Zapfen wieder möglich: Bayerns einzige Ziegenmilchtankstelle in Wiesendorf hat wiedereröffnet
Bock auf Ziegenmilch

Wer schaut vorbei? Die jungen Ziegen wie diese hier im Stall von Familie Brandl in Wiesendorf wollen das stets genau wissen. Bilder: Schönberger (4)
 
Frische Ziegenmilch und was sich alles daraus zaubern lässt: Das demonstrieren Franz und Erika Brandl am heimischen Küchentisch.
 
Ziegen statt Kühe: Seit die Stallarbeit nicht mehr so mühsam ist, erledigt sie Nebenerwerbslandwirt Franz Brandl mit viel Freude.

Genug gezickt. Nach der Winterpause hat sie nun wieder geöffnet: die bayernweit einzige Ziegenmilchtankstelle in Wiesendorf. Wer hier zapft, ist zu Besuch auf einem etwas anderen Bauernhof.

Es ist eine Welt voll mit kleinen Kuriositäten, die da gleich hinter Neunkirchen anfängt. Eine Welt, durch die etwa zur Begrüßung das aufgeregte Geschnatter eines Indischen Laufentenpaars tönt. Es reckt neugierig die Flaschenhälse in Richtung des kleinen blauen Häuschens, das da am Eingang zum Hof von Familie Brandl in Wiesendorf steht. Schließlich will der Erpel doch sehen, wer da in der Ziegenmilchtankstelle verschwindet.

Es sind viele Amerikaner, die an der bayernweit einzigen Ziegenmilchzapfsäule ihre Flaschen volltanken, verrät Landwirtin Erika Brandl. Warum? "Sie finden Ziegenmilch hochwertiger als Kuhmilch." Andere schauen vorbei, weil sie auf Kuhmilcheiweiß allergisch reagieren oder unter Neurodermitis leiden. Ziegenmilch würden sie prima vertragen. "Manche nutzen die Milch gar als Muttermilchersatz." Marie aber wollte einfach nur kosten: "Jetzt bin ich auch mal hier. Sehr schön hier", schrieb sie neulich ins Gästebuch der Tankstelle. Es liegt gleich neben den frischen Eiern und vis-à-vis des selbst produzierten Honigs.

Sissi, Wolle, Hugo, Helga. So heißen vier der Ziegen, die derzeit auf dem Bauernhof in Wiesendorf leben. Erika und Franz Brandl führen ihn im Nebenerwerb. Aktuell beherbergen sie 36 Ziegen, darunter finden sich 14 Zicklein. Gezeugt im vergangenen Winter von Lockenkopf Hugo, Schlappohr Peter und Dauergrinser Karli, den drei Böcken im Stall. Gerade recken sie ihre Köpfe über die Abgrenzung, springen hoch und meckern ein wenig. Es scheint, als wollten sie die 19 Damen um Wächterziege Helga nebenan vorwarnen: Die Bauern kommen. Es ist Melkzeit.

Zwei bis drei Liter Milch gibt eine Ziege pro Tag, sagt Erika Brandl. Gleich nach dem Melken wird die Milch auf vier Grad gekühlt und in die Tankstelle im blauen Häuschen am Hofeingang gebracht. Ende August 2015 hat die Tankstelle eröffnet. Ab November war sie schon wieder geschlossen: "Weil die Ziegen zwei bis drei Monate Melkpause einlegen, um zu kitzeln", erklärt Erika Brandl. Kitzeln, so nennt sie es, wenn Ziegen ihre Kitze gebären. Seit März ist die Ziegenmilchtankstelle aber wieder in Betrieb. Wer zapft, zahlt zwei Euro pro Liter. Drei bis vier Tage sei die Ziegenmilch mindestens haltbar.

Lockstoff Leckerlis


Landwirt Franz Brandl macht sich gerade daran, die Tiere in den Melkstand zu locken. Mit Leckerlis. Da lassen sich die ersten sechs Ziegen nicht lange bitten: Flott, aber geschmeidig, biegen sie mit ihren dünnen Beinchen ab zum Melkstand, springen grazil hinauf und balancieren an Artgenossinnen vorbei zu ihrem Platz. Die neckische Melkmaschine ist flugs am Euter angebracht. Die Milch läuft, die Ziegen fressen. Franz Brandl massiert derweil das Euter der nächsten Goas. "Kühe machen müde", kommentiert Erika Brandl das tierische Schauspiel. "Mit Ziegen aber erlebst du jeden Tag ein neues Abenteuer."

Bis 2013 hielten die Brandls Milchkühe. "Das sind eher introvertierte Tiere, die entspannt herumliegen", sagt Erika Brandl. Harte Arbeit sei das mit ihnen gewesen. Dazu kam die Sorge um den Verfall des Milchpreises. Zeitgemäß fand die Landwirtin die Arbeit mit Kühen außerdem nicht mehr. "Und dann haben die Kinder auch immer gesagt, mit Kühen übernehmen sie den Hof nicht. Warum also hätten wir weitermachen sollen?"

Zumal es mit den sechs Ziegen gut lief, die sich die Familie seit 2012 nach und nach angeschafft hatte. Also verkauften die Brandls die letzten zehn Kühe. Stattdessen zogen noch mehr Charaktertiere auf den Hof, wie sie Erika Brandl nennt: "Ziegen sind ein Erlebnis", schwärmt sie weiter. "Es gibt nichts Mistigeres als eine Ziege." Zuletzt habe es eine gar fertiggebracht, mit ihren Hörnern das Selbstfanggitter zu öffnen.

Landwirt Franz Brandl schätzt anderes an Ziegen. Das Euter der Anglo-Nubier-Rasse zum Beispiel, die gewöhnlichen Tierbetrachtern vor allem wegen ihrer Hängeohren ins Auge sticht. "Weil er fand, diese Ziege habe so ein tolles Euter, fast wie eine Kuh, bekam er eine solche zum Geburtstag." Eine weitere brachte die Tochter mit. Und noch eine. Die Tochter war es auch, die die Brandls auf die Idee mit der Milchtankstelle gebracht hat. "Sie sollte Frischmilch vom Bauern holen. Aber sie wollte nicht, um den Landwirt nicht beim Melken zu stören." Bei einer Tankstelle wäre das kein Problem, meinte sie. Die Idee zur Ziegenmilchtankstelle als Absatzmöglichkeit war geboren. Nur die Umsetzung gestaltete sich nicht so leicht. Dem Veterinäramt fehlte es an Erfahrungswerten mit einer solchen Tankstelle. Damit war es nicht allein: Eine Ziegenmilchtankstelle war Neuland für bayerische Behörden. Schließlich half der Tiergesundheitsdienst für kleine Wiederkäuer. Ende August 2015 öffnete die Tankstelle.

Kostprobe wagen


Doch wie schmeckt sie nun, die frische Rohmilch von der Ziege? Weiß und dünner als gedacht fließt sie ins Glas auf dem Küchentisch der Brandls. Dazu reicht die Ernährungsfachfrau Erika Brandl selbst gemachten Ziegen-Weichkäse, der von der Konsistenz Mozzarella gleicht. Daneben stehen Frischkäse, Ziegenkäse eingelegt in Öl mit trockenen Tomaten und Knoblauch. Sogar Hartkäse von der Goasmilch tischt die Nebenerwerbslandwirtin auf. Die meisten würden sich vor dem ersten Schluck etwas zieren, verrät Erika Brandl. Aber nur, um sich dann zu begeistern. Stimmt. Gerade gießt sie nach, schiebt die Käseplatte näher ran. Am Ende verschmähen die Ziegenprodukt-Verkoster nur eines am Tisch: das Bauernbrot.

Geschafft. Die Melkzeit ist vorbei, die Brandls können die Tankstelle wieder mit Frischmilch füllen. Sie ist rund um die Uhr geöffnet. "Die Nachfrage ist ganz gut." Deshalb wird weiter munter gemeckert in Wiesendorf. Ab Sommer dürfen die Ziegen auf der eigens eingezäunten Weide neben dem Hof grasen. Sehr zur Freude des neugierigen Indischen Laufentenpaars: Ziegen nebenan bieten sicher viel Stoff für weiteres Geschnatter.
Kühe machen müde. Mit Ziegen aber erlebst du jeden Tag ein neues Abenteuer.Erika Brandl
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