Zwei Studienräte mit Metallsuch-Detektoren unterwegs
Blindgänger öffnet Augen

Die Metallsucher Seite an Seite. So waren die Studienräte Christian Obermayer (links) und Michael Burkhard auch am Dienstag in der Nähe des Waldspielplatzes unterwegs, als sie die Stabbrandbombe fanden. Bild: Götz
 
Kleine Münzen aus aller Herren Länder, dazu Militärschrott. Ihr besonderer Stolz ist jedoch das Hufeisen, vermutlich aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, denn es erzählt eine spannende Geschichte. Bild: Götz

Eine vergessene Bombe lässt die verdrängte Vergangenheit wieder wach werden. Und sie wirft viele Fragen auf. Nicht nur Amerikaner legten einen Bombenteppich auf die Stadt. Auch Engländer nahmen sie unter Feuer. Davon zeugen die Bombe am Waldspielplatz sowie die englischen Geschosshülsen, die Christian Obermayer und Michael Burkhard entdecken.

Aber wie kommen die jungen Studienräte, beide Familienväter, beide Hausbesitzer, dazu, mit ihren Sonden durch die Wiesen und Wälder zu streifen? Christian Obermayer (35) ist Geschichts- und Deutschlehrer am Kepler-Gymnasium. "Wir versuchen die Kinder zu begeistern. Geschichte muss explorativ sein, experimentell, spannend. Die Schüler müssen selbst etwas entdecken können, was ihnen etwas aus der Vergangenheit erzählt", erklärt der Pädagoge, der aus Passau stammt. Zum Schülerwettbewerb 2011 "regionale Geschichte" des Bundespräsidenten hatte er "die Idee", mit den Schülern zu "sondeln" und die Ergebnisse auszuwerten.

Und seitdem geht es mit den Sechstklässlern vom "Kepler" mit Sonde, Klappspaten, Pickel und "Pin-Pointer" hinüber ins Stadtbad. "Dort finden wir jede Menge Münzen. Die Leute verlieren permanent etwas und das nicht erst seit gestern: Letzte Woche haben die Schüler vier Reichspfennige aus dem Jahr 1927 und auf dem Sportplatz eine uralte Trillerpfeife aus Metall ausgegraben."

Das Bestimmen und Einordnen der Münzen, das Diskutieren darüber, wie sie wohl an den Fundort kamen, ob sie vermisst, gesucht, oder nur weggeworfen wurden, sei ebenso fesselnd wie lustig. "Die Schüler sind da ganz bei der Sache. Jeder schöne Fund birgt 1000 Fragen. Und viele erzählen ihre Geschichte. Wir müssen nur aufmerksam sein. Es schlummern noch so viele Geschichten im Boden, die bisher nicht erzählt sind."

Goldschmuck nie dabei


Und was den Schülern so viel Freunde macht, pflegt der Lehrer auch gern ganz privat. "Das ist wie beim Schwammerln, findest einen schönen Pilz, willst immer weiter suchen." Dieser Leidenschaft frönt seit einem halben Jahr auch Freund und Kollege Michael Burkhard (38), Erdkunde- und Englischlehrer am Kepler. Und da Burkhard in Weiden-West wohnt, wird eben dort, quasi vor der Haustür "gesondelt". "Man weiß ja nie, was man findet: einen lumpigen Nagel, Kupfer- oder Silbermünzen. Goldschmuck war noch nie dabei."

Geduld ist beim Suchen sowieso nötig: "Das macht ja auch den Reiz." 90 Prozent sind schon mal Fehlfunde. "Sie glauben gar nicht, was an Bierdeckeln und Müll im Boden liegt." Selten stimmt die Aussage, je höher der Ton der Sonde, umso wertvoller der Fund: "Sunkiss-Tüten geben ein so tolles Signal. Wir nehmen den Müll mit und entsorgen ihn."

Lieber nicht gefunden


"Die Bombe hätten wir lieber nicht gefunden", gestehen die Studienräte, die zunächst annahmen, sie hätten "eine Art Traktorwelle" entdeckt. "Etwas Großes zu finden, ist zunächst einmal super", erklärt Burkhard. Doch die verschiedenen Metalle (Eisen, Aluminium und Magnesium), die Obermayers Metall-Detektor anzeigte, machten sie stutzig.

Nach der kurzen Recherche im Internet war klar: Vor ihnen lag eine Stabbrandbombe. "Wir haben sofort alles liegen lassen, sind erst mal 20 Meter weg und haben die Polizei verständigt. Es ist gut, dass dieses gefährliche Ding gefunden wurde. Jetzt ist es weg." Die Pädagogen warnen jeden, der unbekannte verdächtige Funde macht: "Hände weg, nichts berühren! Eine Bombe sieht oft nicht wie eine Bombe aus!"

Im Bereich der Schustermooslohe lasse sich überraschend viel Munitonsschrott finden. "Gab es hier eine größere Stellung, gab es Kampfhandlungen, von denen man nichts mehr weiß?" Bei der Antwort könnten auch die Bilder helfen, die die US-Luftaufklärung in den Jahren 1944/1945 schoss. "Wie so oft, muss uns das Stadtarchiv weiterhelfen", meint Christian Obermayer. Für ihn steht fest, dass er irgendwann die Schustermooslohe und deren Vergangenheit mit seinen Schülern in einem Geschichtsprojekt erforscht. "Wir haben alles, was man dazu braucht."

WettbewerbsreifDie Neugierde des Geschichtslehrers ist geweckt. Und er hofft, auch seine Schüler für einen Wettbewerb um die Vergangenheit des Bereichs westlich der Schustermooslohe begeistern zu können. Denn die Funde von Stabbrandbombe sowie der Geschosse und Geschosshülsen der Royal Airforce und der US-Army, aber auch amerikanische Pistolengeschosse deuten darauf hin, dass am Waldspielplatz zum Ende des 2. Weltkrieges ein Ziel lag, das die Alliierten für bekämpfenswert hielten. Auch finden sich Munitionsreste aus deutscher Produktion. Interessant sei aber auch, dass sich im Waldboden nicht nur bis zu zwei Meter tiefe Mauerstümpfe, sondern auch starke Stahlbetonplatten befinden. "Die Torfarbeiter hatten sicher keinen Stahlbeton."


"Da bist ganz schnell ein Raubgräber"Metall-Detektor kaufen, Klappspaten einpacken und raus auf Schatzsuche? So einfach ist es nicht. Denn nicht überall darf "gesondelt" werden. "Da bist ganz schnell im Bereich einer Straftat und ein Raubgräber." So ist etwa ein Blick in den Bayerischen Denkmal-Atlas unerlässlich. Den gibts unter Bayernview im Internet. "Der Freistaat ist da wirklich ganz fortschrittlich", loben die beiden Studienräte Christian Obermayer und Michael Burkhard, die Weiden und das Umland durchstreifen. Und: Privatgrund ist sowieso tabu.

Seit fünf Jahren pflegt Obermayer sein Hobby und "sondelt". Fünf sechste Klassen des Kepler-Gymnasiums haben ihn dabei begleitet und sich für die regionale Geschichte begeistern lassen. Der wichtigste Fund ist ein Hufeisen, das besonders viel zu erzählen hat. Es ist fast etwas unförmig, sicher handgeschmiedet und stammt damit aus der Ära vor der industriellen Fertigung. Zudem ist es besonders stark, gehörte damit zu einem großen, stämmigen Pferd, vermutlich einem Kaltblüter. Der "Aufzug" vorne sowie die beiden Stollen sind kaum abgenutzt. Aber: Zwei Nägel stecken noch im Eisen. Und das heißt, dass das gemütliche Pferd sehr schnell laufen musste. Warum? Und warum hat niemand das teure Eisen geborgen? Fragen, über deren Antwort die Schüler immer gerne "spekulieren". (wd)
1 Kommentar
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Alexander Bremer aus Trabitz | 25.09.2016 | 09:51  
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