute sich bei der Polizei um, bei der sie auch schon mal als Dolmetscherin aushalf. Was freilich nicht ihr eigentlicher Beruf ist. Sie hat im Iran Jura studiert, bevor sie - nicht als Flüchtling, sondern wegen ihrer damaligen Beziehung - in die Oberpfalz kam. Hier ist sie seit Kurzem bei Samhammer angestellt. Gleichzeitig hofft sie, nebenbei noch als Fotografin arbeiten zu können. Denn die Juristerei war eine Sache. Eine andere, die sie schon im Iran bewegte: "Da ist auch ein künstlerischer Teil in mir." Also hängte sie nach dem Studium einen Lehrgang als Fotografin dran, brachte selbst Kindern den Umgang mit der Kamera bei. Fotos, sagt sie, "sind wie Magie, wir können die Zeit einfrieren, sie stoppen und uns dann tausend Mal anschauen".

Ein neuer Blick: Wie Bahar Moflagh Weiden sieht


Sie war am Friedhof und bei der Polizei. Kinder hat sie abgelichtet und eine Katze. Nicht gerade die typischen Weidener Fotomotive. Aber genau darum ging es Bahar Moflagh auch nicht. Wir haben die iranische Fotografin gebeten, uns - stellvertretend für die Zuwanderer der vergangenen Jahre - ihren Blick auf Weiden zu zeigen. Auf die Stadt, in der sie seit vier Jahren lebt. Eine Auswahl ihrer Bilder finden Sie auf dieser Seite. Dazu haben wir Moflaghs Geschichten zu den Fotos protokolliert:



Schmerzhafte Erfahrungen mit tollen Türen


Wir sagen immer: Die Augen sind die Tür der Seele. In Deutschland haben aber auch viele Türen eine Seele – wie die hier in Weiden-Ost. Ich mag das, wie die Menschen ihre Eingänge je nach Jahreszeit schmücken.

Im Iran sind die Eingänge eher einfach. Außerdem sind die Türen meistens ganz leicht und oft aus dünnem Metall, weil im Iran Holz knapp ist. Anders als manchmal in Deutschland, was ich schmerzhaft lernen musste. In Weiden wohne ich in einem Altbau mit dicker Holztür. Als ich sie das erste Mal aufgemacht habe, mit einer Hand, da ist sie prompt wieder zugefallen und hat mich eingezwickt. Meine Nase!

Seither weiß ich: In Deutschland braucht man zum Türöffnen besser immer beide Hände, im Iran reicht eine.

Kindheit: Wir wohnen hier im Paradies




Das ist Sophia, eine Freundin. Ich habe sie in der Regionalbibliothek fotografiert. Wie sie lächelt! Das zeigt für mich einfach: Kindheit. In der Welt gibt es viele Kriege oder Armut. Auch im Iran können manche Kinder nicht öfter als einmal im Monat Fleisch essen. Es ist zu teuer. In Weiden dagegen können Kinder spielen, essen. Und sie leben in Sicherheit – das ist ja das Besondere hier: Jeder kennt jeden. Ich glaube, gerade aus Sicht der Kinder wohnen wir in Weiden im Paradies.

Inspiration Stadtfriedhof




Der Stadtfriedhof ist ein guter Platz zum Sitzen und Nachdenken. Deswegen gehe ich da öfter hin. Vom Propheten Mohammed gibt es ja gar keine Bilder. Deswegen sind mir am Friedhof die Darstellungen von Jesus aufgefallen. Mich hat überrascht, wie viele verschiedene Gesichter er hat. Mal hat er Schmerzen am Kreuz, mal ist er stark. Es ist schon interessant, dass die Leute so unterschiedliche Vorstellungen von ihm haben. In meiner Familie sind wir alle Moslems. Aber meine Mutter hat immer gesagt: Wir akzeptieren auch andere gute Menschen, wie Jesus. Ich habe dann als Teenager ein Buch über ihn gelesen. Mir gefällt, dass er ruhig und friedlich war und in allem immer auch das Positive sehen konnte. Ich denke mir bei all den verschiedenen Darstellungen: Es ist eigentlich egal, wie er aussieht. Was er gemacht hat, ist wichtig.

Rohre für Öl im Iran und für Bier in Bayern







Rohre - die gibt es im Süden des Iran. Und in Weiden beim Bräuwirt. Im Iran sind sie viel größer, es sind Pipelines für Öl. In der Gaststätte sind sie fürs Bierbrauen nötig. Verkauft wird am Ende beides. Aber Bier hat den Vorteil, dass es auch noch Touristen anlockt, zum Oktoberfest zum Beispiel. Ich finde Bier super, besonders bayerisches aus dem Fass. Im Iran kann man es nur auf dem Schwarzmarkt kaufen. Es ist verboten - und teuer.





Das bayerische Essen, natürlich!




Wir haben ja auch Kartoffeln und Fleisch im Iran. Aber wir kochen ganz anders, zum Beispiel viel mit Safran. Aber, klar, Schwein essen wir im Iran nicht. Ich hab es dann in Deutschland zum ersten Mal probiert, ein Schnitzel. Das Fleisch war irgendwie süß. In Weiden war ich am Anfang auch fast erschlagen davon, wie viel verschiedenes Brot es gibt. Mittlerweile habe ich viel über das Essen hier gelernt. Ich mag zum Beispiel Leberkäse – und weiß, dass man besser nicht weiß, was drin ist.

Architektur, Tiere, Bäume, Menschen




Das ist mein Kater Jav. Der Name ist persisch und bedeutet „rein“. Jav ist wirklich sehr sauber. Aber das Foto ist mir nicht nur deswegen wichtig: Es zeigt viel davon, was Weiden ausmacht. Alte Architektur, Tiere, Bäume, Menschen – hier gibt es alles nebeneinander. Vom Iran kenne ich das so nicht. Da gehen die Menschen mit Tieren nicht so gut um. Auch vor alten Häusern fehlt oft der Respekt. Die werden manchmal einfach plattgemacht.

"Das ist Kunst, das ist ganz feminin"








Die Kultur im Iran ist viele tausend Jahre alt, viel älter als in Europa. Deshalb denken manche bei Deutschland auch immer nur an moderne Dinge, an Industrie und Autos. Ich war selber überrascht, dass manche Gebäude in Weiden schon so alt sind. Und dass viele Frauen Dirndl tragen. Ich liebe diese Kleider, diese Farben. Das ist Kunst, das ist ganz feminin. Ich will mir selber bald ein Dirndl kaufen.




3 Kommentare
Uli Piehler aus Amberg in der Oberpfalz | 23.10.2016 | 20:12  
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Dr. Peter Steinbock aus Eschenbach in der Oberpfalz | 24.10.2016 | 22:04  
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Wolfgang Göldner aus Weiden in der Oberpfalz | 28.10.2016 | 08:49  
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