Zäune überwinden beim ersten ökumenischen Kirchenfest in Neunkirchen
Gemeinsam beten und sägen

"Mit meinem Gott überspringe ich Zäune". Pfarrer Andreas J. Ruhs (rechts) und Pfarrer Armin J. Spießl bevorzugten es, den Zaun, der jahrzehntelang die Grundstücke der evangelischen und katholischen Dionysiuskirche getrennt hatte, gemeinsam zu zersägen. Die Gottesdienstbesucher staunten - und applaudierten schließlich. Bild: Baumgärtner

Vor dem Altar steht die Motorsäge parat. Nur die nötigen Schnittschutz-Talare fehlen. Deshalb greifen die beiden Pfarrer der evangelischen und katholischen Dionysiuskirche am Sonntag bevorzugt zur Bügelvariante. Unter Applaus der Gottesdienstbesucher sägen die Geistlichen los.

"Mit meinem Gott überspringe ich Zäune." Unter diesem Motto steht der Gottesdienst zum ersten ökumenischen Kirchenfest Neunkirchens am Sonntag. Zugegeben. Im 18. Psalm ist original von "Mauern" die Rede. Aber es ist nunmal ein Zaun, der seit Jahrzehnten die beiden Nachbargrundstücke der katholischen und evangelischen Gemeinde in Neunkirchen trennt. Er und einige Pflanzen hier wie da mussten weichen, um ein gemeinsames Kirchenfest feiern zu können.

Oft gedacht, nun gemacht


Oft sei in den gemeinsamen jährlichen Gremiensitzungen über ein ökumenisches Fest nachgedacht worden, erinnert der evangelische Pfarrer Andreas J. Ruhs. Heuer steigt es, freut er sich mit dem katholischen Kollegen Armin J. Spießl. Und so spielt beim Gottesdienst der Posaunenchor, die Ministranten und angehenden Konfirmanden wirken ebenfalls eifrig mit.

Eine logische Konsequenz sei das gemeinsame Fest, betonen die Pfarrer. "Denn in Neunkirchen leben wir gemeinsam. Und wir glauben auch gemeinsam. Wenn auch mit Spezialitäten der jeweiligen Konfession", sagt Ruhs. Nun sei es an der Zeit, Zäune, die ein jeder in seinem Leben zum Schutz und zur Wehr, aus Angst und Verletzungen aufgebaut habe, zu überwinden. "Auch die gilt es zu überwinden, die wir im Glauben aufgebaut haben." Gott ermutige dazu, erklären die Pfarrer. Er gebe den nötigen Schwung, viele Hindernisse überwinden zu können.

Schwungvoll machen sich schließlich auch die Geistlichen an die Arbeit. Der evangelische Pfarrer steht diesseits des Zauns, der katholische Geistliche jenseits. Beide greifen zur Bügelsäge. Die Gläubigen erheben sich neugierig von den Bänken.

Reger Grenzverkehr


Und als die Zähne der Säge schließlich die Querstreben der Lattung durchnagen, applaudieren die Gottesdienstbesucher. "Gehet hin in Frieden: Das sage ich nun nicht", erklärt Pfarrer Spießl. Vielmehr gelte: "Bleibet hier und feiert in Frieden." Genau das tun im Laufe des Sonntags gut 500 Besucher auf den beiden Grundstücken. Der Grenzverkehr tobt. Nicht zuletzt, weil dort, wo früher Zaunlatten die Sicht versperrten, sich nun der Rollbraten dreht, Pommes und Bratwürste brutzeln oder Eisstand und Antipasti-Büfett locken. Die Kinder toben auf der Hüpfburg aus Stroh, schießen auf die Torwand oder basteln Schmuck. Am Nachmittag unterhalten Dave Bickham und Alex Cavoli mit Gitarre, Gesang und Cajón.

Erst kurz vor dem Anpfiff des Abendspiels bei der Europameisterschaft ist es soweit: Die letzten Gäste gehen hin in Frieden.
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