Zweiter Verhandlungstag im Prozess nach Scheinkauf durch Zollbeamten mit Codename "Klaus"
Zuhälter im Staatsauftrag

Der Scheinkäufer kommt durch den Hintereingang in den Schwurgerichtssaal. Deckname "Klaus", Adresse Zollfahndungsamt München. Man würde diesem verwegenen Typen alles zutrauen, nur auf Beamter käme man nie. Auch die Angeklagten fielen auf seine Legende vom "Zuhälter aus München" herein. "Klaus" spielte im Staatsauftrag den Crystal-Großkunden.

Es ist ein bisschen wie im "Tatort", was "Klaus" und seine "Führerin" - eine Beamtin des Zollfahndungsamtes - am Freitag vor Gericht ausbreiten. Der Tipp sei von Vertrauenspersonen aus dem Milieu gekommen: Ein Trio in Tschechien kaufe ephedrinhaltige Medikamente zur Drogenherstellung auf. Es biete zudem kiloweise Crystal an und wolle eine Lieferschiene nach Deutschland aufbauen. "Es ging um etwa zehn Kilo pro Monat", sagt die "Führerin". Sie kontaktierte zunächst einen türkischen V-Mann, dessen Handynummer den drei Angeklagten zugespielt wurde. Beim Treffen stellte der Türke dann Boss "Klaus" vor.

Lokal voller Polizisten


Für die Übergabe des ersten Kilos trafen sich der serbische Verkäufer und Scheinkäufer "Klaus" in einem Lokal in der Regensburger Straße. Die Polizistendichte muss enorm gewesen sein. Es war Mittagszeit. "Klaus" hatte einer Observationseinheit und das MEK dabei. Und auch der Serbe sicherte sich ab: Ein paar Tische weiter nahmen die beiden Mitangeklagten Platz. Der Serbe verteilte zur Tarnung Ausdrucke von "mobile.de" auf dem Tisch. Sollte die Bedienung etwas von großen Geschäften mitbekommen, musste sie von Autokäufen ausgehen. "Nicht schlecht gemacht", lobt "Klaus".

Ihm selbst unterlief dann ein "kleiner" Fehler, über den er heute noch grinst. Er übernahm am Parkplatz das erste Kilo, verbaut in einem Klimagerät. Abgemacht war, dass er mit der Ware wegfahren und sie testen dürfe. Als "Pfand" blieb der Türke am Tisch sitzen. "Tja, und dann habe ich mich verwogen", gibt "Klaus" zu. Statt des Kilos zeigte seine Waage nur 870 Gramm an. "Klaus" machte - zurück im Lokal - dem Verkäufer die Hölle heiß. "Ich dachte felsenfest, der wollte uns über den Tisch ziehen." Empört zahlte er nur 18 000 Euro.

"Klaus" entschuldigte sich später per SMS, und schon eine Woche später folgte die nächste Lieferung. Der Serbe übergab wieder ein Kilo im Klimagerät. Das Kilo war gar nicht bestellt. "Klaus" hatte nichts Bares dabei, durfte die Ware aber trotzdem behalten. Für Rouven Colbatz, Verteidiger des Serben, spricht das nicht für eine Profi-Bande: "Ein Kilo auf Kommission - ist das üblich?" "Mir ist es noch nie passiert", sagt "Klaus" und scherzt: "Aber schauen Sie mich an: vertrauenswürdig ohne Ende."

"Der Alte kocht"


Den Verteidigern bleibt einiges suspekt. Anwalt Franz Schlama beklagt, dass sein slowakischer Mandant (55) einen Monat "weggesperrt" war, ehe man ihm einen Pflichtverteidiger beiordnete. Anwalt Tobias Konze hält die Akte für unvollständig: Es fehlen die Videos und Tonaufnahmen der Observationen. Nach Auskunft der Ermittler sind sie unbrauchbar. Konze hätte sie trotzdem gern.

Die beiden Mitangeklagten - ein Tscheche (46) und ein Slowake (55) - spielten bei den Übergaben nur eine passive Rolle. Nach Auskunft der türkischen V-Person haben aber der Slowake beim ersten Sondierungsgespräch das große Wort geführt. Als der 55-Jährige einmal fehlte, hieß es: "Der Alte kocht in Tschechien."

Von "Legionär" bedroht?


Anwalt Rouven Colbatz echauffiert sich über einen angeblichen Vorfall im Juni 2015. Ein Mann mit Spitznamen "Der Legionär" soll seinen Mandanten in Tschechien bedroht haben, sollte er nicht liefern - im Namen der V-Personen. "Klaus" und seine Führerin sagen dazu nichts: "Das ist durch unsere Aussagegenehmigung nicht gedeckt." Für Colbatz bedeutet das, "dass der Besuch stattgefunden hat und nur zum Wohl der Bundesrepublik nicht preisgegeben wird".

Fortsetzung nach den Osterferien. Das Gericht hofft, dann auch die V-Personen vernehmen zu können. Inkognito und durch die Hintertür.
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