Zum Tag der Putzfrau
Von wegen Bodenkosmetikerin

Putzen kann auch gute Laune machen: Silvia Feiler (vorne) und Silvia Reinhardt bringen es zusammen auf 32 Jahre geballte Putzerfahrung. Teamleiterin Feiler bleibt der Branche vor allem deshalb treu, weil Chef Harald Seiffert ihr auch typische Männerjobs auf der Baustelle zutraut. Bilder Herda: (5)
 
Fensterreinigung innen und außen, Temperaturwechsel inklusive.
 
Fensterreinigung innen und außen, Temperaturwechsel inklusive.

Es gibt den Kauf-nix-Tag, den Weltvegantag und den Tag der Leber. Und dann ist da noch der Tag der Putzfrau am heutigen Dienstag, 8. November. Höchste Zeit, diesen sauberen Berufsstand, ohne den wir im Dreck erstickten, in den Fokus zu rücken.

Alles beginnt mit einem Widerspruch. "Ich weigere mich, als Putzfrau betitelt zu werden", stellt Silvia Feiler das Projekt "Tag der Putzfrau" infrage. "Ich bin eine Reinigungsfachkraft", erklärt die 38-Jährige. Am Titel soll es nicht scheitern. Zumal Kollegin Silvia Reinhardt noch andere Begriffe ins Rennen schickt: "Manche sagen Putzfee", lacht die 44-Jährige, "andere auch Bodenkosmetikerin." Die Natur des Reinigungsalltags: Er ist meist zu Ende, wenn andere ihre Läden öffnen. Oft um 5 Uhr, heute um 6 Uhr startet die Sauberfrau an der Bahnhofsstraße - Einladen der Arbeitsgeräte bei der Gebäudereinigung Seiffert.

Erste Station: Weigelstraße, Optik Gufler, Treppenhaus. Eine klassische Tätigkeit, die wir von der ungeliebten Hausordnung her kennen. "Kehren und runterwischen", runzelt die 38-Jährige die Stirn, "ganz so einfach ist das nicht."

300 Seiten Grundwissen


Mit Meister-Proper-Werbewissen kommt man da nicht weit. "Ich kann Ihnen unser normales Lehrbuch geben", klärt Harald Seiffert auf, "das hat 300 Seiten, und Sie benötigen zumindest chemisches Grundwissen." Der Chef selbst hat eine Reinigungsenzyklopädie in fünf Bänden im Regal stehen, wo schon die Inhaltsübersicht ein naturwissenschaftliches Studium nahelegt.

In der Reinigungspraxis vor Ort muss Feiler auch mit den Grundbegriffen der Unfallverhütung vertraut sein - mal schnell auf einen Hocker klettern, um zum Fenster hochzusteigen, ist nicht. Mini-Podest, Leiter und Teleskopwischer gehören zur Grundausstattung. Die gelernte Friseurin hat inzwischen die ganze Familie mit dem Putzteufelvirus infiziert: "Wir sind eine richtige Gebäudereinigerfamilie", grinst sie. "Mein Mann ist im Außendienst, Fenster und Baustellen." Der 16-jährige Sohn zieht eine Ausbildung in Erwägung.

Nächste Station: 9 Uhr, Neunkirchen, ein Privathaus: Der distinguierte Herr, dessen Name nicht genannt werden muss, legt großen Wert auf Korrektheit. Ein Grund, warum er auf "seine Frau Feiler" nichts kommen lässt: "Ihr größtes Verdienst ist Pünktlichkeit", lobt der ehemalige Zolldirektor, "sie ist schnell und sauber." Das geht runter wie Öl. "Heute schmieren Sie mir aber Honig ums Maul", freut sie sich. "Das heißt schon was", ergänzt die Lebensgefährtin des 82-Jährigen, "Lob ist sonst ja nicht so seins."

Fingerspitzengefühl


Private Haushalte sind für Seiffert ein wachsender Geschäftszweig: "Da kann ich nicht jede hinschicken", macht der Chef deutlich. Bei den meist gut situierten Herrschaften ist besonderes Fingerspitzengefühl gefragt. "Da kann jemand noch so gut putzen, wenn er mit den Leuten nicht umgehen kann." Man spürt, dass zwischen Kunde und Zugehfrau die Chemie stimmt. "Viele ältere Leute wollen vor allem plaudern", sagt Feiler schmunzelnd. "Man hat fast den Eindruck, das Putzen ist nur ein Vorwand, so sauber, wie's da oft ist."

Nächste Station: 10.30 Uhr, sanierte SGW-Blocks in der Brehmstraße . "Da waren wir schon fertig", stemmt Feiler mit Blick auf die Handwerkerspuren in den obersten Wohnungen die Arme empört in die Hüften. "Jetzt müssen wir wieder durchwischen." Silvia Reinhardt stöhnt über die Sisyphusarbeit. Zwei Handwerker unterhalten sich vor der Tür. "Müsst ihr noch mal rein?", fragt Feiler herausfordernd. "Wir sollten eigentlich schon komplett fertig sein", kommt die Antwort im Handwerkerkonjunktiv. "Ja, so werdet ihr das nicht lassen können", deutet sie auf die Wand hinter der Tür, die wegen eines Kabels aufgebrochen wurde. "Dekoration", sagt der Geselle grinsend.

"Die Verhandlungen auf den Baustellen führt meistens der Capo", sagt Feiler. "Wir werden oft von den Männern nicht so ernst genommen." Dann nimmt sie ihre Verantwortung als Teamleiterin wahr: "Hast du dir nicht mal überlegt", fragt sie ihre Helferin, "ob du eine Arbeitshose anziehst?" Reinhardt murmelt indifferent: "Kannst du dich noch an die Schürzen von früher erinnern?" Volle Frauensolidarität: "Schürze geht gar nicht." Und deutet dann auf ihre Schuhe: "Ich hab dem Chef gesagt, ich möchte die Sicherheitschuhe mit den rosa Streifen." Das sei doch wohl egal, habe der gemeint. Von wegen: "San des Puma?", fragt die Kollegin anerkennend. "Gibt's da Nike aa? Ich bin so ein Nike-Fan."
_____________________________________________________________________

Zitate

Silvia Feiler,
Reinigungsfachkraft

Bezahlung: "Ist o.k., als Friseurin verdient man deutlich weniger, bekommt aber mehr Trinkgeld. Man fängt mit Tarif bei 9,80 Euro an. Ich bin jetzt bei 11,80 plus Zuschlag Objektleitung."

Gehaltserhöhung: "Ich bin eine, die diskutieren will - he, Chef, wie schaut's aus, ich hätte gerne 50 Cent mehr. Dann sagt er: ,Du pass auf, warten wir mal ab, du bekommst drei Monate lang fünf Objekte mehr, und wenn's läuft, kriegst deine 50 Cent.' Er möchte auch seinen Nutzen, und pokern braucht man bei ihm nicht. Ich kann nicht klagen, meinen Willen habe ich früher oder später doch durchgesetzt."

Lob: "Mein Chef sagt immer, ich bin ein Unternehmen im Unternehmen. Viele Kunden fragen nach mir. Ich glaube, sie schätzen, dass ich weiß, was ich tue, aber auch freundlich bin."

Preiskampf: "Es gibt zu viele Firmen in Weiden, der Konkurrenzdruck ist zu groß."

Schlimmstes Erlebnis? "Messie-Wohnungen. Einmal musste ich ein Klo putzen, das seit 20 Jahren nicht mehr gereinigt worden war - seit die Frau gestorben ist. Danach haben ich und das Auto gestunken. Und eine Frau litt unter Inkontinenz, da war die ganze Wohnung verkotet."

Schönstes Erlebnis: "Manchmal komme ich in Häuser wie die 2,5-Millionen-Euro-Villa mit Wellnessbereich und Innenpool - so was bekommst du ja normal nicht zu sehen."

Technischer Fortschritt: "Von der Messe in Berlin hat der Chef Schrubbautomaten zum Draufstellen mitgebracht, eine Art Segway - gar nicht so einfach, und geht ins Kreuz. Saugroboter? So was wäre nichts für ältere Herrschaften, die plaudern wollen!"

Silvia Reinhardt,
Reinigungskraft


Finanzen: "Ich bin Teilzeit, etwa vier Stunden am Tag. Mit der 5er Steuerklasse bleiben knappe 600 Euro - könnte schon mehr sein."

Knochenjob: "Das ist schon sehr anstrengend und geht auf die Bandscheiben. Was willst du machen, ich mach' halt so weiter."

Was ich vermisse: "Den Snackautomaten im ,Neuen Tag'. Wir fangen um 5 Uhr an, da haben wir Hunger."
_____________________________________________________________________

Minijobs und Altersarmut

Gewerkschaft kritisiert: 171 504 Frauen droht Mini-Rente
Unsichere Jobs sind meist Frauensache: In der Oberpfalz arbeiteten Ende letzten Jahres 171 504 Frauen in Teilzeit, Mini-Job oder Leiharbeit. Damit machten sie 73 Prozent der "atypischen Beschäftigung" im Regierungsbezirk aus, wie eine gleichnamige Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung zeigt. "Prekäre Jobs führen zu niedrigeren Rentenansprüchen", sagt Karl Toth, Regionalsekretär der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt.

Von den 6499 offiziell gemeldeten Oberpfälzer Reinigungskräften sind lediglich 3429 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. "Zu freiberuflichen Putzkräften kann ich keine Angaben machen", erklärt Toth.

"Es gibt aber eine große Zahl über das Haushaltsscheckverfahren in privaten Haushalten legal geringfügig beschäftigte Reinigungskräfte." Andere seien "schwarz unterwegs" oder als "Nachbarschaftshelfer" aktiv. "Wir stellen fest, dass die Anzahl der Minijobber im gewerblichen Bereich leicht sinkt und in privaten Haushalten leicht zunimmt."

Harald Seiffert, Chef der Gebäudereinigung Seiffert , sieht sich in einem Balanceakt: "Wenn eine Mitarbeiterin gutes Geld bekommt, ist sie viel engagierter", plädiert er für ordentliche Beschäftigungsverhältnisse. "Andererseits machen fast alle Läden um 9 auf, rein komme ich um 7 Uhr - da bin ich automatisch in der Geringverdienerschiene."

Faire Entlohnung hält die Gebäudereiniger-Innung Nordbayern für selbstverständlich: "Den Mindestlohn haben wir im Jahr 2007 und damit lange vor den seit 1. Januar 2015 geltenden Vorschriften eingeführt", sagt Seiffert. Der Lohntarifvertrag und der Mindestlohntarifvertrag seien seit dem 1. Januar 2016 in Kraft.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.