Ziele sind hochgesteckt
FOS/BOS lehrt Integration

Sie ziehen zugunsten der Integrationsvorklasse alle an einem Strang (stehend, von links): Timmy Schlesinger, Jonas Meiler (beide SMV), die Lehrkräfte Michaela Reichenberger, Florian Staufer, stellvertretender Schulleiter Jürgen Gleixner. Sitzend: Schulleiterin Gabriele Dill (links) und die Nachhilfe-Tutorinnen Milena Fichtl und Juliane Scherr (Mitte, von links) mit den beiden Schülern Abdul-Hamid Rahimi und Viktor Stoliarov (rechts).
 
Üben, üben, üben: Das ist vor allem in Deutsch wichtig, wissen Michaela Reichenberger und Jacob Weiß (hinten, stehend), die in der Integrationsvorklasse Deutsch als Zweitsprache bzw. Englisch unterrichten. Die Schüler sind ehrgeizig, sagen die Lehrer übereinstimmend. Bilder: Götz (2)

Ein junger Albaner musste kürzlich zurück in seine Heimat. "Er ging mit Tränen in den Augen", erinnert sich Lehrer Florian Staufer. Damit zählt die Integrationsvorklasse an der Weidener FOS/BOS derzeit noch 17 Schüler aus fünf Ländern. Im Sommer wird noch einmal aufgestockt.

Vor acht Wochen startete das bayerische Pilotprojekt in Weiden, Würzburg und Kempten: Junge Asylbewerber, aber auch Jugendliche mit Migrationshintergrund sollen in den Integrationsvorklassen auf den Mittleren Bildungsabschluss vorbereitet werden und auf den regulären Unterricht an der FOS/BOS, um das Fachabitur zu erwerben. Für dieses Ziel ziehen in der Weidener Bildungseinrichtung alle an einem Strang.

Der wichtigste Part kommt natürlich den Lehrkräften zu. "In den ersten beiden Wochen gab es noch viel Organisatorisches zu klären", erinnert Staufer unter anderem an Fahrtkostenanträge. Das ist vorbei. Doch zu 100 Prozent planbar ist der Unterricht nicht. Bei 17 Schülern aus 5 Nationen mit 8 verschiedenen Sprachen tauchen immer wieder unvorhersehbare Aspekte auf. Dazu kommt: Die Vorkenntnisse der Schüler sind völlig unterschiedlich. "Unsere Lehrkräfte müssen flexibel und kreativ sein", weiß Schulleiterin Gabriele Dill. Und sie entwickeln immer wieder neue Ideen. Michaela Reichenberger zum Beispiel. Sie unterrichtet Deutsch als Zweitsprache und hat das Nachhilfeangebot durch Tutoren angeregt. Schüler bzw. Schülerinnen wie Juliane Scherr oder Milena Fichtl - beide Jahrgangsstufe 12 - geben einmal die Woche Nachhilfe.

"In Mathe sind sie besser als wir", gesteht Juliane Scherr schmunzelnd. "Aber wir üben mit ihnen Vokabeln, erklären in Deutsch oder Englisch die Hausaufgaben." Zugleich verschafft der Nachhilfeunterricht den Tutoren spannende interkulturelle Einblicke, sagt Juliane. "Letzte Stunde haben wir nur über Politik geredet. Sie hören häufig Nachrichten aus ihrer Heimat. Was sie erzählen, ist sehr interessant. Außerdem ist es etwas ganz anderes, mit jemandem zu sprechen, der auf einem Flüchtlingsboot war, als das im Fernsehen zu sehen."

"Sie sind ehrgeizig"


"Miteinander zu sprechen, ist auch wichtig, um schneller Deutsch zu lernen", hat Viktor Stoliarov festgestellt. Der 16-Jährige ist mit seiner Familie als Spätaussiedler aus der Ukraine gekommen. Er selbst hat dort nur in der Schule ein bisschen Deutsch gelernt, das meiste erst, seit er vor knapp acht Monaten nach Deutschland kam und eben jetzt in der FOS/BOS. Völlig bei Null angefangen haben Abdul-Hamid Rahimi (18) aus Afghanistan und Obada Alkseem (18) aus Syrien, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge seit rund einem Jahr in Deutschland leben.

"Sie sind ehrgeizig", sagt Florian Staufer über alle seine Schützlinge. "Am Anfang mussten wir sie im Unterricht direkt bremsen, weil es ihnen nicht schnell genug ging." Zwei Schüler wollen in den Pfingstferien, unbedingt Praktika machen, um Erfahrungen zu sammeln. "Wir unterstützen sie, wo wir können."

Die Ziele sind hoch gesteckt: Obada möchte Apotheker werden, wie sein Vater, der - so erzählt der 18-Jährige - als letzter Apotheker in seiner 70 000 Einwohner zählenden Heimatstadt ausharrt, um die Menschen nicht im Stich zu lassen. "Wir freuen uns alle, hier zu sein. Und wir haben sehr nette Lehrer", sagt Abdul-Hamid. Sein Berufsziel: Bankkaufmann. Mathe macht ihm keine Schwierigkeiten. "Ich denke, unser einziges Problem ist, dass wir nicht so gut Deutsch können", sagt er in ziemlich gutem Deutsch. Der Haken, so Gabriele Dill: "Es fehlt ihnen an Fachausdrücken. Zum Beispiel, wenn von einer landwirtschaftlich stillgelegten Nutzfläche die Rede ist."

Da heißt es: Üben, üben, üben. Dazu trägt neben Unterricht und Nachhilfe auch das Buddy-Projekt der Schülermitverantwortung bei (siehe auch Kasten oben). "Alle unsere Lehrer und Schüler haben die Integrationsvorklasse von Anfang an begrüßt", betont Gabriele Dill. Die Schülermitverantwortung - darunter auch Jonas Meiler und Timmy Schlesinger - riefen das Buddy-Projekt ins Leben. Rund 60 Buddys unterstützen das achtköpfige SMV-Team bereits. Zum Beispiel beim Bowling-Abend, der bestens ankam. "Es ist erstaunlich, dass in so kurzer Zeit solche Freundschaften entstehen können", wundert sich Timmy selbst über die schnellen Erfolge.

Ab Sommer zwei Klassen


Dazu kommt für Schule und Schüler noch Hilfe von außen, erinnert Florian Staufer: vom Jugendmigrationsdienst der Katholischen Jugendfürsorge und von einer Studentin aus Regensburg. Sie bietet Sprachlernberatung an und begleitet das Schulprojekt wissenschaftlich. Die Integrationsvorklasse läuft so gut, dass Gabriele Dill und ihren Lehrkräften vor der nächsten Stufe nicht bange ist: Schon im Sommer soll eine zweite Klasse starten. Dill: "Bewerbungen sind willkommen. Jeder, der entsprechende Fähigkeiten hat, muss eine Chance bekommen."

Buddy-Projekt"Buddy" kommt aus dem Englischen und bedeutet Kumpel, Partner. Gleich als bekannt wurde, dass die FOS/BOS Weiden eine Integrationsvorklasse erhalten wird, bot die Schülermitverantwortung ihre Unterstützung an und startete das Buddy-Projekt. Zu den bisherigen Aktionen zählen der Welcome-Brunch im Februar, ein Fußballturnier und ein Bowling-Abend mit rund 70 Teilnehmern. "Die Buddys haben das Ganze betreut, den Fahrdienst übernommen, und die SMV hat den Abend finanziert", berichtet Jonas Meiler. Knapp 60 Buddys - auch die Nachhilfe-Tutoren zählen dazu - unterstützen mittlerweile die Schüler der Integrationsvorklasse: auf freiwilliger Basis und in Abstimmung mit der achtköpfigen Schülermitverantwortung.

Das Projekt läuft so erfolgreich, dass die SMV der FOS/BOS beschlossen hat, sich damit am Wettbewerb des Landesschülerrates in Bayern zu beteiligen. Jonas Meiler gibt sich selbstbewusst: "Wir sind zuversichtlich und hoffen auf eine gute Platzierung." (ps)
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