Wiener Lehrgrabung bei Dietstätt
Boden-Schätze

Hektik darf nicht aufkommen. Vorsichtiges Arbeiten ist ein Muss, um nichts zu zerstören. Verfärbungen oder Veränderungen im Untergrund lassen Rückschlüsse zu, dass hier einst etwas gestanden haben muss, ein Ofen zum Beispiel.
 
Professor Dr. Erik Szameit (links) zeigt Schwarzachs amtierenden Bürgermeister Franz Grabinger (Mitte), die Umrisse einer Slawenhütte und den Unterbau eines Ofens. Heinrich Schwarz (rechts), Hobbyarchäologe aus Altfalter, geht seit 31 Jahren über die Felder und hat auf dem bei der Lehrgrabung untersuchten Areal Relikte aus der Slawenzeit und deutlich ältere gefunden. Er geht davon aus, dass die Gegend um Dietstätt bereits Jahrhunderte vor Christus besiedelt war. Bilder: Held (4)

Alle reden übers Wetter, auch der Wiener Professor für Ur- und Frühgeschichte, Erik Szameit. Er spricht beim Blick über die Landschaft in Dietstätt, die er so liebt, vom idealen Grabungswetter und im gleichen Atemzug vom Feuchtmachen - des Wetters wegen.

-Dietstätt. Ein sanfter Regen für die Struktur, Wärme mit leichter Bewölkung ohne Schlagschatten, ist des Professors Wunschwetter. Die letzten Tage der Lehrgrabung der Wiener Studenten auf einem Feld am Ortsrand von Dietstätt waren warm und sonnig, zu sonnig. Deshalb ist das Feuchtmachen - das Besprühen des Bodens mit Wassernebel - eine zentrale Aufgabe, um Strukturen sichtbar zu machen, wie die rechteckige Form einer Hütte aus der Slawenzeit zum Beispiel. Zum Vorzeigen brachte die Grabung im August nicht die Welt. Ein Messer vom Typus Frauenmesser wurde in einem Pfostenloch gefunden. Frauenmesser deshalb, weil die Klinge keine zehn Zentimeter lang ist und zum Schneiden von Fäden etwa benutzt wurde. Diskret nennt sie Szameit im Gegensatz zu Männermessern. Klingen mit 12, 15 oder 20 Zentimetern wurden für gröbere Arbeiten gebraucht. Scherben gab es dem Ortsheimatpfleger Heinrich Schwarz zufolge nicht viel, haben die Slawen insgesamt wenig zurückgelassen.

Spannend erzählt


Der Wiener Professor und der Altfalterer Hobbyarchäologe sind sich deshalb einig, die Slawensiedlung wurde nicht gewaltsam zerstört, sondern im 8. Jahrhundert ordentlich geräumt. "Das Brauchbare wurde mitgenommen, das Zerscherbte blieb zurück. So ist es und so war es immer." Szameit erzählt beim Besuch des derzeit amtierenden Schwarzacher Bürgermeisters Franz Grabinger auf der Grabungsstätte, so fesselnd von den wertvollen Befunden und der Arbeit mit Bruchstücken, die sich wie Puzzleteile zusammenfügen, als gäbe es nichts Spannenderes als die Geschichte der Slawen zu erforschen und gleich selbst mit Hand anzulegen. Beim Putzen beispielsweise. Mit Schäufelchen und Pinseln wird vorsichtig und gefühlvoll gekratzt und gekehrt, um nichts zu zerstören.

Streusiedlung


Den Ort für diese Kampagne haben der Professor und die Studenten gut gewählt. Sie haben unter der Humusschicht ein Gehöft freigelegt, vielmehr sind es die Umrisse der Gebäude, Pfostenlöcher und der Unterbau eines Ofens. Zwei kleinere Hütten könnten als Arbeitsbereiche gedient haben. Der mehr als zwölf Quadratmeter große Umriss könnte der letzte Zeuge einer Art Wohnhaus sein, vermutet der Professor. Nur der Zaun fehlt noch. Die Slawen haben ihre Gehöfte mit Flechtwerkzäunen gesichert, sie lebten in Siedlungen, "die locker angelegt waren. Sie pickten nicht aufeinander", erklärt Szameit auf wienerisch und meint, dass sie nicht Tür an Tür lebten.

"Man müsste große Flächen öffnen. Das ist aber nicht machbar und die Zeit drängt," um Licht ins Dunkel des Oberpfälzer Frühmittelalters zu bringen. Die Zeitnot lässt aufhorchen bei Hinterlassenschaften, die mehr als ein Jahrtausend überdauert haben. "In fünf bis zehn Jahren ist diese Siedlung nicht mehr da." Sie liegt so knapp unter der Humusschicht, dass der Pflug schafft, was den Jahrhunderten vorher nicht gelungen ist. Bei den ersten Grabungen ab 2001 wurde noch viel mehr entdeckt,

Szameit schaut immer mal wieder weg von der Grabungsstelle übers Land. Es passt. Die Awaren haben im flachen Land gesiedelt und die slawischen Hilfstruppen haben sich um die Awaren angesiedelt. Auch die Bayern bedienten sich der Slawen als Hilfstruppen. Szameit geht davon aus, dass die bayerischen Vögte auf die Slawen "aufgepasst haben". Mit der Abdankung Herzog Tassilos III. wurde der Besitz eingezogen und unter Vertrauten des Frankenkönigs samt Bevölkerung neu aufgeteilt. Weiding, Altfalter oder Zilchenricht sind vermutlich so entstanden. Die Dietstätter Slawen wurden vielleicht dorthin umgesiedelt.

Ich habe mich in diesen Platz verliebt. Ich fühle mich auf wienerisch gesagt sauwohl.Professor Dr. Erik Szameit


Slawische SpurenRegelmäßig kommen Professor Dr. Erik Szameit von der Universität Wien und Privatdozent Dr. Hans Losert von der Universität Bamberg zu Lehrgrabungen nach Dietstätt beziehungsweise Iffelsdorf. Im Boden bei Dietstätt liegt eine slawische Siedlung. Szameit bezeichnet sie als wahre Rarität in Bayern. 2005 wurde ein Brunnen entdeckt. Am 6. August wurde das slawische Dokumentationszentrum in Weiding, an dessen Entstehen der kürzlich verstorbene Bürgermeister Alois Böhm maßgeblichen Anteil hat, eröffnet. Bei Iffelsdorf sind derzeit Studenten beider Universitäten wieder dabei, möglicherweise weitere Gräber freizulegen. Die Wissenschaftler Szameit und Losert kennen sich seit 1999. Seit 2001 besteht eine Projektvereinbarung zur slawischen Siedlungstätigkeit. Die Forschungsarbeiten unter dem Titel "Die Oberpfalz und ihre Nachbarregionen im Frühmittelalter" werden auch aus Drittmitteln finanziert. Laut Schwarzachs Zweitem Bürgermeister Franz Grabinger unterstützen Landkreis und Bezirk die Arbeiten in Dietstätt.(ihl)
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