Wundersame Heilung ist selten bei Koma-Patienten
Trauriges Beispiel: Prinz Friso

Keine Angst: So lange Sie reden können, kommt die Patientenverfügung nicht ins Spiel.

"Ariel Scharon wurde sechs Jahre lang künstlich beatmet. Wenn Sie wollen, dass nach sechs Wochen Schluss ist, dann schreiben Sie das in Ihrer Patientenverfügung so nieder." Entscheidend ist der Wille des Patienten, machte Dr. Susanne Kreutzer ihren Zuhörern klar. Vorausgesetzt, der Wille ist bekannt.

Ihre Empfehlung deshalb: "Reden Sie mit Ihren Verwandten, mit vertrauenswürdigen Bekannten, damit die auch wissen, was Sie wirklich wollen." Und: "Füllen Sie eine Patientenverfügung aus, in der Sie Ihren Willen festhalten." Wie man das macht, zeigte die Leiterin der Palliativstation in Neustadt anhand praktischer Beispiele auf. Sie hatte zu ihrem Vortrag Formularvorlagen mitgebracht. Dass das Thema Patientenverfügung immer noch zieht, belegte der Besuch der Veranstaltung. Rund 60 Frauen und Männer nutzten dieses Angebot zum Auftakt der Jubiläumswoche am Maria-Seltmann-Haus. Es erwies sich damit als Renner der Vortragsreihe am Montag.

Dr. Susanne Kreutzer vermittelte die schwierigen Fragen im Grenzbereich zwischen Leben und Tod ausgesprochen lebendig. Und trotz des ernsthaften Anlasses auch mit viel Humor. Beispielsweise dank der Erzählung von dem Landwirt, der auf einer Krankentrage ins Klinikum eingeliefert wurde. "Er wachelte mit der Patientenverfügung und rief: Ich hab a Patientenverfügung, aber die gilt noch nicht!" Ihre Zuhörer beruhigte sie: "Keine Angst: So lange Sie reden können, kommt die Patientenverfügung nicht ins Spiel." Ebenso übrigens wie im Notfall: "Bei einem Herzinfarkt liest der Notarzt nicht Ihre Patientenverfügung. Er ist verpflichtet, Sie zu behandeln."

Keine Angst: So lange Sie reden können, kommt die Patientenverfügung nicht ins Spiel.Dr. Susanne Kreutzer, Leiterin der Palliativstation

Erst wenn die Wiederbelebung lange gedauert habe, das Gehirn stark geschädigt sei und der Patient sich nicht mehr verständlich äußern könne, sei eine Patientenverfügung wichtig. Hier gebe es gewisse Empfehlungen aus medizinischer Sicht. "Wenn der Sterbeprozess eingetreten ist, macht eine Verlängerung keinen Sinn", sagte Dr. Kreutzer. Im Endstadium einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheit würde sie deshalb auf lebensverlängernde Maßnahmen, wie künstliche Ernährung, verzichten. Letztlich müsse aber jeder für sich wissen, ob dieser Verzicht sofort umgesetzt werden solle, nach vier Wochen - wie eine Zuhörerin für sich überlegte - oder eben gar nicht.

Gleiches gelte für die künstliche Beatmung, beispielsweise nach einer schweren Hirnschädigung. "Ich erinnere hier an den niederländischen Prinzen Friso, der nach einem Skiunfall lange im Koma lag." Er starb 18 Monate später wegen Komplikationen infolge der Sauerstoffunterversorgung seines Gehirns nach dem Unfall, ließ das Königshaus damals verlauten. Fälle der wundersamen Heilung von Koma-Patienten geisterten immer wieder durch die Medien. "Die sind aber, wenn sie überhaupt wahr sind, nur sehr selten."

Wer auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichte, habe trotzdem Anspruch auf lindernde, pflegerische Maßnahmen. Wichtig seien beispielsweise die Mundpflege zur Vermeidung des Durstgefühls oder schmerzlindernde Medikamente. Über einen entsprechenden Passus in der Patientenverfügung sollte dies eingefordert werden, sagte Dr. Kreutzer. Denn: Gerade in hochtechnisierten Akutkrankenhäusern würden pflegerische Maßnahmen oft in den Hintergrund gedrängt.

Besser zwei Bevollmächtigte


Sie riet ihren Zuhörern, am besten zwei Bevollmächtigte zu bestimmen, die für die Umsetzung der Patientenverfügung sorgen. Sinnvoll sei es auch, die Patientenverfügung mit Hilfe eines Notars abzufassen. Letztlich entscheidend seien die individuellen Wertvorstellungen: Zeugen Jehovas lehnten die Blutübertragung ab. Im Gegensatz dazu habe sich der frühere israelische Ministerpräsident Scharon als orthodoxer Jude dazu verpflichtet gefühlt, alles anzunehmen, was die Medizin ermöglicht. Ihren Zuhörern riet die Ärztin eindringlich: "Schreiben Sie alles so auf, wie Sie sich das wünschen."
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