70 Jahre "Der neue Tag": Interview mit der Geschäftsführung des Medienhauses
Qualität hat Zukunft

Den digitalen Wandel gestalten und die Plattform Nummer eins in der Region werden. Das ist das Ziel der Spitze des Medienhauses "Der neue Tag": Geschäftsführende Verlegerin Viola Vogelsang-Reichl und die Geschäftsführer Reinhold Pöll (links) und Thomas Maul. Bild: Götz
 
Das Medienhaus baut - wieder einmal - für die Zukunft und auf den Standort an der Weigelstraße. Der Umzug der technischen Bereiche ins Druckzentrum ermöglichte den Anbau eines modernen Funktionsgebäudes an das Stammhaus, das umgebaut und energetisch saniert wurde. Im Hintergrund die Max-Reger-Halle und das Hotel "Admira". (Foto: Gerhard Götz)

Seit den Anfängen vor 70 Jahren hat sich "Der neue Tag" stets gewandelt. Das Zeitalter der Digitalisierung stellt das Unternehmen vor neue Herausforderungen. Die Geschäftsführung sieht das Medienhaus für die Zukunft gerüstet.

Journalismus hat nach einem geflügelten Wort auch die Aufgabe, zu verhindern, dass Gras über eine Sache wächst. "Der neue Tag" beherzigt das in jeder Hinsicht, auch im wörtlichen Sinn - wie man an der regen Bautätigkeit in Weiden sehen kann ...

Geschäftsführende Verlegerin Viola Vogelsang-Reichl: Es wird hier in der Weidener Innenstadt auch wieder grün - es ist nicht so, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Unsere Räume lassen aber künftig Veränderungen zu, um auf neue Geschäftsmodelle flexibel reagieren zu können.

Geschäftsführer Thomas Maul: Wir haben uns mit der Stadt darauf geeinigt, dass wir mit mehreren Baufortschritten das Gelände weiterentwickeln wollen. Der erste Schritt ist das Bauvorhaben für uns als Verlag. Die bestehenden Parkplätze werden wir wieder herrichten, und je nach Entwicklung mit einem zweiten und vielleicht einem dritten Bauabschnitt das Grundstück weiterentwickeln. Das Thema wird sich womöglich auch über Angebot und Nachfrage entwickeln. Vielleicht gibt es einen Glücksgriff. Das grobe Konzept umfasst eine Kombination aus gewerblicher Nutzung, die vom Prinzip her Hotel, betreutes Wohnen oder Geschäftsgebäude sein kann, mit einer privaten Nutzung.

Geschäftsführer Reinhold Pöll: Wir haben uns mit dem nun fast abgeschlossenen Projekt nichts verbaut - auch um unseren Teil zur Stadtentwicklung beizutragen. Wir sind nach allen Seiten offen.

Kräne, Bagger und moderne Architektur sind die sichtbaren Zeichen einer Großbaustelle - symbolhaft stehen sie auch für einen Umbauprozess im Unternehmen. Was hat sich für die Medienmacher verändert, und wie reagiert das Medienhaus darauf?

Viola Vogelsang-Reichl: Das Informationsbedürfnis der Menschen hat sich verändert. Es ist nicht mehr so, dass sie einmal am Morgen die Neuigkeiten in der Zeitung lesen wollen, sondern gerade die jüngere Generation möchte Informationen jederzeit und überall abrufbar haben. Auf diese Situation reagieren wir. Beispielsweise im Bereich der Redaktion: Wenn ein Mitarbeiter bei einer wichtigen Veranstaltung ist, dann kann er mit einer ersten Online-Veröffentlichung nicht warten, bis er wieder an seinem Schreibtisch sitzt. Da tritt das Thema mobiles Arbeiten stärker in den Vordergrund.

Thomas Maul: Dabei geht es auch nicht mehr darum, dass Leser klassisch etwas suchen, sondern - wenn gewünscht - über eine Push-Funktion immer die aktuellsten Informationen über das, was sie interessiert, bekommen.

Das Onetz - früher: Oberpfalznetz - hat sich in diesem Zusammenhang als starke Marke in der Region etabliert ...

Thomas Maul: Das war deutlich zu sehen im Zuge des erfolgreichen Relaunchs im Herbst. Wir haben das Onetz nach 20 Jahren auf eine neue Plattform aufgesetzt. Der Name hat sich verändert, damit sprechen wir auch die jüngere Generation an und binden das Onetz in das Gesamtkonstrukt des Medienhauses ein.

Auf welche weiteren Entwicklungen dürfen die Leser gespannt sein?

Viola Vogelsang-Reichl: Derzeit testen wir eine App. Als nächstes wollen wir eine Community aufbauen: Sowohl Leser als auch freie Mitarbeiter haben die Möglichkeit, sich einzubringen, der Dialog wird verstärkt. Wo wollen wir letztlich hin? Wir wollen die Plattform Nummer eins in der Region sein. Egal, was die Nutzer suchen - ob es Nachrichten, Veranstaltungen oder Service-Themen sind - im besten Fall haben die Menschen im Hinterkopf: "Da schau ich im Onetz nach!"

Wie grenzt sich Qualitätsjournalismus ab von der Gerüchteküche?

Viola Vogelsang-Reichl: Unser Thema ist die Glaubwürdigkeit. Im Gegensatz zu Darstellungen beispielsweise in Blogs oder sozialen Medien, die vom Prinzip her nicht journalistisch recherchiert sind und insofern keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit erheben, können sich unsere Leser und Nutzer darauf verlassen, dass bei uns alle Seiten beleuchtet werden und dass wir die Hintergründe präsentieren.

Thomas Maul: Eine Herausforderung ist dabei, die Balance zu kriegen zwischen der schnellen Nachricht und dann dem Ausführlichen, dem Detaillierten, vielleicht auch Hintergrundwissen in der Zeitung. Damit bedienen wir in Zukunft weiter beide Medien, denn eines ist klar: Wir glauben an das gedruckte Wort.

Reinhold Pöll: Das Flaggschiff ist weiterhin die Zeitung. Wir wollen das Gedruckte als Kerngeschäft beibehalten, aber auch der Online-Entwicklung gerecht werden.

Welche Perspektiven zeichnen sich für Werbekunden ab?

Reinhold Pöll: Wir stellen fest, dass unser Anzeigenmarkt Potenziale hat. Es gibt viele kleinere Dienstleister in der Region, die etwas anbieten, aber nicht das große Portfolio, das wir vorhaben. Wir wollen unseren Anzeigenkunden sowohl die Printschiene, aber auch die digitale Welt anbieten. Unser Anspruch ist, dass wir alles aus einer Hand anbieten. Wenn in der Region etwas verteilt oder verkauft wird, wenn jemand einen Partner sucht, um etwas zu verbreiten, dann möchten wir der erste Ansprechpartner sein.

Thomas Maul: Das gilt auch für Privatkundenmärkte. Es gibt beispielsweise verschiedene Modelle, etwa Traueranzeigen digital auszubauen – ein Trauerportal, ein digitales Kondolenzbuch –, also weitere Dienstleistungen um das Thema herum sind denkbar. Das kann man sich auch für Geschäftskunden vorstellen. Wir können ein Gesamtportfolio bauen. Das kann klassisch aus Print bestehen, aus einer gedruckten oder digitalen Kundenzeitung, einer Image-Broschüre oder einer klassischen Anzeige. Wir können aus unseren Archiven auch Chroniken nachbauen, etwa für Firmenjubiläen.

Das Medienhaus hat Anfang des Jahrzehnts in ein hochmodernes Druckzentrum investiert. Welche Möglichkeiten hat das eröffnet?

Thomas Maul: Wir haben damals in eine Maschine investiert, die qualitativ und technisch heute noch auf dem Stand der Zeit ist. Das ist auch im vergangenen Jahr deutlich geworden. Wir haben im Bereich Druck die größten Zuwachsraten. Es ist ein weiter wachsender Markt, deswegen investieren wir in diesem Jahr in die Weiterverarbeitungs-Technologie des Druckzentrums. Wir versuchen, unsere Druckprodukte verstärkt regional zu verkaufen, aber in Kooperation auch deutschlandweit.

Reinhold Pöll: Ein hochwertiges Produkt ist die „Vivo“. Wir wagen einen neuen Ansatz, es im Markt zu etablieren, und wollen eine Klientel erreichen, die für solche hochwertigen Produkte in der Region vorhanden ist. Die Gestaltung können wir in unserem Druckzentrum leisten. Bei der Zeitungsproduktion haben wir ein ganz aktuelles Beispiel: die Halfcover-Anzeige vor der ersten Seite. Das sind Einnahmequellen, die mit unserer Maschine möglich sind. Wir wollen dies forcieren, aber nicht, um kurzfristige Umsätze zu generieren. Wir wollen eine Nachhaltigkeit beim Kunden, einen Kundennutzen aufbauen.

Das Medienhaus ist als Oberpfälzer Familienunternehmen fest in der Heimat verwurzelt. Welche Stärken sehen Sie darin?

Thomas Maul: Die größte Stärke im Vergleich zu einem Konzern ist die direkte Ansprechbarkeit unserer Gesellschafter. Wir gehören nicht einem Investmentfonds, wo es nur um ganz harte Kennzahlen geht. Wir haben eine harte Kennzahl, das ist die hohe Eigenkapitalquote. Das bedeutet, wir gehören nicht den Banken. Ich sehe ein solches Familienunternehmen agiler am Markt.

Reinhold Pöll: Eine Eigenkapitalquote von über 50 Prozent – meines Erachtens noch zu wenig – gibt uns den Spielraum, Veränderungen in der Verlagsbranche nicht unter dem Druck umsetzen zu müssen, den andere haben. Handlungsdruck führt zur einfachsten Lösung: Man geht ans Personal. Die Personalthematik stellt sich bei uns nicht.

Viola Vogelsang-Reichl: Wir stehen für Kontinuität. Wir sind die gleichen drei Familien als Gesellschafter, die nach wir vor ihr Interesse an der Region und am Unternehmen bekunden. Das gibt Mitarbeitern ebenso wie Kunden Sicherheit.

Wenn Sie eine Vision für das Medienhaus in 70 Jahren entwerfen würden, wie sähe diese aus?

Thomas Maul: Ich denke, dass auch in der Zukunft die Menschen eine Art von Kommunikation und Information brauchen. Ich glaube aber, dass sich die Kanäle in der Zukunft komplett geändert haben werden. Kommunikationsunternehmen wird es noch geben. Und ich hoffe, dass eine vom Grundgesetz garantierte neutrale Berichterstattung weiter gewährleistet ist.

Viola Vogelsang-Reichl:
Unser Haupthaus gibt es in 70 Jahren hoffentlich immer noch. Wie dann unsere Nachfolger dort arbeiten, wird sich sicherlich völlig verändert haben.

Reinhold Pöll: Spannend finde ich die nächsten fünf Jahre. Ich glaube, dass jetzt die Richtungen vorgegeben werden, und es wird interessant, beim 75-jährigen Bestehen des Medienhauses den dann Verantwortlichen in dieser Runde diese Frage zu stellen.
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